Für Yuna war die Arbeit am Riff weit mehr als nur eine Schulaufgabe: Beim Häkeln lernte sie eine faszinierende Unterwasserwelt kennen – und mit ihr viele Fragen, die sich um Klimawandel und Artenschutz drehen. Dr. Axel Kästner, Leiter der Leipziger Zooschule, nutzt ihr Werk als anschauliches Lehrmittel für Schulklassen.
Vor ein paar Jahren bekam Yuna einen Flyer zu einer Ausstellung der Künstlerinnen Margaret und Christine Wertheim von ihrer Oma zugeschickt. Darauf zu sehen war eine bunte Welt von Korallen – gefertigt aus Wolle und Garn. «Zu dieser Zeit habe ich sehr gerne gehäkelt und fand die Idee mit den Korallen richtig toll», erzählt Yuna. Das künstliche Korallenriff inspirierte sie zu einem ähnlichen Projekt: Für ihre Achtklassarbeit wollte sie ein eigenes gehäkeltes Korallenriff erschaffen.
Bei der Handarbeit ging die Schülerin sehr intuitiv vor. Anhand von Bildern, die sie im Internet gefunden hatte, häkelte sie verschiedene Arten von Korallen. «Meistens hatte ich schon einen Plan, wie und mit welcher Wolle ich das machen wollte. Teilweise habe ich mir auch eigene Stiche ausgedacht, um das nach meinen Vorstellungen umzusetzen.» Geplant hatte Yuna ursprünglich etwa 15 bis 20 Korallen – am Ende wurden daraus 40 Einzelstücke. «Ich wollte unbedingt das ganze Aquarium vollkriegen. Deswegen habe ich am Ende Zeitstress bekommen und musste wirklich viel häkeln, um alles rechtzeitig zum Abgabetermin fertigzukriegen», erzählt sie.
Die notwendige Wolle erhielt sie größtenteils von verschiedenen Wollanbietern, die für das Schulprojekt gerne etwas aus ihrem Bestand spendeten. «Für die fluoreszierenden Tiere habe ich einen Anbieter gefunden, der fluoreszierende Wolle verkauft. Die haben mir einfach so ein ganzes Paket zugeschickt», erzählt Yuna. Auch das Aquarium organisierte sie kostenfrei über die interne Schulpost. Ausgestattet ist es mit einem Schwarzlicht-LED-Streifen, der die Korallen im Dunkeln leuchten lässt.
Fakten über Korallen
Kleinpolypige Steinkoralle, blaue Chalice, grüne Trauben-Koralle, Krustenanemone: Die 40 gehäkelten Korallen in Yunas Aquarium repräsentieren 32 der weltweit über 5.000 bekannten Korallenarten. Für jede dieser Arten erstellte Yuna einen ausführlichen Steckbrief. Denn im Zuge ihrer Arbeit hatte sie sich nicht nur ganz praktisch, sondern auch theoretisch mit dem Thema auseinandergesetzt. «Den Begriff Koralle könnte man quasi mit dem Begriff Baum vergleichen – nur eben im Meer», weiß Yuna. «Neben den Tropen sind Korallenriffe die größten Biotope der Erde», schreibt sie in ihrer theoretischen Arbeit. Als solche gehören sie zu den artenreichsten und produktivsten Ökosystemen und tragen wesentlich dazu bei, CO2 zu speichern.
«Mich hat außerdem sehr fasziniert, dass diese Tiere so eine ganz andere eigene Welt quasi aus sich selbst heraus erschaffen können», erzählt die Schülerin. Über ihre Auseinandersetzung mit der Form dieser Lebewesen und der Art und Weise, wie Korallenriffe entstehen – nämlich indem sich verstorbene Korallen über viele Jahrzehnte zu Unterwasserbergen und sogar Inseln anlagern, die wiederum Heimat für lebende Korallen bilden –, tauchte sie buchstäblich immer tiefer in die Welt der Korallen ein. Am Ende hielt sie eine 60 Seiten starke Textarbeit in den Händen, die ihre Arbeit am Riff sowie inhaltliche Beschäftigung damit dokumentiert. «Umso mehr Spaß mir die Arbeit gemacht hat, umso mehr Themen habe ich gefunden, über die ich noch schreiben wollte. Dann ist alles irgendwie ein bisschen größer geworden», erzählt Yuna.
Eine Botschaft fürs Klassenzimmer
Obwohl Korallen normalerweise in allen Farben leuchten, sind in mehreren Ecken des Aquariums nur weiße Korallen zu sehen. Das hat einen traurigen Grund: Sind Korallen bleich, ist das ein Zeichen für Krankheit. Kein schöner Anblick, wie Yuna findet – und doch ein Teil der Realität, der seit vielen Jahrzehnten zunehmend an Korallenriffen weltweit beobachtet wird. Besonders Sonnencreme ist sehr schädlich für Korallen und hat bereits viele Riffe verenden lassen, wie Yuna während ihrer Arbeit erfahren hat. «Normale Sonnencreme tötet Korallen. Deswegen sollte man lieber solche mit dem Label ‹korallenfreundlich› benutzen», so ihr Tipp.
«Ich glaube, dass sich viele Menschen nicht bewusst sind, wie wichtig Korallen für uns und unseren Planeten sind», sagt Yuna. Damit dieses Wissen auch viele andere Menschen erreicht, hatte ihre Mutter die Idee, das Korallenaquarium der Leipziger Zooschule zur Verfügung zu stellen. Dort wurde Yunas Jahresarbeit gerne aufgenommen und unterstützt aktuell die Bildungsarbeit vor Ort. «Durch die ästhetische Gestaltung in Form von lebendigen Farben, nachgebildeten Fischen und Korallen kann eine emotionale Verbindung zum Thema entstehen, was die Motivation zum Lernen erhöht», sagt Zooschulleiter Dr. Axel Kästner. Er ermöglicht Schulklassen aus Leipzig und Umgebung einen naturnahen und praxisorientierten Unterricht, um Artenschutz und ein Bewusstsein für den verantwortungsvollen Umgang mit der Natur zu vermitteln.
«Yunas Arbeit eignet sich nicht nur als Einstieg in das Thema, sondern ist auch ideal als Aufhänger für einen Unterrichtsgang, eine Projektwoche oder eine Ausstellung zum Thema Korallenriffe, Biodiversität, Folgen des Klimawandels oder Artenschutz», findet er. «Korallenriffe sind faszinierende und unersetzliche Lebensgemeinschaften. Der menschliche Einfluss bedroht ihre Existenz. Gleichzeitig hängt ihr Überleben von uns Menschen ab.» Doch trotz der eher düsteren Aussichten für das Überleben von Korallen hat Yuna Hoffnung: «Korallen haben schon viele Klimaschwankungen miterlebt, deswegen können sie es auch schaffen, den Klimawandel zu überleben – wenn sich ein bisschen Zeit haben, sich daran anzupassen.»
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