Mathematikunterricht an einer Waldorfschule (Symbolfoto).
Als Kind war ich langsam, kannte wenige Schriftzeichen und konnte kaum zählen.
Im Rahmen einer Studie befragten Heiner Barz, Professor für Erziehungswissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, und Dirk Randoll, der bis zu seinem Tod 2021 Professor für Empirische Sozialforschung an der Alanus Hochschule in Alfter war, vor 18 Jahren Waldorfschul-Absolventen:innen. Sie enthüllten Leistungsdefizite in Fremdsprachen, Mathematik und den Naturwissenschaften. Auch aus meiner Erfahrung zeigen heutige Schüler:innen ab der Mittelstufe häufig eine geringere Motivation für Mathematik. Obwohl die Waldorfpädagogik ideale Voraussetzungen bietet, diese Fächer lebendig und ganzheitlich zu vermitteln, zeigen sich hier Schwächen. Es gibt viele mögliche Gründe, aber ich möchte hier meine eigenen Erlebnisse und Beobachtungen aus den ersten zwei Monaten meines Unterrichts teilen, um einen kleinen Einblick zu geben.
Hitzefrei oder mathefrei?
Die erste Mathestunde des neuen Schuljahres fand an einem heißen Nachmittag statt. Als ich nichtsahnend ins Klassenzimmer ging, fand ich es leer vor. Mein erster Gedanke war, der Raum sei falsch. Ich überprüfte den Stundenplan, der Raum K8-A bestätigte. Ich kehrte zurück, aber das Klassenzimmer war immer noch gespenstisch leer. Nach 15 Minuten kam immer noch niemand. Langsam dämmerte mir der zweite Gedanke: Sie hassen Mathe so sehr, dass sie geflohen sind. Es war mehr als nur hitzefrei – es war mathefrei. Ich stellte mir vor, wie sie sich diebisch freuten.
Die meisten Schüler:innen mögen Mathe nicht, aber wie kann ich als Lehrer in der ersten Stunde eine Brücke bauen, Begeisterung wecken und die Schüler:innen kennenlernen? Ich entschied mich, ihnen von meiner eigenen, ganz besonderen Beziehung zur Mathematik zu erzählen – einer Reise, die vor über dreißig Jahren in China begann und mich lehrte, wie man selbst aus Widerstand wertvolle Lektionen zieht.
Eine andere Welt
Als Kind war ich langsam, kannte wenige Schriftzeichen und konnte kaum zählen. So erlebte ich meinen ersten schulischen Misserfolg, noch bevor die Schule überhaupt begonnen hatte.
In der zweiten Klasse schlug mich ein Mathelehrer mit einem Stock auf den Kopf, weil ich mich nicht an seinem Wettbewerb beteiligen wollte. Er hatte hohe Erwartungen. Das Schlagen war zu der Zeit in China nicht erlaubt, aber leider keine ungewöhnliche Praxis.
In der Oberstufe beschimpfte mich ein anderer Mathelehrer regelmäßig, was mich in tiefe Selbstzweifel stürzte. Erst als ich meine Lernstrategie änderte, fand ich einen Weg. Das chinesische Schulsystem war rein prüfungsorientiert und legte den Fokus auf die Anwendung von Formeln. Doch ich brauchte anschauliche Erklärungen. Ich änderte meinen Ansatz: Ich lernte die verschiedenen Anwendungsweisen auswendig, bevor ich versuchte, die abstrakten Ideen zu verstehen. Plötzlich schrieb ich sehr gute Noten und mein Umfeld war zufriedener mit mir.
Vom Schmerz zur Erkenntnis
Ich entdeckte etwas noch Wertvolleres: Ich hatte einen Weg gefunden, das Abstrakte zu begreifen. Nach vielen bewussten Übungen voller Zweifel kam irgendwann der Aha-Moment. Es ist ein Prozess, bei dem Quantität in Qualität umschlägt. Genau wie beim Sporttraining muss man eine Technik offenbar tausendmal bewusst wiederholen, bis man sie wirklich beherrscht.
Nach über zehn Jahren des Ringens mit der Mathematik im chinesischen Bildungssystem hatte ich es geschafft, eine traumatische Erfahrung in eine wertvolle Lebenslektion zu verwandeln. Genau solche Lektionen möchte ich an meine Schüler:innen weitergeben.
Begegnung der Kulturen
Hier in Deutschland treffe ich auf eine ganz andere Kultur. Jugendliche stehen unter weit weniger Leistungsdruck, was manchmal bedeutet, dass die Motivation fehlt, eine Sache wirklich zu meistern. Wenn Schüler:innen den Unterricht stören, werden manche Lehrer:innen laut, während andere nachgeben und den Jugendlichen Freiheiten lassen.
Ich versuche, meinen eigenen Weg zu finden. Ich setze mich mit Schüler:innen, die oft stören oder nicht lernen wollen, zu Einzelgesprächen zusammen, um eine tiefere Beziehung aufzubauen und sie besser zu verstehen. Außerdem tausche ich mich regelmäßig mit anderen Lehrkräften und Eltern aus, um neue Perspektiven zu gewinnen. Manchmal frage ich mich, ob mein proaktiver Ansatz in der deutschen Kultur vielleicht zu fordernd wirkt.
Das druckvolle Bildungssystem in China erzeugt oft Rebellion. Hier scheint der Widerstand milder. Als ich fragte, wer sich für Mathe interessiere, meldete sich in einer Klasse nur ein einziger Schüler. In der anderen waren es weniger als die Hälfte – aber niemand zeigte offen eine starke Abneigung. In China hingegen sagen viele Jugendliche ganz direkt, dass sie Mathe nicht brauchen.
Die eigentliche Lektion
Ich habe lange nach einer Antwort auf die Frage gesucht, warum Mathe wichtig ist. Doch oft kommen wir Lehrer:innen zu dem Schluss, dass der Großteil des Schulstoffs im späteren Alltag nicht gebraucht wird. Aus der Sicht der Schüler:innen können wir sie kaum überzeugen.
Sollen wir ihnen dann das Recht zugestehen, Mathe nicht zu lernen? Oder sie einfach zwingen, weil es zum Lehrplan gehört? Meine Antwort, die aus meiner eigenen Geschichte erwachsen ist, lautet: Man muss kein Mathe-Genie werden. Aber wenn man dem Unterricht schon nicht entkommen kann, sollte man diese Zeit als wertvollen Teil des eigenen Lebens annehmen und nutzen. Wer sein Leben ernst nimmt, kann aus jeder Erfahrung – selbst aus einer ungeliebten Mathestunde – etwas Wertvolles mitnehmen und sein Leben positiv gestalten.
Die Pädagogik entfaltet sich durch Hingabe. Nur durch die Hingabe der Schüler:innen kann sich die Schönheit und Wirksamkeit der Waldorfpädagogik entfalten. Dann wird Lernen zur Freude und ein positiver Kreislauf entsteht: Begeisterung führt zu mehr Einsatz, mehr Einsatz zu mehr Erfolg und Erfolg wiederum zu neuer Begeisterung.
Doch bis dahin bleibt die Frage: Wie gelingt es, Kinder, die laut, gleichgültig oder unmotiviert wirken, menschlich und wirksam in einen gesunden Lernrhythmus zu führen? Vielleicht beginnt alles mit echter Begegnung – und mit der Bereitschaft, auch als Lehrer:in weiter zu lernen.
Erziehung ist eine Kunst – jede:r kann irgendwie erziehen, aber die Hingabe und das ständige Lernen machen den Unterschied.
Kommentare
Es sind noch keine Kommentare vorhanden.
Kommentar hinzufügen
Vielen Dank für Ihren Kommentar. Dieser wird nach Prüfung durch die Administrator:innen freigeschaltet.