Ausgabe 01-02/26

Erfolgreich mit dem ersten Spielfilm

Angelika Lonnemann

Bild oben: Laurens Pérol beim 51. Norwegischen Internationalen Filmfestival im August 2023 in Haugesund, wo sein Film Premiere feierte.
Bild unten: Filmszene aus Üben üben üben.

Die 18-jährige Trine lebt in Nord-Norwegen, spielt Trompete und engagiert sich für den Klimaschutz. Dann bekommt sie eine Einladung zu einem Vorspiel an der Oper in Oslo. Weil sie nicht mit dem Flugzeug von den Lofoten nach Oslo fliegen will, beginnt sie die 1.500 Kilometer zu trampen. Allerdings ist das Vorspiel schon in wenigen Tagen und sie muss auch noch viel üben, um das Piazzolla-Stück gut zu präsentieren. So beginnt der Film Üben üben üben (Originaltitel Å Øve) des 30-jährigen Laurens Pérol. Trine hat es mit etlichen viel älteren Erwachsenen zu tun, die ihr in Boomer-artiger Manier erzählen wollen, dass ihr diese Flausen, nicht fliegen zu wollen, schon noch vergehen werden, wenn sie eines Tages erwachsen sei. Dabei ist Trine längst erwachsen, sie hat Disziplin, sie ist mutig, sie ist konsequent – und manchmal ziemlich zornig.

«Architektur, Fotografie, Schauspiel, Kunst – das hat mich schon während meiner Schulzeit interessiert, meine Zehntklassarbeit war ein Projekt zur Fotografie, 2013 in der 12-ten Klasse spielte ich in Jura Soyfers Satire «Astoria» eine der Hauptrollen, den Landstreicher Kilian Hupka. Beim Filmemachen kommen viele dieser Künste zusammen, das finde ich sehr spannend», erzählt Pérol.

Politisches Bewusstsein, Verantwortungsgefühl für Menschen und Natur und Eigeninitiative, Authentizität und Integrität sind Eigenschaften und Werte, die Pérol schätzt. Seiner Figur Trine, die in manchen Filmszenen mit ihrer stoischen Ruhe an Greta Thunberg erinnert, hat er diese Eigenschaften ebenfalls gegeben. Übrigens hatte das gesamte Filmteam beschlossen, für diesen Film nicht zu fliegen. Das hat – inzwischen bereits seit fünf Jahren – geklappt. Rund 33.000 Kilometer wurden auf diese Weise per Zug, Bus oder Anhalter zurückgelegt.

Guerilla-Stil: wenig Geld, Mitwirkende, Ausrüstung 
 

Im letzten Jahr des Bachelorstudiums begann Pérol mit dem Drehbuch, ursprünglich sollte es ein Kurzfilm werden. Dann sorgte Corona für den Drehstopp, währenddessen hat er am Drehbuch weitergeschrieben. Und dann wurde der Film im Oktober 2020 in nur zwölf Drehtagen abgedreht – teils waren nur sechs Leute am Set. Viele Beteiligte verzichteten auf ein Honorar. «Wir hatten wenig Geld, aber die Leidenschaft für das Thema und den Film hat uns zusammengeschweißt. Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht und im Guerilla-Stil gedreht: niedriges Budget, kleine Crews und der Einsatz von wenig Ausrüstung». Nur so war es möglich, dass das Gesamtbudget des Films nur 60.000 Euro betrug.

Trine, die Hauptfigur, ist mit zwei Gepäckstücken unterwegs: einer großen Reisetasche und ihrem großen Trompetenkoffer. Sie trägt im gesamten Film eine große gelbe Daunenjacke – ein Farbtupfer in der grau-winterlichen Umgebung der felsigen Lofoten, harmonierend mit den letzten grünen Blättern der Herbstbäume im mittleren Norwegen und schließlich exotisch wirkend im kühlen durchgestylten Gesamtkunstwerk der Osloer Oper, wo sie am Ende landet.

Die Daunenjacke wurde nach den Dreharbeiten dann Pérols ständiger Begleiter. Denn passend zur Überzeugung seiner Hauptfigur hat auch Pérol für sämtliche Promotionsreisen, zu Festivals, Kinos oder Interviews, auf das Fliegen verzichtet und etliche Reisen trampend erledigt. «Es war manchmal sehr schwer, konsequent zu bleiben, vor allem da die Vorstellungen durch den Erfolg geografisch immer entfernter wurden», berichtet Pérol.

Von der Straße auf die Leinwand
 

Als Vorbereitung für den Film trampte Pérol selbst die Strecke zwischen den Lofoten und Oslo. Viele Erlebnisse und teilweise auch Begegnungen nahm er dann ins Drehbuch mit auf: So traf er unter anderem den Karate-Trainer Willem, der ihn nach dem Mitnehmen beim Trampen spontan einlud bei ihm im Karate-Studio zu übernachten. Diese Situation inklusive des Karatetrainers übernahm Pérol später mit ins Drehbuch. «So kam Willem quasi von der Straße auf die Leinwand», erzählt Pérol. 

Premiere des Films war dann im August 2023 im norwegischen Haugesund. Dann folgten Filmfestivals in Hof und in Lübeck, wo Å Øve den Preis für das beste Regiedebüt der Nordischen Filmtage und den Hofer Kritikerpreis gewann. «Ich war sehr überrascht: Mit so einem kleinen Film ein so großes Publikum zu erreichen, und darüber hinaus auch noch ausgezeichnet zu werden, war für uns im Team eine Sensation und riesige Freude, und ein Kompliment für die harte Arbeit aller Beteiligten», so Pérol.

Viele weitere Vorführungen folgten, auf Festivals, in Schulen, dann in Kinos. «Die Schulvorstellungen haben zu begeisterten Reaktionen bei vielen Schüler:innen geführt, besonders bei Kindern, die ein Instrument spielen», berichtet Pérol.

Nun ist der Film in Diskussion bei Fernsehsendern, damit der Film eventuell bald auch noch im TV läuft. Bei den Streamingdiensten Good!Movies und Amazon sowie auf DVD ist der Film inzwischen auch erhältlich. Zuletzt wurde Pérol mit seinem Film nach Südkorea und New York eingeladen – wegen der großen Distanz und der Entscheidung, so wenig wie möglich zu fliegen, hat er den persönlichen Besuch jedoch abgesagt.

Um die Arbeit am Film zu finanzieren und Erfahrungen zu sammeln, arbeitet Pérol auch als Regieassistent an den Sets bekannterer Regisseur:innen, so zum Beispiel für den norwegischen Film Butterfly. «Auch wenn es noch schwer war mit Üben üben üben als erstem Langfilm Einnahmen zu generieren, haben sich für mich viele neue Türen geöffnet, die das Projekt sehr lohnenswert gemacht haben.»

Parallel steht für Pérol noch der Master an der Filmakademie an. Das nächste Projekt ist aber bereits im Kopf: In seinem zweiten Langfilm Electrified/Unter Strom soll es um Strom als Metapher für die Leistungsgesellschaft gehen. 

«Ich wünsche mir unbedingt, dass neben den anderen künstlerischen Fächern auch Film als ein Fach an den Waldorfschulen unterrichtet wird. Ich kannte Film während der Schulzeit nur als Unterhaltung – dabei ist es so viel mehr, und vielleicht das prägendste Medium unserer Zeit. Da wird so vieles vermittelt und geschult: Technik, Ästhetik, Teamwork, politische Verantwortung, Reflexionsvermögen, Synästhesie von Musik, Sprechen und Bewegung», so Pérol abschließend.

Übrigens: Üben üben üben kann über den Filmverleih (Arsenal) für Schulvorstellungen gebucht werden, optional mit persönlichem Filmgespräch des Regisseurs. Medienpädagogisches Begleitmaterial ist vorhanden. 

Kontakt: info@arsenalfilm.de 

 

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