Ausgabe 05/26

Erinnerungskultur mitgestalten

Maria-Sibylla Hesse

Bild oben: DDR-Gedenken mit Potsdamer Waldorfschüler:innen im Herbst 2025 am Luisenplatz in Potsdam. Seit November 2020 befindet sich auf dem Platz ein vom Potsdamer Künstler Mikos Meininger geschaffenes Denkmal zur Erinnerung an die größte Demonstration während der friedlichen Revolution in der DDR in Potsdam am 4. November 1989.
Bild unten: Rezitation der Klasse 12 der Waldorfschule Potsdam: Ihr Zuschauenden von Nelly Sachs im Holocaust-Gedenktag im Potsdam-Babelsberger Thalia Kino.

Das Wiegala ist verklungen, eine Komposition der deutschsprachigen Schriftstellerin Ilse Weber, die von 1903 bis 1944 lebte. Mit diesem Wiegenlied beruhigte sie in Theresienstadt in der Kinderkrankenstube jüdische Kinder, mit denen sie später – nach Überlieferungen wiederum singend – in Auschwitz in die Gaskammer ging. Alle wurden ermordet.

Zwölftklässler Johan hatte unter anderem dieses Stück für die Holocaust-Gedenkfeier der Stadt Potsdam ausgewählt und zusammen mit Nanouk aus Klasse 11 im Duo Klarinette / Cello gespielt. Passend zur Rezitation des Gedichts Ihr Zuschauenden aus den Jahren 1944/45 von Nelly Sachs, das von den Blicken der Holocaust-Toten handelt: Ungesungene Wiegenlieder bilden in diesem metaphernreichen Gedicht einen Kontrapunkt. Dargeboten wurde es von unserer Klasse 12. Weitere kurze Musikstücke aus jüdischen Kontexten strukturierten die einzelnen Teile der Gedenkfeier und luden dazu ein, das Empfinden zu vertiefen.

Wie vermag man sich «Auschwitz» als Chiffre für den von Deutschen begangenen Zivilisationsbruch zu nähern? Lyrik und Musik können hierfür Mittel bieten. Zwischen diesen Beiträgen in der städtischen Feier zur Erinnerung an die Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 sprach die Potsdamer Oberbürgermeisterin Noosha Aubel. Außerdem wurde ein Film über zwei Zeitzeugen im Gespräch mit Schüler:innen gezeigt und in einer kleinen Podiumsdiskussion ausgelotet, warum und wie wir erinnern.

Warum erinnern?


Werden Jugendliche in Deutschland gefragt, was sie über Nationalsozialismus oder Konzentrationslager wissen, fällt immer wieder eine verbreitete Unbedarftheit auf. Bildungsinstitutionen sollen und wollen das ändern, Bildungspolitiker:innen diskutieren verbindliche Gedenkstättenbesuche. Bräuchte man nicht gerade heute in den Zeiten von Trump, Putin und Orban Kenntnisse faschistischer Herrschaftsformen, um sich ihrer zu erwehren und unsere Demokratie zu bewahren?

Ja, alles richtig, man bräuchte. Aber genügt abfragbares Wissen dafür – oder sollte nicht eine Beteiligung des ganzen Menschen tiefer greifen? Emotionale Überwältigung verbietet der Beutelsbacher Konsens mit seinen Grundsätzen für die politische Bildung. Das kann es also nicht sein. Aber wenn man in Auschwitz steht und die schiere Masse der Grundrisse von den Baracken sieht, an den Ruinen auf eigenen Beinen entlanggeht und selbst in den Namenslisten der Ermordeten blättert, erfasst man die damalige Realität eher. Durch die Sinneswahrnehmung mit dem 
ganzen Körper kann sich eigene Erinnerung an den Besuch des historischen Orts inkorporieren und zusammen mit geschichtlichen Quellen zu einem tieferen Verständnis führen.

Künstlerisch rahmen mit Würde


Geschichtsunterricht kann aufklären und damit die Erinnerung wachhalten. Man fühlt sich ohnmächtig angesichts der Zahlen der Toten, vielleicht auch der Schuld. Der Hinweis, dass wir Nachgeborenen keine Täter:innen sind, entlastet nur wenig. Jugendlichen, die mit Gewaltgeschichte konfrontiert werden, könnte sich die Frage stellen: Und was kann ich tun? Eine Antwort mag das Aufrechterhalten der Erinnerung sein.

Aber wie? Die Erinnerungstat verlangt eine Form. Wenn das historische Gedenken zum ritualisierten «Kranzabwurf» mit betroffenem Gesicht verkommt, lädt man niemanden ein, sich wirklich auf des Gedenkens würdige Ausschnitte aus der Geschichte einzulassen. Zeitkünste wie Musik oder Poesie bieten Mittel, der Hetze des Alltags zu entkommen und sich zu öffnen für die oft schmerzhafte Auseinandersetzung. Sachs (1891-1971) nimmt in ihrem Gedicht die Perspektive der Getöteten ein. Beim Zuhören kann ein annäherndes Verständnis auf seelischer Ebene durch Resonanz gelingen, die auch das Herz erreicht. Unsere Jugendlichen haben im Kinosaal einen für sie neuen Akt der Erinnerung geschaffen – kein «Gedächtnistheater», wie der Soziologe und Professor Y. Michal Bodemann die deutsche Erinnerungskultur in Bezug auf das Holocaust-Gedenken in Form von rituellen Inszenierungen nannte, sondern eine soziale Tat, die sich bis in die Diskussion im eigenen Umfeld fortsetzt.

Geschichtsverständnis – ohne Klausur


Beim intensiven Üben im Sprechchor oder musikalischen Duo ist die Willenssphäre berührt. Das selbstbestimmte Mittun der Jugendlichen eröffnet ihnen einen ungewohnten Zugang zur Geschichte. Sie lernen nicht für eine Klausur, sondern partizipieren freiwillig an einer Feier, die von ihrer Stadt ausgerichtet wird, weil Potsdam sich entschieden hat, wichtiger historischer Fakten zusammen mit Engagierten zu gedenken. Unsere Schüler:innen werden ihrer Zugehörigkeit zum Netzwerk Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage gerecht (dem wir 2008 beitraten). Außerdem erleben sie Selbstwirksamkeit. Umgekehrt profitiert die hiesige Erinnerungskultur davon, dass das gewünschte jährliche Ritual durch junge Bürger:innen verlebendigt wird.

Gedenken der Friedlichen Revolution: Familiengeschichte statt Arbeitsblatt


Ein weiteres Gedenken galt dem 4. November 1989. Fünf Tage vor dem Mauerfall fand in der Stadtmitte die größte Demonstration Potsdams statt: Ca. 100.000 Bürger:innen hatten «Freie Wahlen – wahre Zahlen», «Schluss mit der Bevormundung», «Stasi in die Produktion» oder «Visafrei bis Hawaii» gefordert.

Nachdem wir eine Zeitzeugin befragt hatten, konnten wir uns ein Bild vom Mut der Demonstrant:innen machen – denn Militärlastwagen hatten schon zu deren Abtransport in Nebenstraßen bereitgestanden. Die Elftklässler:innen überlegten, welche ihrer (Menschen-)Rechte derzeit beschnitten werden, und formulierten Forderungen an «die Politik», die sie auf weiße Segel schrieben. Diese wurden für eine Woche am historischen Platz aufgehängt – und blieben wider Erwarten unbeschädigt, obwohl sie teilweise sehr kritisch formuliert waren. Ein Beispiel: «Die Jugend von heute ist so empfindlich: Corona, Bildungsausfall, keine Therapieplätze, Klimakrise, Krieg in Europa, hohe Neuschulden, und jetzt auch noch Dienstpflicht?? Empfindlich – echt jezze???»

Raus aus der Schule, rein in die Stadt


In Potsdams Rathaus ist ein Historiker für städtisches Gedenken zuständig. Er lud die Jugendlichen zur Mitwirkung ein und unterstützte die Umsetzung ihrer Ideen, indem er mit städtischen Geldern benötigte Materialien und die Arbeit meiner Kunst-Kollegin bezahlte. So wurden die Jugendlichen Teil der lokalen Geschichtskultur. Nebenbei nahmen Zeitzeug:innen und die städtischen Honoratioren unsere Schüler:innen wahr – und umgekehrt: In der Evaluation zeigten sich viele Elftklässler:innen überrascht, dass sie ihre Stimme erheben und Botschaften senden können, an deren Verständlichkeit sie lange gefeilt hatten. Dass auch etwas Kleines Interesse erregt, «die Politik» gar nicht so unerreichbar weit entfernt sei. Und dass man sich gehört fühle: Schließlich fanden sich Fotos und Selfies mit Slogans und Oberbürgermeisterin auf deren Instagram-Account wieder.

Geschichte ganz nah


Der historische Ort spielt eine Rolle: Er zeigt uns, was früher passiert ist dort, wohin wir unsere Füße setzen. Ein wichtiges Beispiel sind die Stolpersteine als Denk-Zeichen für Deportationen in der NS-Zeit.

Wenn man ein bisschen sucht, finden sich historische Anknüpfungspunkte in unmittelbarer Nähe um fast jede Schule. Archive unterstützen lokale Rechercheprojekte meist gern. Man kann überlegen, ob man opfer- oder auch mal täterzentriert forschen möchte. Oder ob man weniger bekannten Themen nachgeht: der Kolonialzeit, migrantischer oder Alltagsgeschichte.

Wenn zu Gedenkfeiern Eltern, vielleicht sogar Großeltern kommen können, ergibt sich zwanglos ein intergenerationelles Gespräch über die Vergangenheit. Werden Fragen an die eigene Familiengeschichte gestellt, pflegt man historisches Tiefensehen.

Weiterer Nebeneffekt: Während schlecht informierte Kritiker:innen der Waldorfpädagogik eine Nähe zu rechten, demokratiefeindlichen Strömungen unterstellen, zeigen wir im Gegenteil unsere intensive Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und anderen Diktaturen. 

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