Ausgabe 10/26

Eine App fürs Feldmessen

Wulf Frost. Bild: privat

Christian Boettger | Wie sind Sie Waldorflehrer geworden?
Wulf Frost | Ich habe zunächst eine Erzieherausbildung gemacht – aus Interesse an der Entwicklungsunterstützung von Jugendlichen. Danach qualifizierte ich mich für ein Studium der Sozialpädagogik und schloss 1996 als Diplompädagoge für alle Werkfächer ab. Handwerkliches Tun mit Jugendlichen war mir damals schon sehr wichtig. Ich arbeitete dann – nach einem Weg über die Selbstständigkeit als Parkettverleger – ab etwa 2011 in den Bereichen Erlebnispädagogik, Schulassistenz, Flüchtlingshilfe und Berufseinstiegsbegleitung. Die Waldorfschule lernte ich über unsere Kinder kennen und 2021 wurde ich von unserer Schule gefragt, die Vertretung des Werklehrers zu übernehmen. Ich gab dann auch Übstunden in Mathematik, als dort plötzlich Bedarf war, und entdeckte meine Freude daran, in diesem Kontext zu arbeiten, sodass ich die dreijährige, berufsbegleitende Waldorflehrerausbildung anschloss. Als Parkettverleger arbeite ich auch weiterhin. Außerdem als Freelancer für Netzwerktechnik und Webseitenentwicklung.

CB | Das klingt nach einem sehr breit aufgestellten Arbeitsleben – und nach einem klar strukturierten Alltag, um alles unterzubringen. Wie erleben Sie als Quereinsteiger die Arbeit an Ihrer Schule?
WF | Ich habe jetzt in meinem vierten Jahr das dritte Feldmesspraktikum betreut. Aus finanziellen Gründen und aus Gründen der Konzentration auf die sogenannten Lern- und Prüfungsfächer wurde unser Praktikum immer stärker gekürzt und war in diesem Frühjahr leider nur noch vier Tage lang. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das einfach viel zu kurz ist, und ich will mich nun dafür einsetzen, dass es wieder länger wird. Die Jugendlichen waren eigentlich erst am dritten Tag so weit, dass sie Spaß an der Arbeit fanden und gemerkt haben, was sie hier für ihr Leben lernen können – und dann war es schon vorbei.

CB | Ich kann Ihnen da nur zustimmen, vier Tage sind zu kurz. Ich bin froh, dass meine Schule in Schopfheim immer noch zehn Tage für dieses Praktikum zur Verfügung stellt. Einen Umfang, den ich auch in der Ausbildung zum Feldmesspraktikum vertrete. Den Eltern müssen die Ausgaben, die dadurch auf sie zukommen, allerdings gut erläutert werden. Auch im Kollegium muss immer wieder für die vielseitigen pädagogischen Aspekte dieses Praktikums im Rahmen einer Klassenfahrt Bewusstsein geschaffen werden. Nun aber zu Ihrer Idee und der Umsetzung, eine Web-App für das Praktikum zu entwickeln: Wie kamen Sie darauf?
WF | Schon vor meiner ersten Fahrt habe ich eine Excel-Tabelle entworfen, die es den Schüler:innen ermöglichte, Erhebungsbögen auszudrucken – für alle Daten, die sie bei den verschiedenen Verfahren erheben. Damit kann man mit bis zu 36 Schüler:innen und 60 Mess-
punkten arbeiten. Am Ende wird über das Excel-Programm ein Chart erstellt, auf dem man sehen kann, ob sich das Polygon ziemlich genau schließt, also ob der geschlossene Linienzug vom Start über die Messpunkte wieder zum Ausgangspunkt zurückführt. Als Betreuer konnte ich so relativ früh und schnell Flüchtigkeitsfehler und dergleichen finden. Die Jugendlichen können mit dem ausgedruckten Chart dann auch die entsprechenden Nachmessungen machen, um sich zu korrigieren. Immer wieder nahm ich wahr, dass die Jugendlichen zwar gerne und gut mit den Maßbändern oder Theodoliten umgingen, aber sehr viel Mühe damit hatten, die Messergebnisse nachvollziehbar und richtig zu dokumentieren. Es wurden Ergebnisse zugerufen und dann zum Beispiel mit Zahlendrehern aufgeschrieben. Keine Person wusste dann nach einem Messtag noch, wie der Wert an einer Strecke oder an einem Punkt zustande gekommen war. So habe ich nach dem letzten Praktikum die Web-App entwickelt. Die Messgruppen tragen ihre Werte ein und ich kann bei jedem gemessenen Wert direkt sehen, wie sich das Polygon durch die Messungen weiterentwickelt.

CB | Ist es dann mehr eine App, um die Jugendlichen zu kontrollieren? Ich habe in den letzten Jahren immer mehr gemerkt, wie wichtig es ist, dass die Jugendlichen lernen, sich selbst vergewissern zu können, dass ihre Messung richtig ist – und dass sie die Verantwortung haben.
WF | Das ist richtig und ich sehe es genauso. Aber es gibt eben doch viele Fehlerquellen und eine einzelne Lehrkraft hat bei 24 Jugendlichen keine Chance, alle Fehler zu entdecken. Die direkte Kontrolle ist natürlich auch durch die Jugendlichen selbst möglich. Allerdings braucht man dazu ein Tablet, denn auf dem Smartphone ist es einfach zu unübersichtlich.

CB | Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Gebrauch des Handys als Taschenrechner oder Kompass im Praktikum gemacht? An vielen Waldorfschulen wird die Benutzung des Handys auf Klassenfahrten stark eingeschränkt.
WF | Die Verführung, zum Handy zu greifen, ist groß. Wir haben daher zum Beispiel kaum Fotos von dem Praktikum, weil aufgrund des Missbrauchs von Fotos vereinbart war, dass keine Fotos gemacht werden. Und es ist ja so, dass auch Taschenrechner digitale Endgeräte sind. Ich würde sagen: Wir nutzen das Handy in diesem Praktikum für eine sinnvolle Anwendung. Die Schüler:innen erleben nicht so viele Frustmomente durch das Aufschreiben der Werte und die Dokumentation insgesamt. Beim Erstellen der Zeichnungen hat schließlich jede Person alle Daten, die gebraucht werden. Ich habe sehr gute Rückmeldungen erhalten.

CB | Planen Sie, die App weiterzuentwickeln?
WF | In Vorbereitung ist ein Blog für Rückmeldungen zur App. Eine sehr schöne Erweiterung ist die 3D-Grafik, auf der man sehen kann, wie das Höhenprofil sich in der Ebene bewegt. Sie können das frei drehen – in alle Richtungen – und sehen die XYZ-Koordinaten, also die Strecken, die Winkel und seitlich auch, wo es bergab geht. Das ist für die Anzahl der Messpunkte unendlich nutzbar und erweiterbar. Aber allein, wenn nur das Polygon mit den Höhenwinkeln eingezeichnet ist, kann man schon gut erkennen, wie uneben so ein Gelände ist. So könnte man dann abschätzen und auch ausrechnen lassen, ob das Gelände oder bestimmte Gebiete besonders hochwassergefährdet sind. Das ermöglicht es, mit den Jugendlichen Bezüge zu Regenwasser und Überschwemmungsgefahren herauszufinden.

CB | Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Frost!

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