Hiltrud Kamolz und Michaela Kfir sind Klassenlehrerinnen der fünften und der dritten Klasse an der Freien Waldorfschule Augsburg. Beide berichten von einer sehr präsenten Elternschaft, die sich engagiert und die jeweilige Klassengemeinschaft stärkt. Keine Selbstverständlichkeit, das wissen sie aus eigener Erfahrung. Zum Gelingen einer solchen Erziehungs- und Bildungspartnerschaft zwischen Schule und Elternhaus müssen beide Seiten investieren: Zeit, Geduld, Verständnis. Eine große Herausforderung in einer Lebensrealität, in der viele Menschen unter Zeitdruck stehen und die Lebensentwürfe immer individueller werden. Aber es lohnt sich.
Aus Sicht der beiden Lehrerinnen ist die Erziehungs- und Bildungspartnerschaft kein Zusatzprogramm, das man «auch noch» organisiert, sondern Teil der pädagogischen Kernaufgabe. Unterricht gelingt besser, wenn die Erwachsenen um das Kind herum in einem tragfähigen, respektvollen Verhältnis zueinanderstehen. «Dabei muss kein Einklang aus einzelnen Stimmen entstehen», sagt Kfir. «Denn wir alle sind unterschiedlich. Aber es ist wichtig, dass wir einander zuhören und eine gemeinsame Basis finden.»
Gemeinschaft bilden
«Einmal im Jahr verbringen wir mit den Schüler:innen und den Eltern ein gemeinsames Wochenende», berichtet Kfir. Sie war mit ihrer Klasse bereits auf der Schwäbischen Alb und im Allgäu. «Denn für eine gute Gemeinschaft der Kinder ist es wichtig, dass auch die Eltern eine gute Gemeinschaft bilden. Es lohnt sich präventiv ein gutes Verhältnis zueinander zu pflegen».
Deshalb binden die Lehrerinnen die Eltern ab Beginn der ersten Klasse in Aktivitäten ein. Beim Vorbereiten und Feiern von Festen, beim Filzen und zahlreichen anderen Gelegenheiten. So entsteht eine gemeinsame Geschichte. Eine Grundlage, die auch dann trägt, wenn Konflikte auftauchen oder eine Klasse durch anspruchsvolle Phasen geht. Im dritten Schuljahr unternehmen die Schüler:innen der Freien Waldorfschule Augsburg die Köhlerfahrt. Die Gemeinschaft besucht einen Köhler bei der Arbeit, baut selbst einen Holzkohlemeiler auf und übernachtet in Zelten. «Mir ist wichtig, auch hier viele Eltern dabei zu haben», sagt Kamolz.
Damit die Beziehung wirklich trägt, braucht sie verlässliche Formen: Elternsprecher:innen, gemeinsam geplante Elternabende, manchmal auch informelle Begegnungen in kleiner Runde. Hinzu kommen jährliche Einzelgespräche, in denen Eltern Anliegen einbringen und Unsicherheiten teilen können – besonders wichtig bei Erstkindern, betonen die Lehrerinnen. «Ich lade die Elternsprecher:innen immer wieder zu mir nach Hause ein», sagt Kamolz. «Da können wir alle Themen bei einer Tasse Tee oder Kaffee in warmer Atmosphäre besprechen.» Die Zusammenarbeit empfindet sie als sehr fruchtbar.
Die Lehrerinnen stellen fest, dass ungeplante Kontaktaufnahmen abnehmen, wenn Vertrauen und Offenheit wachsen. Nähe führt nicht automatisch zu Grenzüberschreitungen. Im Gegenteil kann sie mehr Respekt ermöglichen: Eltern fühlen sich gesehen und Lehrkräfte erleben, dass ihre Arbeit verstanden wird.
Gegenseitige Unterstützung
Ein wichtiger Aspekt der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft ist Transparenz. So sollten Lehrkräfte regelmäßig über Unterrichtsinhalte und pädagogische Hintergründe informieren, empfehlen Kamolz und Kfir. Eltern geraten weniger in Sorge, «zu wenig zu wissen», wenn sie nachvollziehen können, was geschieht und warum bestimmte Wege gewählt werden. Dies gelingt durch regelmäßige Elternabende und Hospitationsmöglichkeiten im Unterricht. Aber auch durch zusätzliche kurze schriftliche Rückmeldungen – soweit es der Schulalltag zulässt. Deshalb informieren die beiden Lehrerinnen die Elternschaft per Infomail. Das schafft Transparenz über das Schulgeschehen und beugt zahlreichen Einzelanfragen vor.
Besonders eindrücklich wird Partnerschaft dort, wo Eltern nicht nur unterstützen, sondern Verantwortung organisieren. Nachdem sie in der ersten und zweiten Klasse eine Klassenbetreuung zur Seite hatte, fand sich Kamolz in der dritten Klasse ohne eine zweite Person, die in einer sehr herausfordernden Klassengemeinschaft zur Unterstützung dringend notwendig gewesen wäre. Also entlasteten Eltern den Alltag, indem im Wechsel an vielen Vormittagen eine Mutter oder ein Vater im Klassenzimmer anwesend war und mithalf. Für die Lehrkraft war das nicht nur praktisch, sondern ein starkes Signal: Hier wird nicht erwartet, dass die Schule alles löst – es wird gemeinsam getragen.
Auch bei den regelmäßig stattfindenden Räumaktionen am Schulgebäude und im -garten können sich Schüler:innen, Eltern und Lehrkräfte in einem informellen Umfeld begegnen. «Diese gemeinschaftsbildenden Aktionen sind sehr wichtig», sagt Kamolz. Das findet auch Kfir. Sie weist darauf hin, wie viel Zeit Lehrkräfte in ihre Unterrichtsvorbereitung investieren. «Aber sind diese gemeinschaftsbildenden Aktionen nicht auch Teil der Unterrichtsvorbereitung?», fragt sie und regt an, darüber nachzudenken, welche Grundlagen für eine fruchtbare Unterrichtsgestaltung ausschlaggebend sind. «Unsere Gesellschaft hat sich immer mehr zum Individualismus hin verändert. Wir müssen daran arbeiten aus dem Individualismus heraus wieder mehr in Gemeinschaft zu kommen und uns gegenseitig zu unterstützen.»
Klarheit im Miteinander
Ein typisches Reibungsfeld ist der Medienkonsum. Hier wird besonders deutlich, wie sehr die Regeln im Elternhaus Einfluss auf das Schulleben nehmen – und wie sehr sich die einzelnen Elternhäuser gegenseitig unterstützen können, wenn sie sich auf gemeinsame Regeln einigen. In Bezug auf die Nutzung von Smartphones im Allgemeinen und einzelnen Kommunikations- und Social-Media-Apps im Speziellen. Viele Waldorfschulen bieten dazu einen Elternabend an, mit externer fachlicher Unterstützung. So auch die Freie Waldorfschule Augsburg.
In einem offenen Gespräch tauschten die Eltern ehrlich aus, wie viel Medienzeit im Alltag tatsächlich vorkommt und welche Grenzen zu Hause umsetzbar sind. «Ich war beeindruckt von der Offenheit und dem gegenseitigen Vertrauen», berichtet Kamolz von dem Elternabend zum Thema Medienkonsum in ihrer Klasse. Am Ende stand eine gemeinsame Vereinbarung, die das Durchhalten erleichterte, weil Regeln nicht als individuelle Strenge empfunden wurden, sondern als gemeinschaftlicher Rahmen.
Gelingen kann das, wenn auf einem Elternabend nicht einseitig belehrt, sondern gemeinsam nach Lösungen gesucht wird. «Es geht nicht um Verurteilung bestimmter Themen», stellt Kfir klar. «Sondern immer um Verständnis. Um ein gemeinsames Ringen zum Umgang mit diesen Themen, nicht um ein Fordern seitens der Schule.»
«Für eine gelingende Partnerschaft brauchen wir eine gemeinsame Klarheit», sagt sie. Darüber, was Waldorfpädagogik heute leisten kann und soll. Und darüber, was Eltern und Lehrkräfte leisten können. Der Spagat zwischen Abschlussanforderungen, künstlerischem Unterricht und individueller Förderung wird immer größer. Gerade deshalb bleibt Erziehungs- und Bildungspartnerschaft zentral: Sie braucht realistisches Erwartungsmanagement und die Bereitschaft, Formen zu entwickeln, die Vertrauen stärken, ohne die Schule zu überfordern.
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