Ausgabe 05/26

Frieden mit Waffen verteidigen

Klara Lonnemann

Bild oben: Litfaßsäulenwerbung für die Bundeswehr in Berlin in der Schönhauser Allee.
Bild unten: Auf einem Parkplatz gegenüber der Rudolf Steiner Schule Gröbenzell klebt ein Aufkleber gegen Bundeswehr-Informationen an Schulen.

Zitat: »Marlene berichtet von Gegenwind, Vorurteilen und dem Gefühl, vorschnell abgestempelt zu werden.«


Jugendlichen heute ist dieser Luxus, wie ich ihn noch erlebt habe, nicht mehr gegeben. Krieg innerhalb Europas und eine mögliche verpflichtende Musterung machen das Thema sehr aktuell. Alle müssen sich jetzt mit der Frage auseinanderzusetzen, ob sie für ihr Land in den Krieg ziehen würden.

Marlene: Zwischen Angst und Vorbereitung


Marlene ist 17 Jahre alt, wohnt in Kiel und besucht seit der dritten Klasse die Waldorfschule. Sie wird nächstes Jahr Abitur machen und hat vor, danach zur Bundeswehr zu gehen. Im Rahmen ihres Berufspraktikums in der elften Klasse konnte sie sich für drei Wochen in ein Artilleriebataillon in Munster hineinfühlen. Sie assistierte bei den Sanitäter:innen, schaute bei Schießübungen zu und fuhr in einem Raketenträger mit.

«Ich habe Angst vor Krieg» – gerade diesen Widerspruch nennt sie als einen Grund für ihre Entscheidung. Sie möchte nach der Schule etwas Sportliches machen, etwas Sinnvolles, und sie möchte sich im Falle eines Angriffes nicht wehrlos fühlen. Anderen helfen und sie schützen zu können und sich selbst verteidigen zu können, ist für sie ein wichtiger Beweggrund – ein sehr fürsorglicher Gedanke. Während andere sich dafür einsetzen, den Ausbruch eines möglichen Krieges zu verhindern, möchte sie bereit sein, falls doch etwas passiert.

Der Krieg in der Ukraine, der ausbrach, als sie 13 Jahre alt war, hat sie auch durch die geografische Nähe beeinflusst. Viel sprach sie darüber mit ihrer Mutter, über Krieg und Ängste. Die Familie ist nicht begeistert von ihrer Entscheidung, unterstützt sie aber in dem, was sie tun möchte.

Gegenwind im Umfeld


«Mir hat das Praktikum Selbstbewusstsein gegeben», sagt Marlene. Kurz danach wollte sie nach der Schule eine zwölfjährige Offizierinnenausbildung beginnen. Obwohl die Marine in Kiel nahe läge, möchte sie lieber Feldjägerin werden: Wasser und Schiffe seien nicht ihr Ding. Als Feldjägerin wäre sie im Geschehen – im Ernstfall sogar an der Front. In ihrer «sehr linken» Klasse sorgt das für Aufregung. Bei ihrem Praktikumsbericht, den sie vor Klasse und Eltern präsentierte, gab es spürbaren Gegenwind: Manche Eltern drehten sich weg, manche schauten sie nicht einmal an. Nach einem Ethikreferat zur Frage, ob das Töten von Menschen moralisch zu rechtfertigen sei, wurde es etwas leichter, sagt sie. «Aber meine Klassenkamerad:innen haben nie nach meinen Beweggründen gefragt», so Marlene.

Durch den Krieg in der Ukraine und die neue Entwicklung zum Thema Wehrdienst rückte das Thema – und damit auch Marlenes Plan – ein Jahr nach dem Praktikum wieder in den Mittelpunkt. Sie werde immer wieder angesprochen und von einigen als «rechts» abgestempelt, allein wegen ihres Berufswunsches und der Offenheit, mit der sie darüber spricht. Auch eine Podiumsdiskussion an der Schule zum Thema Frieden, bei der zwei Friedensjugendgruppen und ein Bundeswehrsprecher anwesend waren, habe die Debatte nicht entschärft.

Marlene ist gegen einen verpflichtenden Wehrdienst. Personalprobleme müsse man anders lösen als durch Zwang. Auch die aktuelle Bundeswehrkampagne mit großen All-Caps-Slogans (zum Beispiel: «Das Gefühl, wenn eine ganze Armee hinter Dir steht») findet sie kriegsverherrlichend.

Gleichzeitig fällt ihr das Positionieren schwer: Zu Demonstrationen gegen eine Wehrpflicht könne sie kaum gehen, ohne in einen Konflikt mit dem eigenen Berufswunsch zu geraten. Nicht hinzugehen sei aber ebenso schwierig, wenn ihre Klasse geschlossen gehe. Sie berichtet von Gegenwind, Vorurteilen und dem Gefühl, vorschnell abgestempelt zu werden.

Zu Hause erlebt sie mehr Unterstützung: Das Praktikum, mehrere Stunden von ihrem Wohnort entfernt, konnte nur stattfinden, weil die Familie es möglich machte. Heute, etwas über ein Jahr später, hat sich ihr Plan verändert. Statt einer langen Offizierinnenausbildung möchte sie zunächst die Grundausbildung machen und danach weitersehen. Dass ein Einsatz gefährlich wäre, beschäftigt sie stärker – auch, weil sie inzwischen in einer Beziehung ist. Ihre Entscheidung, sich für zwölf Jahre zu verpflichten, hat sie noch einmal überdacht. An ihrer Waldorfzeit schätzt sie vor allem, gelernt zu haben, Dinge zu hinterfragen. Eine Fähigkeit, die ihr – so hofft sie – auch in der Bundeswehr helfen kann.

Soldat und Reservist


Anders war es bei Rutger und Benjamin. Beide besuchten zwischen 2003 und 2018 die Waldorfschule Magdeburg, machten danach ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) und entschieden sich anschließend für die Bundeswehr. Sie waren nicht in derselben Klasse, gingen aber einen ähnlichen Weg: Die Entscheidung fiel jeweils während des FSJ – auch, weil alternative Ausbildungsstellen schon vergeben waren.

Rutger leistete ab 2019 zwei Jahre freiwilligen Wehrdienst, ist seitdem Reservist und immer wieder als Sanitäter im Einsatz. Wenn er nicht bei der Bundeswehr ist, arbeitet er regulär und kann Zeitfenster angeben, in denen er für die Bundeswehr verfügbar ist. Benjamin ist seit 2016 durchgehend bei der Bundeswehr. Er war zehn Jahre Fallschirmjäger und wechselte später – auch wegen Familie und Kind – zur Militärpolizei, um standortgebundener zu sein.

Die Reaktionen in ihren Umfeldern waren zu ihrer Zeit weniger drastisch als heute bei Marlene. In Rutgers Familie war der Zuspruch anfangs gering, inzwischen werde die Entscheidung akzeptiert. Beide berichten eher von Zustimmung im Freundeskreis – oder zumindest von einem «Mach dein Ding». In der Öffentlichkeit könne alles passieren: winkende Kinder, aber auch Anfeindungen, wenn sie in Uniform unterwegs sind. Aber dafür brauche es keinen Applaus, sagen sie, es sei eine freiwillige Entscheidung. Als sie sich für die Bundeswehr entschieden, seien ein Krieg in Europa oder die heutige Trump-Administration noch kaum vorstellbar gewesen. Trotzdem würden beide sich heute wieder so entscheiden. Benjamin ist überzeugt, dass die Bundeswehr zur Sicherheit beiträgt. Deutschland sei zwar nicht in einem klassischen Einsatz in der Ukraine, stärke aber durch Präsenz etwa in Litauen und Osteuropa Sicherheit – und damit Frieden.

Auch ihre Waldorfzeit bewerten beide rückblickend positiv. Die Grundausbildung bei der Bundeswehr habe etwas von einer sehr langen Waldorfschul-Klassenfahrt, sagen sie. Rutger empfand die Kameradschaft sogar enger als in der Schule, weil weniger Grüppchen und weniger Geschlechtertrennung existierten. Teamarbeit, Kooperation und freies Sprechen vor Gruppen sehen beide als Fähigkeiten, die sie aus der Waldorfschule mitgenommen haben.

Ob sie eigene Kinder auf eine Waldorfschule schicken würden? «Es kommt auf die Waldorfschule an», sagen sie. Rutger hebt hervor, dass die Magdeburger Schule modern sei. Benjamin hat eine Stieftochter in der ersten Klasse einer Waldorfschule und möchte auch die jüngere Tochter später dorthin schicken.

Psychische und körperliche Belastung ist für beide ein Alltagsthema. Rutger ist als Sanitäter in Bremerhaven stationiert und behandelt unter anderem psychisch erkrankte Soldat:innen oder Verletzte in Reha. Um nicht zu sehr über die eigene Verletzbarkeit nachdenken zu müssen, schiebe er Sorgen bewusst beiseite und mache sich klar, dass er am Standort relativ sicher sei. Benjamin berichtet, dass in der Arbeit viel über psychische Gesundheit gesprochen werde, er zu Hause aber versucht, weniger darüber zu reden.

Einen verpflichtenden Wehrdienst sehen beide kritisch. Es brauche zwar mehr Personal, besonders wenn Europa unabhängiger von NATO oder USA werden wolle. Doch die Motivation sei schon jetzt ein Problem. Zwang würde das nicht verbessern, meint Rutger. Benjamin weiß von Vorträgen von Bundeswehroffizieren an Schulen, auch zum Thema Wehrdienst. Viele junge Leute wüssten nicht, dass die Wehrpflicht nie abgeschafft, sondern 2011 nur ausgesetzt wurde – und im Ernstfall jederzeit wieder eingeführt werden könnte. «Es braucht viel mehr Kommunikation und Aufklärung: sowohl zwischen Behörden als auch über die Strukturen und Aufgaben der Bundeswehr, finde ich», sagt Benjamin. Die Sorge, selbst sofort an die Front zu müssen, hält er für unbegründet. Die Bundeswehr biete viele Berufe und Einsatzmöglichkeiten. «Es ist nicht etwa so, dass ich eine Waffe in die Hand bekomme und sofort an die Front muss.» Nötig seien mehr Gespräche mit Schüler:innen, die nicht nur Karrierewege präsentieren, sondern Raum für Fragen und Sorgen lassen. Außerdem müsse klarer werden, was die Bundeswehr in Einsätzen konkret tut. Viele Einsätze – etwa im Kosovo oder in Afghanistan – seien lange kaum öffentlich thematisiert worden. So fehlten jungen Menschen heute oft konkrete Vorstellungen.

Was möchten sie Eltern mitgeben? «Die Angst vor allem Fremden nehmen.» Mit Kindern über Sicherheitspolitik sprechen, über realistische Möglichkeiten, wo man eingesetzt werden könnte, und darüber, was es heißt, sich zu verpflichten. Und Kontakte zu Menschen suchen, die Erfahrung bei der Bundeswehr haben.

Den Fragen nach Sicherheit und Zukunft, den Ängsten können junge Menschen heute kaum ausweichen. Die Entscheidung für oder gegen die Bundeswehr ist nicht mehr so freiwillig, wie sie es noch vor wenigen Monaten war. In einer demokratischen Gesellschaft hilft am besten Aufklärung: in der Schule und zu Hause. Jungen Menschen sollte man ermöglichen, sich gründlich zu informieren, Sorgen und Ängste ernst zu nehmen – und ebenso die Möglichkeiten zu kennen, die mit einer Entscheidung für die Bundeswehr verbunden sind. 

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