Sachbuch

Elternschaft – liebevoll versachlicht

Christian Boettger

In acht Kapiteln bieten die Autor:innen Beiträge zu einem tieferen Verständnis von Kindheit und ihren Facetten. Der Band macht Mut, sich für eine hoffnungsvolle Zukunft für Kinder und ihre Entwicklung einzusetzen. Die Themen sind hilfreich komponiert, prägnant und gut lesbar geschrieben, obwohl alle dem Anspruch genügen, wissenschaftsbasiert zu sein. Durch die Versachlichung in den Themenfeldern hat das Buch tatsächlich das Potenzial, für eine Beruhigung in der Erziehungsratgeber-Flut zu sorgen. Denn es ist deutlich, dass alle Fragen und Probleme, die sich um eine Kindheit im 21. Jahrhundert drehen, komplex sind und keine einfachen Lösungen bieten. Das gilt für das Elternhaus, für Kindergärten und Schulen, aber auch für Politik und Gesellschaft. Diesen widmen die Autor:innen ihr Abschlusskapitel und machen deutlich, dass Kindheit – genauso wie einige andere Themen – dringend einer wirklichen Interessenvertretung bedarf. Vorgeschlagen wird unter anderem, die Berücksichtigung von Kindheit zu institutionalisieren und – wie das Klima-Mainstreaming der EU – systematisch bei allen Beschlüssen zu verankern, indem dies einer institutionellen Stelle übertragen wird.

Mit diesen Hinweisen auf die Politik sollen hier insbesondere die ersten vier Kapitel aufgegriffen werden:

Warum eigene Kinder?

Was macht Kinder glücklich?

Warum ist jedes Kind einzigartig?

Was sind gute Eltern?

Im Grunde hätte jedes dieser Kapitel einen eigenen Beitrag in der Zeitschrift Erziehungskunst verdient. Wie die anderen Kapitel führt auch die Frage «Warum eigentlich Kinder?» über Einordnungen und historische Zusammenhänge zu einer oder mehreren anderen zentralen Fragen. Eigene Kinder sind heute in einer von Plan- und Kontrollierbarkeitsansprüchen geprägten Welt wegen der radikalen Unsicherheit, die sie in das Leben als Eltern mitbringen, eine der größten Lebensherausforderungen. Gerade darin sehen die Fachleute aber auch eine Chance: Kinder «zwingen» Eltern und Gesellschaft «zum Umdenken und zur Flexibilität».

Im zweiten Kapitel wird zunächst gezeigt, wie intensiv Eltern ihr «Projekt Kind» heute verfolgen. Gleichzeitig haben Schule und Gesellschaft ein hohes Bewusstsein für die Förderung von Kindern. Ein weiterer Aspekt ist die Feststellung, dass Kindheit in verschiedene Phasen gegliedert werden kann, die sich nicht durch ein einziges Modell erklären lassen. In der frühen und mittleren Kindheit wird das Sinnfreie und Anarchische im Spiel hervorgehoben, das aus eigenem Antrieb der Kinder erfolgt und dabei geistige und soziale Fähigkeiten entwickelt. Dieses spielerische Lernen braucht die richtige Umgebung, die Eltern und Gesellschaft bieten müssen. Es mache wenig Sinn, Freiräume durch getaktete Wochenpläne und festgelegte Förderprogramme zu füllen. Stattdessen solle man Kinder einfach Kinder sein lassen und dadurch vielleicht auch Elternschaft als sinnstiftend erleben können. Denn Kinder brauchen Orientierung und Begleitung «durch vertraute, verfügbare und verlässliche Erwachsene».

Besonders wichtig erscheint das nächste Kapitel, das dem Fachteam offenbar sehr am Herzen lag. Nur die Einzigartigkeit jedes Kindes kann begründen, warum Elternschaft die Chance bietet, Offenheit und Wahrnehmungsfähigkeit sowie die eigene Veränderung als hohes Gut aufzufassen. Zu leicht mache es sich eine Gesellschaft, die Kinder durch entsprechende Förderung in eine Norm zwängen wolle. Die Gesellschaft profitiere von der Vielfalt ihrer Mitglieder. Eine diverse Gesellschaft befreie gleichzeitig Kinder von dem Druck, sich anpassen zu müssen.

Auch die Frage «Was sind gute Eltern?» soll zumindest kurz aufgegriffen werden. Dazu zwei Zitate von Oskar Jenni beziehungsweise Barbara Bleisch:

«Eltern müssen nicht perfekt sein. Das Wichtigste ist, dass es ihnen gelingt, Geborgenheit zu geben. Dieser Zustand von emotionaler Sicherheit entsteht, wenn Bezugspersonen vertraut, verfügbar, verlässlich, verständnisvoll und voller Liebe sind – das sind die fünf entscheidenden Vs.»

«Kinder brauchen in erster Linie Eltern, die sie lieben. Nicht vergöttern, nicht besitzen, sondern so lieben, dass die Kinder sich selbst gehören. Wir dürfen von Eltern erwarten, dass sie an ihrer Liebesfähigkeit arbeiten – und anerkennen, dass Elternschaft kein leichtes Spiel ist. Weil es dazu der Bereitschaft bedarf, sich selbst zu verändern.»

Solche Zitate finden sich in jedem Kapitel gut auffindbar auf einer ganzen Seite abgedruckt und ermöglichen einen schnellen Durchgang durch die Themen.

Oskar Jenni (Hg.): Kindheit – eine Beruhigung. 256 Seiten, Verlag Kein & Aber, 2024, 23 Euro.

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