Ausgabe 06/26

Emil Molt: Verantwortung, Geld und Vertrauen

Tomáš Zdražil

Bild oben: Berta und Emil Molt.
Bild links: die erste Waldorfschule in Stuttgart auf der Uhlandshöhe.
Bildmitte und rechts: Zigarettenschachtel von Waldorf-Astoria und das Cover der «Waldorf-Nachrichten», die Emil Molt als Bildungsangebot an seine Arbeiter:innen verteilen ließ.

Zitat: «Ein klarer, sachlicher und mutiger Mensch.«
 

Anfang Juli 1919 traf in Montagnola im Schweizer Tessin ein Brief aus Stuttgart ein: «Wir hier arbeiten getreulich weiter. In einer Beziehung taten wir jetzt einen ernsthaften Schritt; während wir schon vor einiger Zeit eine Arbeiterbildungsschule ins Leben riefen, deren Stundenplan ich hier beifüge, schreiten wir zur Errichtung einer freien Waldorfschule. Sie wird eine Einheitsschule im besten Sinne des Wortes, weil Angestellten- und Proletarierkinder auf einer Bank sitzen, beiderlei Geschlechts und verschiedener Konfessionen von ausgesuchten Lehrern unterrichtet werden. Der Zufall brachte uns das schöne Anwesen Uhlandshöhe am Kanonenweg in die Hände, so dass wir im September wohl werden beginnen können.»

Der Adressat ist Hermann Hesse, der Verfasser ist sein Jugend- und Schulfreund Emil Molt. Einige Zeit danach schickt Hesse dem Stuttgarter Unternehmer eine längere Antwort, in der unter anderem im Hinblick auf die Waldorfschule der nette Satz steht: «Das über Deine prächtige Schule las ich mit Teilnahme und lautem Bravo!»

Eine Gründung aus zwei Strömungen


Es ist eine nahezu einmalige Konstellation, dass eine Schule aus einem wirtschaftlichen Unternehmen herauswächst, und zwar in einem doppelten Sinne: einmal durch die Anfrage und Sehnsucht der Arbeiter:innen nach Bildung, zu anderen aber durch die
parallellaufenden Überlegungen und Pläne des Unternehmers Emil Molt selbst, eine Schule zu gründen. Molt hätte Hesse gerne als eine Art Öffentlichkeitsreferenten für seine Pläne gewinnen wollen, doch dies gelang nicht. Hesse fühlt sich der Literatur verbunden, nicht der Wirtschaft, der Politik, der Öffentlichkeit. Ganz anders als Molt.

Unternehmer, Gestalt und Biografie
 

Molt war in einem vielfachen Sinne ein besonderer Mensch, eine markante Persönlichkeit: «Die kleine, untersetzte, korpulente Gestalt mit dem schön geformten, großen, haarlosen Haupte verriet einen Menschen mit starkem Willen. Seine kleinen blauen Augen waren lebhaft und hatten einen intelligenten und durchdringenden, energischen Blick. Sein großer Mund mit dünnen Lippen und ein kräftiges Kinn gaben dem sehr anziehenden Antlitz eine entscheidende Prägung», so beschrieb ihn sein Zeitgenosse Rudolf Grosse. Nach einer schwierigen Schulzeit und nachdem er mit 14 Vollwaise wird, arbeitet sich Molt als Selfmademan hoch und baut ein Unternehmen mit fast tausend Angestellten auf. Die Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik befand sich in der Hackstraße 11 im Stuttgarter Osten und bestand von 1906 bis 1929. Molt ist auch als Arbeitgeber im höchsten Maß sozial engagiert. Waldorf-Astoria betreibt für seine Belegschaft zwei Erholungsheime, eine Kantine und eine Bibliothek. Eine betriebseigene Sparkasse zahlt überdurchschnittliche Zinsen, und ein Pensionsfonds soll für das Alter vorsorgen. Bildungsangebote wie die Mitarbeiter:innenzeitschrift Waldorf-Nachrichten und eine Arbeiter:innen-Bildungsschule, die teilweise während der Arbeitszeit besucht werden konnte, waren neben der Schule für die Arbeiter:innenkinder Ausdruck seines Wunsch nach gesellschaftlicher Weiterentwicklung. Molt ist damals voll eingewurzelt in die wirtschaftlich-sozialen und auch die politischen Kreise Stuttgarts und kennt jeden, der Rang und Namen hat. Er vermag ziemlich leicht einen Termin bei einem der Regierungsminister bekommen haben und ist mit dem damaligen Außenminister Simons befreundet.

Theosophie, Steiner und die ersten Waldorflehrer


Er ist aber auch künstlerisch und allgemein kulturell interessiert und so stößt er bereits 1900 auch auf die Theosophie und kurz danach auf Rudolf Steiner. Er schließt sich der Gruppe um Adolf Arenson und Carl Unger an und studiert mit ihnen Anthroposophie. Im Rückblick stellt Molt fest, dass die Tatsache, dass es so viele anthroposophische Initiativen auf praktischem Felde in Stuttgart gab, gerade mit dieser gründlichen und erkenntnistheoretisch soliden Grundlage zusammenhing. Wenig später lernt er auch die beiden ersten Waldorflehrer, den 21-jährigen Karl Stockmeyer in Malsch und den 18-jährigen Herbert Hahn in Heidelberg, kennen.

Als seine besondere Aufgabe betrachtet er den Kontakt mit der sogenannten «Außenwelt» und die Umsetzung der anthroposophischen Impulse in die praktischen Verhältnisse. So wird er bald Kassenwart in der Stuttgarter Anthroposophischen Gesellschaft, arbeitet im Vorstand der AG Der Kommende Tag in Stuttgart und der Schweizer AG Futurum und wird zum Kurator des Baus des Goetheanums berufen. In der Schule wird er «Vater» und «Protektor» und in seiner Firma «Vater Molt» genannt. Es gelingt ihm, immer erhebliche Geldsummen für alle Projekte locker zu machen. Das Schulgebäude wie auch das große Grundstück auf der Uhlandshöhe finanziert er privat. Herbert Hahn erinnert sich: «Die Abteilungsleiter und Unterdirektoren der Fabrik tippten sich mit vielsagendem Augenausdruck an die Stirn, wenn sie in Abwesenheit des Chefs von dessen phantastischen Schulgründungsplänen sprachen. Ich weiß nicht, wie oft ich damals diese Gebärde gesehen habe.»

Intuition, Geld und Entscheidungen
 

Molt lässt sich dadurch nicht beirren, er hat eine einmalige Intuitionsfähigkeit, aus der er die Sicherheit und den Mut seiner Handlungsentschlüsse schöpft: «Man hatte den Eindruck, als sei ein Teil seiner Seele – wie in einem intensiven Tagesträumen – in irgendwelche wichtigen Pläne ver­senkt, in grundlegende Erwägungen», so beschreibt es Herbert Hahn. Bei wichtigen Entscheidungen kalkuliert Molt nie kleinlich monetär. 
Er besitzt ein Herz, das immer zum Schenken bereit ist – im Großen und auch im Kleinen. Anlässlich seiner silbernen Hochzeit sammelt er beträchtliche Summen für die Schule; Lehrer:innen macht er zu Weihnachten Geschenke, notfalls auch einfache wie Schnitzbrot und Zigaretten. Sein Sohn Walter scheint diese Freigiebigkeit übrigens zu imitieren, indem er Zigaretten unter Mitschüler:innen verteilt – sehr zum Missfallen der Lehrer:innen! Die Abiturient:innen bekommen von Emil Molt ein Exemplar von Steiners Philosophie der Freiheit, es gibt auch Geschenke an Schüler:innen im Zusammenhang mit der ersten Jugendfeier. Die Handlungen des Freien Religionsunterrichts sind ihm ein besonders Anliegen.

Berta Molt, «Schulmutter», und Walter


In allen seinen Aktivitäten steht ihm als unverzichtbare Stütze seine Frau Berta zur Seite, «die Seele seines Lebens», wie er sie nennt. In der Schule wird sie als «Schulmutter» verehrt und arbeitet dort auch selbst als Handarbeitslehrerin. Ohne sie wäre sein Lebenswerk kaum denkbar gewesen. Die Schule wird zu ihrem gemeinsamen «Kind». Ihr Sohn Walter besucht sie ebenfalls, sorgt jedoch häufig für Schwierigkeiten und wird in Lehrerkonferenzen oft kritisch besprochen. Umso schmerzlicher ist es für Molt, als Walter in der zehnten Klasse die Schule verlässt.

Angriffe von außen, Konflikte innen
 

Mutig und entschlossen stellt sich Molt auch den Angriffen entgegen, die in Stuttgart gegen Rudolf Steiner gerichtet sind. Bereits im Dezember 1919 greift Dietrich Eckart, eine ideologische Schlüsselfigur im Umfeld Adolf Hitlers und Mitbegründer der NSDAP, Molt und die Schulgründung scharf an. Molt bleibt davon weitgehend unbeeindruckt. Schwerer wiegen für ihn interne Konflikte: Sein Engagement ruft Neid und Widerstand hervor, und die Last der Verantwortung bringt viel persönliches Leid mit sich. In seinen letzten Lebensjahren kämpft er zudem mit schweren gesundheitlichen Rückschlägen.

Was sind die Quelle und das Fundament seiner Entschlossenheit und seines Mutes? Rudolf Steiner spricht kaum bei einem anderen Menschen so deutlich davon, dass sich durch dessen dienende Haltung höhere geistige Kräfte mit seinem Handeln verbinden konnten. Molt besitzt ein unerschütterliches Vertrauen in die Wirksamkeit einer geistigen Welt. «Für mich ist das Entscheidende, wie ich mich Dr. Steiner verpflichtet fühle und der geistigen Welt gegenüber … Die Waldorfschule ist ein Geschenk aus der geistigen Welt …» Diese Worte spricht Molt am 6. Februar 1936, wenige Monate vor seinem Tod, in einer Auseinandersetzung mit einer kleinen, aber aktiven Gruppe nationalsozialistisch gesinnter Eltern an der Uhlandshöhe. Als Vorsitzender des Schulvereins verteidigt er in gewisser Weise ein letztes Mal die Schule – gegen Auflösung und gegen Anpassung an das Regime: «Man kann doch Pädagogik nicht von der Anthroposophie trennen!»

Auch hier zeigt er sich klar, sachlich und mutig. Insgesamt wird so verständlich, was Herbert Hahn, der erste Waldorflehrer, der Molt aus persönlicher Erfahrung wirklich gut kannte, hervorhebt: «Es sollte … zu einer geistigen Gepflogenheit innerhalb der ganzen Waldorfschulbewegung werden – zusammen mit dem Bilde Rudolf Steiners das Bild Emil Molts im Bewusstsein der Lehrer wie der Schüler lebendig halten». 

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