Ausgabe 12/23

Epochenhefte Alter Zopf oder modernes Arbeitsmittel?

Martyn Rawson
Ulrike Sievers

Für die einen vertraute und verlässliche Tradition, für die anderen ein alter Zopf, der abgeschnitten oder zumindest neu geflochten gehört. Um hier zu einem fundierten Urteil zu kommen, geht es weniger um Gefühle und Erinnerungen als vielmehr darum, die verschiedenen Perspektiven zu berücksichtigen, die bei der Wahl eines Schreib- und Dokumentationsmittels eine Rolle spielen.

In den ersten Jahren wird bei der Heftführung viel Wert auf eine schöne Gestaltung gelegt. So erhalten die Kinder die Gelegenheit, ihre Formkräfte und ein ästhetisches Bewusstsein zu entwickeln. Sie lernen auf unlinierten Seiten zu schreiben, erstellen Illustrationen zu Geschichten, beschriften Zeichnungen, lernen sowohl die Texte selbst als auch das Layout der Seiten zu gestalten. Was einfach anfängt, findet seinen Höhepunkt zum Beispiel bei der Gestaltung und Editierung der Jahresarbeit in der zwölften Klasse. In der Portfolioarbeit wird auch in den höheren Klassen Wert daraufgelegt, dass die grafische und farbliche Gestaltung des Ordners der darin enthaltenen Thematik entspricht. Auch leisten die Lehrkräfte der Unter- und Mittelstufe so einen wichtigen Beitrag für die in den höheren Klassen angesiedelte Arbeit mit digitalen Medien und Präsentationswerkzeugen.

Neben der Ausbildung eines ästhetischen Bewusstsein können die Schüler:innen durch die Epochenheftarbeit schrittweise ihre Dokumentationsfähigkeit entwickeln. Mit Anleitung und Hilfe lernen die Kinder, zunächst eher unbewusst, das Wesentliche festzuhalten, Dinge übersichtlich darzustellen und Texte durch Bildelemente zu ergänzen. Dabei werden zum einen einzelne Lernschritte festgehalten und der eigene Lernprozess dokumentiert, zum anderen entsteht eine Art Materialsammlung oder kleines Lehrbuch, das hoffentlich nicht am Ende der Epoche in der Versenkung verschwindet, sondern in der nächsten Epoche in diesem Fach hervorgeholt und zum Anknüpfen und Wiederholen genutzt wird. Der Vorteil dieser Art von Lehrbüchern besteht darin, dass sie den von der Klasse gegangenen Weg widerspiegeln und insofern dem entdeckenden, phänomenologischen Arbeiten nicht durch fertig präsentierte Ergebnisse in die Quere kommen. Dadurch, dass wir in altersangemessener Form Kriterien formulieren, die das Heft erfüllen soll, können die Kinder und Jugendlichen auch ihre Urteilskraft entwickeln und erproben.

Die Einladung zum selbstständigen Formulieren und Gestalten beugt auch der Versuchung vor, alte Epochenhefte Jahr für Jahr zu reproduzieren. Sicher gibt es Gegebenheiten, die auch nach zehn oder 20 Jahren noch zutreffend sind – wie Erzählungen in der Tierkunde oder die Gesetzmäßigkeiten der Wolkenbildung. Aber wenn Eltern feststellen, dass die Texte und Zeichnungen, zum Beispiel zu einem Besuch beim Schmied oder in der Bäckerei, in den Heften ihrer Kinder die gleichen sind, wie die, die sie einst in ihre eigenen Epochenhefte geschrieben haben, dann stellt sich die Frage, wie selbst erstellt so ein Heft wirklich ist.

Epochenhefte können nur dann das eigene Denken und selbstständige Arbeiten der Schüler:innen einladen und unterstützen, wenn wir ihnen einerseits Vorbilder und Anleitungen anbieten, ihnen dann aber auch genügend Raum lassen, Erlebtes, Beobachtetes oder Gelesenes selber zu formulieren, Texte durch eigene Zeichnungen zu ergänzen, sich Gedanken über eine sinnvolle Strukturierung zu machen und auch das Inhaltsverzeichnis eigenständig zu erstellen. So können die Jugendlichen Selbstständigkeit im Schreiben, Denken, Strukturieren und Gestalten erlangen, Vertrauen in ihre Formulierungskraft entwickeln und schließlich eigene Formen finden.

Dort, wo Epochenhefte oder -ordner einen wesentlichen Bestandteil der Unterrichtsarbeit darstellen, sind sie auch ein wichtiger Faktor in der Feedbackkultur, werfen Fragen zum Umgang mit Korrekturen auf und dienen als Leistungsnachweis. Nicht nur in der Oberstufe braucht es hier ein klares Bewusstsein der Lehrkraft: ist das Epochenheft ein Arbeitsheft, in dem korrigiert und überarbeitet wird, oder handelt es sich um ein mit Mühe erstelltes Endergebnis, das dann auch entsprechend respektvoll behandelt und wertgeschätzt werden will? Habe ich die Kriterien für die Bewertung im Vorwege eindeutig formuliert und den Schüler:innen zugänglich gemacht? Sammle ich die Hefte auf halbem Wege ein und gebe den Jugendlichen Feedback dazu, was sie gut gemacht haben und was sie noch verbessern könnten? Wie gehe ich mit unterschiedlichen künstlerischen Fähigkeiten um? Bin ich bereit, unterschiedliche Ausgangsmomente zu akzeptieren und vor allem das Bemühen anzuerkennen? All dies sind Aspekte, die genau bedacht und am besten auch kollegial besprochen und dann an Schüler:innen und gegebenenfalls Eltern kommuniziert werden sollten.

Ein verstärktes Bewusstsein braucht es in der heutigen Zeit aus unserer Sicht in Bezug auf die Nachhaltigkeit im Umgang mit Heften. Da ist zum einen die Frage des Papiers, zum anderen die Frage der Ausnutzung von Seiten und Heften. Wir erleben es immer wieder, dass Schüler:innen beispielsweise für jedes Thema oder jeden Tag einen neue Seite anfangen – egal wieviel Platz auf der vorhergehenden Seite noch vorhanden ist. Hier sollten wir die eigenen Schönheitsideale einmal überdenken und dann mit den Kindern und Jugendlichen einen wertschätzenden und ressourcenbewussten Umgang mit Heften und Papieren entwickeln. Voll beschriebene Seiten und Hefte sparen nicht nur Papier und somit Geld, sondern sind auch ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem respektvollen und wertschätzenden Umgang mit der Welt und den anderen Menschen.

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