Bild oben: Illustration aus Miracle on the Mountain.
Während ihrer Zeit als Waldorflehrerin für Englisch in Bremen stellte Neele Hüneberg fest, dass sie mit den damals von der Pädagogischen Forschungsstelle angebotenen Englischlektüren nicht viel anfangen konnte. Auch ihren Kolleg:innen in der Weiterbildung ging es so: «Da ging es nicht nur um reproduzierte Rassismen. Es gab auch nur zwei weibliche Autorinnen. Der Rest waren Männer. Auch die Figuren der Lektüren waren wenig divers und vorrangig männliche, weiße Protagonisten, die wenig Identifikationspotenzial für die gesamte Schüler:innenschaft bot», so Hüneberg.
Sprache und Geschichten formen unsere Welt. Erzählungen beeinflussen Denkweisen, Werte und Identitäten – besonders in der Schule. Deshalb ist es wichtig zu fragen: Welche Bilder produzieren wir? Welche Geschichten möchten wir erzählen, welche Stimmen werden nicht gehört? Ausgehend von diesen Fragen hat eine Fachkommission für die Pädagogische Forschungsstelle unter der Leitung von Mirjam Nuenning, Waldorfpädagogin, literarische Übersetzerin und Anti-Rassismus-Trainerin, und der Waldorflehrerin und Bildungsreferentin Neele Hüneberg das bisherige Lektüreangebot für das Fach Englisch an Waldorfschulen genauer untersucht. Ziel war es, Englischtexte aus der Unter- und Mittelstufe aus einer diskriminierungssensiblen Perspektive hinsichtlich ihrer Repräsentationsvielfalt und ihrer pädagogischen Eignung neu zu bewerten. Das Ergebnis: Einige bestehende Lektüren werden überarbeitet, andere wurden ganz aus dem Sortiment genommen. Die entstandene Lücke wurde zum Ausgangspunkt für die Entwicklung eines neuen Lektüreangebots für die Klassenstufen 4 bis 9.
Im Schuljahr 2025/26 werden neue Lektüren sowie vier begleitende Workbooks erscheinen, die einem diversitätsbewussten und rassismuskritischen Leitbild folgen. Sie sind waldorfpädagogisch fundiert – sowohl bezüglich der Sprachlernmethodik als auch der Entwicklungsorientierung – und praxisnah für Lehrkräfte konzipiert. Zusätzlich empfiehlt die Fachkommission auf der Website der Pädagogischen Forschungsstelle englischsprachige Literatur anderer Verlage für die Oberstufe: forschung-waldorf.de
«Durch den Kolonialismus ist die englischsprachige Welt riesig. Es gibt viele Länder in der Karibik, Afrika oder Asien, in denen Englisch Amtssprache oder gelebte Sprache ist. Uns ist es wichtig, auch von dort Stimmen aufzunehmen», erklärt Mirjam Nuenning. Diese unterscheiden sich auch sprachlich: In der Sammlung der Literaturvorschläge in der Oberstufe befinden sich auch Werke, die Dialoge und Passagen in unterschiedlichen Englischvarianten enthalten so wie African American Vernacular English, das zumeist von Afroamerikaner:innen gesprochen wird oder auch Pidgin English: der nigerianische Autor Ken Saro-Wiwa schreibt den Antikiregsroman Soza Boy komplett in dieser Sprachvariante. Unter den Autor:innen finden sich auch diskursprägende Stimmen wie Maya Angelou und Toni Morrison. Zudem handelt es sich bei vielen Lektüren um sogenannte Own-Voice-Literatur: Die Autor:innen stammen selbst aus den oft marginalisierten Communities, die sie porträtieren. Das bringt sprachliche Besonderheiten mit sich, die im Unterricht mit pädagogischer Feinfühligkeit und stets kontextuell eingeordnet behandelt werden sollten.
Eine Geschichte, die Frauen ins Zentrum rückt
Eine der Englischlektüren, die speziell für den Unterricht in der Mittelstufe der Waldorfschule entwickelt wurde, ist Miracle on the Mountain von Kavita Desai. Die Geschichte, konzipiert für die sechste und siebte Klasse, handelt von König Akbar und seinem treuen Berater Birbal, die eine Wette abschließen, die einen armen unschuldigen Mann fast ums Leben bringt. Doch eigentlich geht es vor allem um Urvashi, Birbals Ehefrau – eine kluge und moralische Frau, die in einer patriarchalen Welt im Hintergrund die Fäden zieht. Akbar-und-Birbal-Geschichten sind fiktiv und werden laut der Autorin Kavita Desai seit Jahrhunderten mündlich überliefert. Sie basieren jedoch auf historischen Persönlichkeiten: Abū al-Fath Jalāl al-Dīn Muhammad Akbar regierte als dritter Mogulkaiser zwischen 1556 und 1605 über das heutige Indien. Mahesh Das, auch bekannt als Birbal, war sein Berater. Urvashi Devi war Birbals Frau und stammte aus einer wohlhabenden hinduistischen Familie. In dieser Zeit waren Frauen aus solchen Familien sehr gut gebildet.
Deshalb meinte die Autorin, Urvashi verdiene mehr Anerkennung, als ihr in bisherigen Akbar-und-Birbal-Geschichten zuteilwurde. In Desais Version ist Urvashi eine geistreiche, respektierte Friedensstifterin, ohne die womöglich das ganze Königreich im Chaos versunken wäre. Die Geschichte hat nicht nur eine Moral – sie zeigt auch Facetten der indischen Kultur, mit denen sich diejenigen, die mit einer solchen aufgewachsen sind, identifizieren können, ohne dass sie karikiert wird. Andere dürfen sie kennenlernen. Die Autorin hat zu ihrer Lektüre auch ein Workbook erstellt, das sie in ihrer eigenen Schulklasse vorab erprobt hat. Weitere Titel, die speziell für den Englischunterricht an Waldorfschulen verfasst wurden, finden sich auf der Webseite der Pädagogischen Forschungsstelle unter paefo.de/stories.
Ziel des Projektes ist es, dass sich alle Schüler:innen im Englischunterricht wiederfinden können – mit Geschichten, die verschiedene Perspektiven sichtbar machen und neue Räume für Begegnung, Empathie und Reflexion eröffnen. Damit möchte die Pädagogische Forschungsstelle zu einer zukunftsfähigen, weltoffenen Waldorfpädagogik beitragen.
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