Ausgabe 04/25

Ein Instrument lernen? Mit links!

Laila Kirchner


Die dominante Hand ist stärker, geschickter, schneller und ausdauernder als die andere. Die nicht dominante Hand hält den Nagel, die dominante schlägt ihn mit dem Hammer ein. Linkshänder:innen werden durch die auf Rechtshänder:innen ausgelegte Umwelt beeinflusst und üben oft Tätigkeiten entgegen ihrer Veranlagung aus. Die Umschulung von Linkshänder:innen zum Schreiben mit rechts kann schwerwiegende kognitive und seelische Folgen haben und gilt seit 2002 als Körperverletzung.

Instrumente für Linkshänder:innen sind gespiegelt zu herkömmlichen Instrumenten gebaut. Bei Holzblasinstrumenten greift die dominante linke Hand unten (Blockflöte, Klarinette) oder außen (Querflöte), was das Halten erleichtert, den Atem freier fließen lässt und die Wahrnehmung für das ganze Instrument stärkt. Bei Blechinstrumenten für
Linkshänder:innen werden die Ventile der Trompeten links gedrückt und bei Posaunen der Zug mit links geschoben. Bei Saiteninstrumenten zupft oder streicht die linke Hand und gestaltet ausdrucksvoll den Klang. Die rechte Hand greift vorbereitend die Töne auf dem Griffbrett ab.

Am Klavier greift die linke Hand die kräftige Melodie in den hohen Tasten und die rechte spielt die Begleitung. Bei Schlaginstrumenten setzt die linke Hand ihre Kraft auf die Betonung ein und sorgt damit für rhythmische Präzision.

Lebensthema


Es war in einem Musikpsychologie-Kurs im Bachelorstudium, als ich erfuhr, dass es Instrumente für Linkshänder:innen gibt und einige von Beginn an darauf spielen lernen – gespiegelt zu Rechtshänder:innen. Das traf mich wie ein Blitz! Hatte ich etwas verschlafen?

Als eindeutige Linkshänderin von klein auf durfte ich alles mit meiner dominanten Hand ausführen: Malen, schreiben, schneiden ... nur in der Musik passte ich mich, ohne es zu hinterfragen, an. Begonnen mit dem Cello im Alter von knapp sieben Jahren, gefolgt von Blockflöten, Klavier, Geige, Sitar, Viola, Querflöte ... und immer kämpfte ich mit meiner schwachen rechten Hand. Ich nahm beispielsweise den Bogen kaum wahr und konnte nur mühsam bewusst streichen, war verkrampft und ließ ihn gelegentlich fallen. Links hatte ich ein zu starkes Vibrato und perkussive Fingeraufsätze. Am Klavier war immer der Bass zu stark und die Melodie nicht schnell und präzise genug. Die Zupfhand beim Sitar-Spielen war verkrampft und zu langsam. Und alles Musizieren, obwohl ich es für mein Leben gerne tat, war immer auch anstrengend und erschöpfend. Sofort bestellte ich mir das Buch Musizieren mit links von Walter Mengler und kurz danach ein Linkshänder:innencello. Das Thema meiner Bachelorarbeit stand damit fest und im folgenden halben Jahr übte ich eifrig auf meinem neuen Instrument. Ich begann mit Kinderliedern, dann folgten Bachsuiten bis hin zu Konzertstücken, und das Ganze neben meinem Studium in herkömmlicher Spielweise. Bei Streichinstrumenten haben beide Hände so unterschiedliche Aufgaben, dass ich die Bewegungsabläufe komplett neu erlernen musste. Aber es gab auch sprunghafte Entwicklungsschritte, indem ich plötzlich alle vier Halslagen spielen konnte.

Beobachtungen


In einem Streicherklassen-Praktikum erlebte ich, was es für linkshändige Kinder bedeutet, zum Streichen mit rechts gezwungen zu werden. Ein Zweitklässler nahm den Bogen immer wieder automatisch in die linke Hand, wurde zunehmend aggressiv und schlug damit zur Abwehr nach der Lehrerin. Trotz bester Noten in allen anderen Fächern stellte er sich beim Streichen und Greifen extrem ungeschickt an und lernte keinen richtigen Ton zu spielen. Ein Mädchen war anpassungsfähiger und strengte sich sehr an. Sie konnte mit den Rechtshänder:innen mithalten, klagte aber immer wieder über Schmerzen im rechten Arm und der Hand. Sie war schnell erschöpft und brauchte längere Pausen. Leider war die leitende Dozentin nicht offen dafür, sie einfach invertiert zu unterrichten. Sie stellte die Gleichförmigkeit und ihre eigene Gewohnheit über das körperliche und psychische Wohlergehen der Kinder. Etwas später absolvierte ich ein Praktikum in einer Celloklasse im Programm Jedem Kind ein Instrument (JeKi). Dort entdeckte ich ganz überraschend drei Linkshänder:innen, die inmitten von Rechtshänder:innen gespiegelt spielten. Für alle war das selbstverständlich, keiner war irritiert. Die Dozentin Mechthild van der Linde unterrichtet seit den 1990er Jahren alle Linkshänder:innen entsprechend ihrer Veranlagung und hat damit einen Weg gefunden, ihnen die Gestaltung der Töne mit dem Bogen unmittelbar beizubringen, ohne Schmerzen, Verzweiflung und Überforderung: «Der größte Vorteil ist dieses Gefühl! Wenn ein Linkshänder gezwungen wird, mit rechts zu streichen, hat er eigentlich immer Probleme, das zu fühlen, was ich im Unterricht erreichen möchte», so van der Linde.

Orchester


Dieses Schlüsselerlebnis motivierte mich, in einem Universitätsorchester invertiert zu spielen. War doch das schlagende Argument vieler Pädagog:innen, dass man so nicht im Orchester spielen könne. Bei der ersten Stimmprobe waren wir Cellist:innen alle irritiert. Danach wurde es schnell normal und keinen störte es, als ich beim Konzert am ersten Pult spielte. Man nimmt Ab- und Aufstrich als zwei unterschiedliche Dynamiken wahr. So waren wir energetisch weiterhin synchron. Im Publikum bemerkte es niemand. Seitdem habe ich mehrere meiner Instrumente umgelernt und über die Webseite Linksgespielt.de viele invertiert spielende Musiker:innen kennengelernt.

Waldorfschulinstrumente


Entsprechend habe ich die pentatonischen Flöten der Firma Choroi in links- und rechtshändiger Bau- und Spielweise miteinander verglichen. Die Flöten sind aus einem Stück gebaut und haben die Grifflöcher für die jeweilige Hand etwas seitlich angeordnet, was sie für kleine Kinderhände gut greifbar macht. Choroi baut Linkshänder:innenflöten in allen Variationen. Die Firma Mollenhauer baut alle Blockflöten der Waldorf-Edition auf Nachfrage auch für Linkshänder:innen. Es gibt keine Kinderharfen für Linkshänder:innen. Sie halten sie einfach mit rechts und zupfen in umgekehrter Saitenrichtung mit links. Aber die Sopranleier von Choroi gibt es in beiden Versionen. Diese hat alle zwölf Halbtonschritte einer Oktave, wie das Klavier. Die Saiten sind versetzt aufgezogen, sodass man mit der dominanten Hand die meisten Töne spielt und mit der nicht-dominanten Hand nur einzelne. Mit Leichtigkeit finden meine linken Finger die richtigen Saiten und haben die Fähigkeit, die Töne bewusst und gefühlvoll anzuschlagen. Die rechte Hand ergänzt einzelne Töne von hinten.

Pädagogik


Linksspieler:innen können die Griffe und Bewegungen der Lehrer:innen einfach spiegeln. Als Lehrer:innen sollten wir uns der Händigkeit unserer Schüler:innen bewusst sein und dafür sorgen, dass alle Linkshänder:innen gespiegelte Instrumente erhalten. Es geht nicht um die Frage, ob sie auf herkömmlichen Instrumenten spielen können oder nicht, sondern um die effiziente und gesundheitsförderliche Nutzung der Leistungsunterschiede beider Hände. So können Körper, Seele und Geist im Einklang wirken und ein natürliches, freudvolles Musizieren ermöglichen.

Weiterführende Informationen zum linkshändigen Musizieren: Linksgespielt.de

Kommentare

Konstanze Schuberth, Neustadt Weinstraße,

Die Begegnung mit Laila in einem Workshop im Januar 2025 hat für meine musikpädagogische Arbeit, für den Diskurs in meinen diversen Kollegien und für weitere Menschen aus meinem Umfeld viele Bewegungen und Veränderungen angeregt.
Alles, was in diesem Artikel steht, kann ich inzwischen wirklich nachvollziehen und unterstützen.
Vielen Dank dafür!

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