Ausgabe 09/25

Freiheitsfähigkeit und Waldorf heute

Dorothee Raiser
Im Oktober 2025 erscheint im Beltz-Verlag das Buch «Die Waldorfpädagogik der frühen Kindheit und ihre Kontexte», herausgegeben von Philipp Gelitz. Darin befindet sich der Beitrag von Jost Schieren «Philosophische Implikationen der Waldorfpädagogik. Eine Kritik der Ideologiekritik», eine Langfassung seines Vortrags an der FWS Engelberg.

 

Ein Schaubild zur Entwicklung der Schüler:innenzahlen in der Ausstellung zum Jubiläum der Freien Waldorfschule Engelberg zeichnet genau das Bild, auf das der Redner gleich zu Anfang seines Vortrags eingeht: der Achtzigerjahre-Waldorf-Boom, das Resultat von bürgerlich werdenden 68er-Eltern auf der Suche nach einer alternativen Schulform, ist vorbei. Rückläufige Schüler:innenzahlen zeigen, dass die Waldorfbewegung vor großen Herausforderungen steht. Nonkonformität? Ist gerade nicht sehr gefragt. Als Grund hierfür sieht Schieren die aktuell vorwiegend negative Resonanz in den Medien, bei der es vor allem um den Vorwurf der Ideologielastigkeit und der Kritik an fehlender Wissenschaftlichkeit gehe.

Zur Freiheit fähig 
 

Das Publikum tröpfelt ein. Zwischen zwei metallisch klingenden, wuchtigen Gongschlägen, die sonst wohl zur Konferenz rufen. Lehrkräfte vor allem. Eltern sucht man vergeblich, auch wenn die Einladung zum Vortrag als Bindeglied zwischen Kollegium und Elternschaft gedacht war und auf die Initiative einer Mutter aus dem Vorstand zurückgeht. Schieren sitzt entspannt. Später wird er zwischen Blumenschmuck aus Iris mit Haselstrauch und dem aufgeklappten Laptop hinter dem Rednerpult hin- und hergehen, gestikulieren. Dann ist nichts mehr zu spüren von lässiger Nonchalance bei den Zuhörer:innen. Und kein Hüsteln, kein Laut von den harten Bänken. Die Verortung der Waldorfpädagogik, die Schieren auf der Bühne zwischen rotem Samt und PowerPoint vornimmt, erhält alle Aufmerksamkeit. So nennt er etwa das gegenwärtig von Philosophie und Psychologie getragene Postulat, dass der Mensch ein vorwiegend von gesellschaftlichen Verhältnissen geprägtes Wesen sei. Die Antwort der Waldorfpädagogik darauf sei nicht etwa das Bild einer freien Persönlichkeit, vielmehr das Ziel der Entwicklung einer solchen, den Menschen somit nicht als frei, aber zur Freiheit grundsätzlich fähig. Und auch wenn er als Hypothese die Rolle der Gesellschaft für die Sozialisation mit einer Größe von 98 Prozent benennt und ihr nur zwei Prozent Freiheit entgegen denkt, zeigt Schieren auf, welch anderer Raum sich für eine solche Pädagogik jenseits des vorherrschenden Determinismus von Ursache und Wirkung öffnet.

Für die Praxis bedeutet der Gedanke der Freiheitsfähigkeit den Verzicht auf vorzeitige Selektion. Das zeigt sich in fehlender Notengebung, auch Klassenwiederholungen finden kaum oder nicht statt, dafür geschieht Lernen in der Leistungsheterogenität von stabilen Klassengemeinschaften. Neben dem Verzicht auf frühe Auslese wird ebenso von einer Hierarchisierung von Fächern in Haupt- und Nebenfach abgesehen; dies zugunsten der stärkeren Orientierung an individuellen Begabungen und Neigungen der Schüler:innen. Schieren spricht von einer anderen Realität, die sich in einem solchen Denken öffnet und von pädagogischem Fluidum, das bestärkt und Selbstvertrauen schafft. Damit kann Waldorfschule zu einem Ort werden, wo Kinder gesehen, im besten Fall verstanden und gefördert werden und, gerade auch im europäischen Vergleich, zu einem positiven Beispiel in der selektiven, deutschen Schullandschaft.

Waldorf ohne Steiner?
 

Bei der Frage, wo die Waldorfpädagogik aktuell stehe und ob es gelte, ihr modernes Gesicht herauszuschälen und sie von Altlasten zu befreien, stellt Jost Schieren die provokante Frage, ob «Waldorf ohne Steiner?» womöglich die Waldorfpädagogik der Zukunft sei. Nein. Aber Schieren liest Rudolf Steiner im Lichte der aktuellen Zeit. Mehr noch kommuniziert er ihn in einer Sprache, die ohne das typische Waldorfvokabular auskommt, einer Sprache, deren Begriffe im wissenschaftlichen Diskurs nachschlagbar sind und dies nicht nur in den leinengebundenen Bänden im Bauch dieser Schule. Gerade die Wahl der Sprache zeigt Dialogwillen und ermöglicht so Dialogfähigkeit im wissenschaftlichen Kontext allgemeiner Pädagogik, Psychologie oder Philosophie. Alles Sektierertum wird abgelegt.

Dem Blick einer modernen Naturwissenschaft, die alle Lebensprozesse auf eine materielle Ursache biologischer oder chemischer Art zurückführt, stellt er nicht etwa einen Spiritualismus gegenüber, sondern verweist auf Steiners Ausführungen, nach denen Anthroposophie kein Unterrichtsinhalt sein soll. Eben nicht Ideologie, nicht religiös-metaphysischer Überbau, vielmehr zeichnet die Hinwendung an die Phänomene der Welt die Waldorfpädagogik aus und stellt sie mit den methodischen Schlagworten der Handlungs- und Erfahrungsorientierung sowie der Ganzheitlichkeit neben andere pädagogische Ansätze, etwa aus der Reformpädagogik, wo individuelle Lernprozesse gegenüber Inhalten im Vordergrund stehen.

Mit dem Beispiel eines Biografie-Projekts als Antwort auf den Unmut seiner Oberstufenschüler:innen über eine Parzifalepoche schildert Schieren, wie eine Erziehung zu Werten und Idealen jenseits der Pubertät aussehen kann. Es müssten nicht feste Werte von einer Autorität postuliert und moralisierend vermittelt werden. Sondern jungen Menschen könnte durch Erfahrungslernen eine individuelle Perspektive möglich werden, aus der Erkenntnis und eigene Werte gewonnen werden können. So sei Sinnorientierung möglich. Schieren spricht von Denkvertrauen und der Möglichkeit, denkend die Essenz der Dinge zu erfassen. Nicht als absolute Größe von universeller Gültigkeit, sondern individuell stimmig und richtig. Diesen individuell-perspektivischen Essentialismus stellt er der heutzutage vorherrschenden nominalistischen Orientierung entgegen und entkräftet so den Vorwurf des Essentialismus, dem die Waldorfpädagogik immer wieder ausgesetzt ist, auch wenn Steiner selbst auf die Rolle der Anthroposophie als Erkenntnisweg und nicht als Inhalt oder gar Quell umfassender Wahrheit verwiesen hat.

Keine Orchidee 
 

«Ja, damals!», lässt der halblaut geäußerte Einwurf aus dem Publikum vermuten, dass sich Zeiten und Schüler:innen seit Schierens schulischer Tätigkeit geändert haben mögen. Parzifal? Der Lehrer neben dem Beamer lächelt nachsichtig. Aber geht es nicht genau darum, immer wieder neu skeptisch zu prüfen, individuelle Antworten zu finden und sich zu positionieren als Waldorfschule in einer sich verändernden Welt? Nicht als luftgewurzelte Orchidee unter künstlichem Licht, sondern in der Gegenwart gegründet und am aktuellen Diskurs um Bildung teilnehmend.

Was das für den 80. einer großen, alten Dame bedeutet, zu der die anfangs «Schülchen» genannte Schule in Engelberg sich entwickelt hat? Leichtigkeit wünscht man beim Blick durch den ehrwürdigen Saal, dass der initiative Geist, der dieser Veranstaltung zugrunde liegt, zu Inspiration, wahlweise pädgogischem Fluidum werde. Anstoß dazu hat er gegeben, Schieren, in einem großen und langen Atem, der zum Austausch leider keinen Raum mehr ließ. Oder doch? «Toll, toll, toll», sagt der Kollege zum anderen. Der steigt gleich in weitergehende, philosophische Ausführungen ein, auf dem Weg zum anschließenden Empfang. Da brummen die festlich geschmückten Stehtische.

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