Ausgabe 10/25

Ein Ja zur Wut im Herzen

Anne Brockmann
Netzwerkleiterin Sanem Kleff


Die Butter hat noch nicht ganz Zimmertemperatur. Deshalb geht das Kneten etwas schwer. Aber nicht mehr lange, dann wird das Gemenge in der großen Schüssel knusprig-braun gebacken sein und einen köstlichen Duft verströmen. Kekse werden gebacken. Viele Kekse. Und zwar Kurabiye À la Aysel (Anm. d. Red.: Name geändert), so wie Aysel sie von zu Hause aus der Türkei kennt. Kurabiye heißt Kekse auf Türkisch und Aysel backt sie heute blechweise – in der Schulküche der Freien Waldorfschule am Prenzlauer Berg in Berlin. Um sie herum wuseln ein paar Dutzend Erst- und Zweitklässler:innen. Es ist ein besonderer Tag, an dem in der Küche ein Meer aus Kurabiye entsteht: nämlich der Aktionstag gegen Rassismus und für Courage. Die Freie Waldorfschule am Prenzlauer Berg ist Mitglied im Netzwerk Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. Seit gut einem Jahr ist sie bemüht, dem Titel gerecht zu werden.

Das Schulklima mitgestalten
 

Sanem Kleff leitet seit über 25 Jahren Deutschlands größtes schulisches Netzwerk zur Prävention von Diskriminierung jeglicher Art. Ihr ist es wichtig, das Bemühen in den Vordergrund zu rücken: «Die Aufnahme in das Netzwerk ist keine Auszeichnung für etwas bereits Geleistetes, sondern ein Versprechen an die Zukunft. Dazu gehört eine Selbstverpflichtung, zu der sich die einzelnen Mitglieder einer Schulgemeinschaft aus freiem Herzen bekennen können.» Kleff studierte in ihrer Geburtsstadt Ankara einst deutsche Sprache und Literatur, arbeitete als Lehrerin an einer Hauptschule in Berlin und füllte verschiedene Ämter in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft aus. Die Idee zu Schule ohne Rassismus wurde 1988 in Belgien entwickelt und 1992 in den Niederlanden als School Zonder Racisme übernommen. Hierzulande hat Aktion Courage e.V. das Programm 1995 initiiert. Der Verein wollte Strukturen schaffen, die es Kindern und Jugendlichen ermöglichen, sich in der Zivilgesellschaft einzubringen. Als erste deutsche Schule wurde am 21. Juni 1995 das Immanuel-Kant-Gymnasium Dortmund aufgenommen. Inzwischen hat das Netzwerk mehr als 4.800 Mitgliedsschulen, an denen über zweieinhalb Millionen Schüler:innen lernen. 127 Koordinierungsstellen und rund 400 außerschulische Kooperationspartner unterstützen die Schulgemeinschaften in ihrem Engagement gegen Rassismus und für mehr Courage. 30 Jahre nachdem es ins Leben gerufen wurde, soll das Projekt Schüler:innen, Pädagog:innen und allen anderen Menschen im Mikrokosmos Schule noch immer die Möglichkeit bieten, das Klima an ihrer Schule aktiv mitzugestalten und sich bewusst gegen jede Form von Diskriminierung, Mobbing und Gewalt zu wenden.

Ein altersdifferenziertes Programm
 

Am Prenzlauer Berg hat vor rund drei Jahren eine Projektwoche den Anstoß dafür gegeben, dem Netzwerk beizutreten. Die Projektwoche ging auf die Initiative eines Vaters zurück. Im Projektteam waren von Anfang an Paula Weitzel und Johanna Graichen. Sie besuchen die zwölfte beziehungsweise die elfte Klasse. Paula sagt, bei ihr sei es zunächst nicht explizit nur ein politisches Interesse gewesen, das sie zum Mitmachen bewegt hat, sondern auch die Begeisterung dafür, etwas Neues aufzubauen, und der Wunsch nach mehr Mitsprache im Schulalltag. Inzwischen versteht sie sich als Brücke von den Schüler:innen zu den Lehrer:innen, die auf beiden Seiten Bewusstsein wecken möchte. «Für einen konstruktiven Umgang mit rassistischen Schmierereien auf Tischen und Bänken zum Beispiel», sagt Paula. Johanna nimmt bei vielen Lehrkräften an ihrer Schule eine Unsicherheit wahr, wenn sie mit potenziell oder auch offensichtlich diskriminierenden Inhalten zu tun haben: «Inwieweit darf ich als Lehrperson politisch sein? Und inwieweit muss ich es? Da schwimmen viele, glaube ich.»

Politisch sein – wie das geht, und zwar im Kleinen, Alltäglichen, altersdifferenziert, mit Ernst und Heiterkeit, in Gedanken und mit den Händen, das haben Paula und Johanna im Juni diesen Jahres wiederholt gezeigt. Schon zum zweiten Mal haben sie den Aktionstag mitorganisiert, der an die Mitgliedschaft im Antidiskriminierungsnetzwerk und an die damit verbundenen Ideale erinnern soll. «Uns war wichtig, dass wirklich alle Schüler:innen mitmachen können – auch die kleinen. Deshalb haben wir uns als Gruppe von acht Leuten ein buntes Programm überlegt», erzählt Paula. Formen zu finden für die Allerjüngsten, die dem Thema angemessen sind, aber nicht ängstigen oder überfordern, das sei eine der schwierigsten Aufgaben gewesen, berichten die beiden. Schließlich seien sie keine Pädagoginnen und hätten von Methodik und Didaktik nicht viel Ahnung. «Einige Lehrer:innen hatten da echt Vorbehalte. Da hätten wir uns mehr Rückenwind gewünscht», erinnert sich Johanna. Schlussendlich hat das Orga-Team um die beiden aber für alle Klassenstufen eine geeignete Form gefunden. 

Ansprechen im Ich
 

Das dürfte ganz im Sinne sein von der Leiterin des Courage-Netzwerks Kleff. Denn die findet: Der zweite Teil des Netzwerknamens, Schule mit Courage, geht viel zu häufig unter. Menschen mit Courage gilt es zu stärken. Für Kleff ist das eine der zentralen Aufgaben von Schule überhaupt. Das Wort Courage kommt aus dem Französischen setzt sich zusammen aus den Wörtern cœur Herz und rage Wut. Es meint also eine Wut, die sich im Herzen regt, wenn wir etwas wahrnehmen, das uns unangemessen, ungerecht oder unverhältnismäßig erscheint, wenn Securities einen Obdachlosen drangsalieren beispielsweise. Das Ausbilden von couragierten Menschen brauche zweierlei, sagt Kleff: sogenannte Softskills, aber auch Werkzeug, das ganz handfest ist. Zu den benötigten Softskills gehören für sie Berührbarkeit, Empfindsamkeit und ein Wahrnehmungsvermögen für Einzigartigkeit und Unterschiede. Zu den Werkzeugen zählt sie Methoden der Selbstreflektion, Input zum Wesen von Wünschen und Bedürfnissen, zur Gruppendynamik und Aufklärung über Rechte und Möglichkeiten, die wir haben. 

«Die Selbstverpflichtungserklärung für unsere Mitgliedsschulen beginnt ganz bewusst mit dem kleinen Wörtchen ,Ich‘. Es soll jede:n als Individuum ansprechen, das sich bewusst zu diesen Zielen bekennt», sagt Kleff. In Artikel 1 der Erklärung steht: «Ich setze mich dafür ein, dass meine Schule nachhaltige Projekte, Aktionen und Veranstaltungen durchführt, um Diskriminierungen, insbesondere Rassismus, zu verhindern.» Um Mitglied im Netzwerk zu werden, müssen sich mindestens 70 Prozent aller Mitglieder einer Schulgemeinschaft in einer geheimen Abstimmung für den Beitritt entscheiden.

Songs und Zeitzeugen
 

Während die Erst- und Zweitklässler:innen aus Berlin an ihrem Aktionstag im Juni Kurabiye gebacken, etwas über die türkische Kultur erfahren und Stoffwimpel bemalt haben, haben die Drittklässler:innen mit einem Rapper einen Song zum Thema Vielfalt erarbeitet. Die vierte Klasse war zum Zeitpunkt des Aktionstages auf Klassenfahrt, die fünfte hat im Jüdischen Museum an einem Workshop teilgenommen zu der Frage, ob sich Geschichte 
wiederholt. Die Klassen 6 und 7 hatten Besuch von Referent:innen von Engagement Global, der zentralen Anlaufstelle für entwicklungspolitisches Engagement in Deutschland. Sie haben sich mit Vorurteilen und Klischees beziehungsweise mit Menschenrechten beschäftigt. Für die Klassen 8 bis 13 standen fünf Kurse zur Auswahl, zwischen denen die Schüler:innen wählen konnten. So erzählte zum Beispiel die Zeitzeugin Salomea Genin davon, wie sie während der NS-Zeit als jüdisches Mädchen aus Berlin nach Australien geflohen ist. Hans Hutzel, Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS), der seit September das Projekt Demokratiekultur in Schule des BdFWS leitet, gestaltete einen Kurs zu den rassistischen Aussagen Rudolf Steiners und unterstütze das Orga-Team beim Vorbereiten des Aktionstages. Am Abend hielt er den Impulsvortrag für eine Diskussionsrunde von Lehrkräften und Eltern. Auch für sie ein Angebot bereitzuhalten, war dem Orga-Team wichtig. Schließlich ist es immer die gesamte Schulgemeinschaft, die beim Engagement für mehr Courage gefragt ist.

Chancen und Risiken
 

Kleff lobt Eigenschaften der Waldorfpädagogik, die die Courage in jungen Menschen bewahren und stärken könne, etwa die Bedeutung der Kunst, die ganzheitlichen Betrachtung der Persönlichkeit und die Naturverbundenheit. Kritisch betrachtet sie «die zum Teil sehr unterschiedlichen Profile der einzelnen Schulen, die nicht mal innerhalb einer Stadt vergleichbar sind, weil sie so sehr von den jeweiligen Menschen geprägt sind».

Einig sind sich Kleff, Paula und Johanna wohl darin, dass die derzeit 21 Waldorfschulen, die Mitglied im Netzwerk Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage sind, zu wenige sind. «Ich würde mich freuen, wenn sich die Zahl bald vervielfacht», bekräftigt auch Hutzel. Paula und Johanna hat das Organisieren des Aktionstages viel Kraft gekostet, sagen sie. Es sei aber schön gewesen, mitzubekommen, wie viel sie den anderen Schüler:innen damit geben konnten, «besonders den jüngeren». «Rückblickend hätten wir uns sehr gewünscht, dass eine Gruppe von Schüler:innen so etwas auch für uns organisiert. Das Gefühl, es dann selbst zu tun, war erfüllend und schön», fassen die beiden zusammen. 

Waldorfschulen mit dem Titel «Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage»
(Jüngste teilnehmende Schule zuerst)

Lernort Nieperfitz,
Freie Waldorfschule Balingen,
Freie Waldorfschule Augsburg, 
Freie Waldorfschule am Prenzlauer Berg,
Rudolf-Steiner-Schule Lüneburg, 
Rudolf Steiner Schule Coburg, 
Freie Waldorfschule Minden, 
Freie Waldorfschule Soest, 
Freie Waldorfschule Everswinkel, 
Freie Waldorfschule Halle, 
Freie Waldorfschule Stade, 
Freie Waldorfschule Leipzig, 
Windrather Talschule, 
Freie Waldorfschule Eisenach, 
Freie Waldorfschule Braunschweig, 
Freie Waldorfschule Harzvorland, 
Freie Waldorfschule Lippe – Detmold,
Rudolf Steiner Schule Altona, 
Freie Waldorfschule Magdeburg, 
Freie Rudolf-Steiner-Schule Ottersberg, 
Waldorfschule Potsdam, 
Freie Waldorfschule Schwäbisch Gmünd,
Rudolf-Steiner-Schule Bielefeld

 

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