Als Allgemeinärztin erlebe ich, dass Erschöpfung eines der fünf großen Themen ist, mit denen Frauen in die Sprechstunde kommen. Die anderen großen Themen sind Schlafstörungen, Hormonsorgen, Infektionskrankheiten oder Schmerzen. «Ich habe so wenig Energie», sagen viele Frauen, oder «ich komme kaum mehr durch den Tag» oder «ich bin dauermüde, wie ferngesteuert». Die meisten dieser Frauen haben andere Gefühle und Gedanken dazu als ich. Sie befürchten, etwas stimme nicht mit ihnen. Übrigens kommen natürlich auch manchmal Männer mit diesen Symptomen in meine Praxis.
Vitaminmangel? Zu wenig Mineralstoffe? Die Hormone? Nicht wenige Gesundheitsarbeiter:innen schlagen aus dieser Hoffnung Profit, bemühen teure Laboruntersuchungen und stellen wenig seriöse Diagnosen. Influencer:innen und Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln machen mit dem Thema gute Geschäfte und beeinflussen, wie wir über Erschöpfung denken sollen. Und es ist leicht, «die Hormone» anzuschuldigen. Aktuell ist die Perimenopause, also die Übergangsphase vor der Menopause, in aller Munde. Doch an dieser Stelle sollten wir kurz durchatmen und mit innerer Lässigkeit ein Fragezeichen malen, um das Thema weiter unten wieder aufzugreifen.
Vielfältige Ursachen
Ja, es gibt Mangelerscheinungen, es gibt hormonelle und andere Erkrankungen, die Erschöpfung als Symptom nahelegen. Einige sind leicht zu diagnostizieren, andere etwas kniffliger. Die meisten dieser medizinischen Gründe sind eher selten.
Sehr häufig bleiben nach sorgfältiger medizinischer Abklärung vor allem Befunde, die eigentlich ein gesellschaftliches Syndrom sind. Überforderung durch erlernte innere und zugetragene äußere Ansprüche. Ständige Verfügbarkeit. Zu wenig Raum, um in Ruhe bei sich zu sein, um eigene Themen, eigene Ideale und eigene Kraftquellen zu entwickeln. Sofort aufflammende Schuldgefühle, wenn man doch einmal Unterstützung ablehnt, weil man etwas anderes in Ruhe fortführen möchte.
Regeneration als Potenzial
Frauen haben einen Organismus, der gut regenerieren kann. Zwischen Pubertät und Menopause ist der weibliche Körper in ständigem Wandel. Jeder Zyklus wird von der Melodie des Werdens und des Vergehens begleitet. In jedem Zyklus macht sich der Organismus zur Zeit des Eisprungs bereit für die Ankunft eines Kindes und regeneriert anschließend zurück in sein Eigensein. Es ist eine Geste des Öffnens und des Zu-sich-zurück-Kommens, eine Dynamik der weiblichen Lebenskräfte. Diese schöpferische Kraft bleibt im Alltag vieler Frauen jedoch nicht selten auf der Strecke. Ist es nicht interessant, wie nah sich die beiden Wörter «Schöpfung» und «Erschöpfung» sind?
Die Erschöpfung der Frauen ist natürlich kein Zufall. Die Lebensmitte ist besonders bei Frauen ein Leben im permanenten Funktionsmodus und reich angefüllt mit Aufgaben. Oft sind Kinder im Haus, die Arbeit fordert, Kredite müssen abbezahlt werden, die eigenen Eltern möchten Zuwendung, der Kindergarten braucht einen Beitrag zum Buffet. Dazu kommen Elternabend, Kieferorthopädie, Wäsche. Die Liste ist weit entfernt von vollständig, doch schon beim Lesen kann man eine Enge spüren.
Es sind all die Notwendigkeiten, die nicht nur eine gedankliche Last sind, sondern eine sehr konkrete. Und die viel zu oft vor allem von den Frauen oder Müttern getragen werden. Natürlich kenne ich auch Familien, die sich nicht in klassischen Rollen organisieren. Einige erproben ausgewogenere Aufgabenteilungen. In sehr wenigen geht die Mutter ihrem Beruf nach und der Vater kümmert sich um die familiären Belange.
Zahlen, die den Alltag beschreiben
An dieser Stelle ein paar seriöse Zahlen aus einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes von 2022: Mütter leisten knapp vierzig Stunden unbezahlte Care-Arbeit in der Woche, Väter knapp fünfundzwanzig Stunden. Der Umfang der Erwerbsarbeit hängt bei Müttern stark vom Alter des jüngsten Kindes ab. Ist dieses jünger als sechs Jahre, gehen sie im Durchschnitt 13,5 Stunden einer bezahlten Arbeit nach, später im Schnitt 22,5 Stunden. Väter leisten unabhängig vom Alter der Kinder 33,5 Wochenstunden bezahlte Arbeit. Nicht vergessen sollten wir, dass nicht nur Alleinerziehende, sondern auch Familien in finanziell schwierigen Situationen häufig eine wesentlich höhere Arbeitsbelastung haben.
Traditionsort Waldorfschule
Und wie sieht es an Ihrer Waldorfschule aus? Meine Wahrnehmung als Waldorfschülerin in den Achtzigerjahren, als Schulärztin in den 2010er-Jahren und als Schulmutter bis vor zwei Jahren ist, dass es an Waldorfschulen noch traditioneller als im Durchschnitt zugeht.
Wir können uns diesen Fragen pragmatisch-beobachtend nähern. Wie hoch ist die Mütterquote bei Ihren Elternabenden? Wie hoch ist die Väterquote bei der Buffetbefüllung? Wer werkelt für den Weihnachtsmarkt? Wer begleitet die Kinder beim Adventsgärtlein, holt ein Kind mit Bauchschmerzen von der Schule ab? Und, meine Lieblingsfrage in diesem Zusammenhang: Haben Sie sich schon einmal getraut, Ihr Geburtstagskind an einer Waldorfschule mit gekauften Berlinern, Butterbrezeln oder Schaumküssen in die Schule zu schicken? Und falls ja: Sind Sie ein Mann oder eine Frau?
Für einen Vater ist es leicht, Heldenpunkte zu sammeln, wenn er öffentlich sein Baby wickelt oder selbstgebackenen Kuchen präsentiert. Man lässt ihm kleine Ausfälle locker, also etwa ein vergessenes Geburtstagsgeschenk für den Freund des Sohnes, durchgehen. Wie wohltuend kann es da sein, sich gegenseitig solidarisch zu unterstützen.
Innere Gründe: Prägungen und Prioritäten
Die Erschöpfung von Frauen hat allerdings auch innere Gründe. Stark vergröbert wachsen Jungen eher mit dem gesellschaftlichen Auftrag heran, «etwas» aus sich zu machen, «jemand» zu werden. Während von Mädchen eher verlangt wird, sich um andere zu kümmern, «da» zu sein, wenn man sie braucht. Die Waldorfpädagogik hat sich in ihren Ursprüngen von diesen Erwartungen emanzipiert, indem sie nicht nur das individuelle Kind jenseits von Rollenerwartungen fokussiert hat, sondern auch allen Kindern eine breite Ausbildung ermöglicht. Stricken und Schmieden zum Beispiel lernen alle Kinder gleichermaßen. Viele der Anthroposophinnen der ersten Jahre waren emanzipierte Frauen mit eigenen Berufen. Die Entwicklung durch Nazi- und Nachkriegszeit hat diese modernen Tendenzen wieder stark zurückgeworfen.
Frauen haben seltener gelernt, ihre eigenen Themen, Ideale und Leidenschaften zu priorisieren. Nicht nur körperlich sind Frauen so konstituiert, dass sie das Teilen und das Nähren als Potenzial in sich tragen. Eine Schwangerschaft bedeutet neben vielem anderen auch, einem Kind Raum, Wärme und Nahrung zu geben. Räume zu öffnen, die wärmend und nährend sind, ist auch im Seelischen eine Fähigkeit, die wir als eher «weiblich» lesen oder zuschreiben, auch wenn sie natürlich nicht streng an zwei X-Chromosomen gebunden ist. Wer aber füllt diese Räume, wer nutzt sie, wer verfügt über sie?
Was wirklich hilft
Wollen wir Frauen weniger erschöpft sein, geht es nicht darum, einmal zum Yoga zu gehen, einen Tee in der Sonne zu trinken oder zwei, drei Aufgaben abzugeben. Vielmehr geht es darum, Räume weiter zu machen, in denen Eigenes wieder stattfinden kann. In denen Ruhe, Besinnung und vermeintlich Unnützes Platz finden kann. In denen Luft ist für eine Idee, einen Impuls, eine Inspiration. Es kann sein, dass uns in dieser Stimmung ein Anliegen, eine Leidenschaft, eine Freude zufällt, mit der wir noch eine Weile gehen wollen. Hat es etwas mit dem Wald oder den Küsten zu tun? Mit Farben oder Musik? Mit Kraft und Bewegung? Mit unseren Freundinnen? Und was, wenn wir dieses Anliegen wärmen und nähren? Nicht immer gelingt es, die dafür nötige Restkraft zusammenzunehmen. Spätestens dann empfiehlt sich ein Besuch bei der Ärztin oder dem Arzt, vielleicht auch eine anthroposophische Behandlung.
Perimenopause: Aufmerksamkeit ja – Reduktion nein
Es kann gut sein, dass all diese Fragen mit der Perimenopause zusammenfallen. Wir erleben aktuell eine Welle der Aufmerksamkeit für das Hormongeschehen. Das ist wichtig, auch weil es so lange ein vernachlässigtes Thema in der Medizin war. Allerdings ist liebevolle Wachheit geboten. Denn seit der Entdeckung der Zyklushormone wurden Frauen in ihren Fähigkeiten und Eigenschaften beständig auf ihre Hormone reduziert. Beispielsweise erklärte der Arzt Edgar Berman, ein demokratischer US-Politiker der frühen 1970er Jahre, Frauen als ungeeignet für höhere politische Ämter aufgrund ihrer «raging hormonal imbalances» (wütenden hormonellen Ungleichgewichte). Das natürliche hormonelle Zykluskonzert ebenso wie die wechselnden Lebensphasen mit ihrem hormonellen Ausdruck werden auch heute vor allem mit Begriffen wie «Hormondysregulation», «Hormonchaos» oder «Hormondefizit» beschrieben. Wie wäre es, stattdessen Begriffe wie «Hormonlebendigkeit», «Hormonpotenzial» oder «hormonelle Ruhephase» zu benutzen? Es könnte sein, dass wir dann die hohe gesellschaftliche Potenz der weiblichen Wandelbarkeit sehen lernen.
Vielleicht bekommen Sie Lust, zu überlegen, wie all die schönen Feste und wie die Elternarbeit so gestaltet werden könnten, dass sie Vätern mehr Räume eröffnen, zu wärmen und zu nähren. Was es bräuchte, damit Mütter ihre Zeit freier gestalten und ihr berufliches Werden mit gutem Gewissen pflegen können. Was sich ändern könnte, damit weniger Waldorflehrerinnen in tiefgreifende Erschöpfungszustände geraten. Denn oft liegt die Antwort nicht bei der Einzelnen oder dem Einzelnen, sondern in der Gemeinschaft.
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