Ausgabe 09/26

Gemeinsam für Beziehung, Reflexion und Zeit

Angelika Lonnemann
Die Bildungsallianz ist überzeugt: Wirksame Lehrer:innenbildung entsteht unter anderem in Beziehung zwischen Studierenden. Bildquelle: Freie Hochschule Stuttgart
Alle Infomationen gibt es hier: bildungsallianz-waldorf.de


Angefangen hat alles mit Kooperationen im Jahr 2010. «Zwischen 2012 und 2015 sind dann Verträge entstanden für den gemeinsamen Master», so Prof. Dr. Frank Steinwachs, Dozent und Co-Leiter am Seminar für Waldorfpädagogik Hamburg. Damit war die Grundlage geschaffen, dass der Masterstudiengang Klassenlehrkraft der Freien Hochschule Stuttgart an mehreren Orten umgesetzt werden konnte – vor Ort in den Seminaren, aber verbunden mit Präsenzphasen  in Stuttgart. Inzwischen ist daraus ein dichtes Geflecht von Abstimmung und gegenseitiger Unterstützung geworden, so finden beispielsweise mehrere gemeinsame Klausuren jährlich statt, zuletzt etwa zu Themen wie Diskriminierungssensibilität oder Diversität.

Warum gerade diese vier Standorte so eng kooperieren, hat mit regionalen Bedürfnissen und persönlichen Beziehungen zu tun: «Wir ziehen an einem Strang, wir haben ähnliche Ansichten, was Lehrer:innenbildung bedeutet», heißt es im Gespräch. Alle teilen die Überzeugung, dass es hauptsächlich Präsenzunterricht für zukünftige Lehrkräfte geben muss, dass ein direkter Kontakt zu Studierenden wesentlich ist und betonen ihren Qualitätsanspruch – wichtig sei ebenso eine institutionelle Struktur mit Dozierenden, die auch standortübergreifend lehren können. Die Beteiligten sehen sich ebenfalls in der Verantwortung, Menschen aus gesellschaftlichen Gruppen außerhalb der Waldorfblase anzusprechen.

Britta Mann, Geschäftsführerin und Vorstand im Waldorfseminar Kiel, betont die Perspektive der Schulen in die Fort- und Ausbildung hinein. Sie berichtet von erfahrenen Lehrkräften, die angesichts neuer Herausforderungen nach guten pädagogischen Lösungen suchen: «Die stehen zum Beispiel nach Jahren wieder vor einer ersten Klasse und merken deutlich, dass sie anders unterrichten müssen: zu viel Unruhe, zu viele individuelle Bedürfnisse.» Daraus folge ein Auftrag an die Seminare, zeitgemäße Antworten zu entwickeln – in enger Verzahnung mit den Schulen. «Wir haben die Kapazitäten, hierfür Konzepte auszuarbeiten. In den Schulen sind die nicht unbedingt vorhanden», sagt Mann und betont den Dienstleistungsgedanken: Seminare sollen unterstützen, damit Waldorfschulen auch künftig gute Lehrkräfte haben. Aktuell werde in Schleswig-Holstein gerade ein Verein zur Qualitätsentwicklung und Zusammenarbeit gegründet, wo Schulen und Seminar gemeinsam agieren werden, so Mann.

Offen – nicht exklusiv
 

Wichtig ist den Beteiligten, dass die Bildungsallianz nicht als geschlossene Gesellschaft missverstanden wird. «Wir sind kein exklusiver Kreis, sondern offen für Kontakte und tragfähige Kooperation mit anderen Seminaren und Hochschulen», betont Christoph Doll, Mitglied der Seminarleitung und Vorstand  am Waldorfseminar Berlin. Zusammenarbeit könne sehr unterschiedlich aussehen: fachlicher Austausch, gemeinsame Kursentwicklung oder Gespräche über neue Masterstandorte. Die Allianz verstehe sich als offene Kooperation – auch weil jedes Seminar regionale Besonderheiten und eigene Stärken einbringe, von denen alle profitieren können.

Im Bund der Freien Waldorfschulen gibt es mit der Seminarekonferenz ein überregionales Gremium aller Seminare, das viermal im Jahr tagt. Dort werden allgemeine Fragen beraten, die sich für die Lehrer:innenbildung ergeben. Die Bildungsallianz gehe jedoch tiefer, weil sie auf konkrete Kooperation und Entwicklungsarbeit angelegt sei. «Wir arbeiten gezielt an Qualität direkt an unseren Standorten für die Ausbildung», sagt Doll. Hier würden Fragen bearbeitet, die im großen Plenum nicht sinnvoll zu leisten seien – etwa die gemeinsame Arbeit an Modulhandbüchern oder die Weiterentwicklung einzelner Formate.

Austausch von Menschen – Dozierende und Studierende
 

Die Kooperation ist einerseits durch Konzepte theoretisch, andererseits aber ganz praktisch. Dozierende übernehmen wochenweise Kursmodule an anderen Standorten. Zugleich kommen Studierende zusammen, etwa in den jährlich zweimal stattfindenden Didaktikwochen in Stuttgart. Dort begegnen sich unter anderen Berliner, Hamburger und Kieler Studierende – und manchmal unterrichten die eigenen Dozierenden dann in Stuttgart. Auch zeitgemäße digitale Elemente werden eingesetzt. Die Allianz prüfe, was passt. Unter anderem wurde ein Modul von Prof. Dr. Thomas Damberger von der Freien Hochschule zum Thema KI und Allgemeine Erziehungswissenschaften ausschließlich online veranstaltet und gut angenommen. 

Besonders stark ist die gemeinsame Arbeit an Haltung und Qualität. «Dabei arbeiten wir auf Augenhöhe miteinander», sagt Doll – nicht bloß «um des Masters willen», sondern als gemeinsame Suchbewegung. Ulrike Hans, Dozentin für Sprachgestaltung und eine der Sprecherinnen der Freien Hochschule Stuttgart, hebt hervor, wie wertvoll die unterschiedlichen Perspektiven sind: «Es ist immer wieder erstaunlich, dass man die Welt unterschiedlich wahrnimmt und interpretiert, wenn man in Berlin, Hamburg, Kiel oder Stuttgart ist.» Aus dem Austausch entstehe nicht nur Verständnis, sondern konkrete Veränderung bis hinein in Lehrveranstaltungen. Zugleich betont Hans, dass die Zusammenarbeit davon lebe, dass klare Worte gesagt werden könnten. Gerade diese frische und vertrauensgeprägte Gesprächskultur sei ein Gewinn.

Herausforderungen


Der stärkste Spannungsbogen, den die Gruppe benennt, zieht sich durch das Thema Zeit: gesellschaftlich, institutionell und ganz konkret im Alltag von Studierenden, die schon früh in Schulen eingesetzt werden. Hans beschreibt einen Trend: «Nicht nur Schüler:innen, auch Studierende kommen heute mit vielen Bedürfnissen und Nöten. Im Moment können wir den Studierenden genug Zeit einräumen. Aber der Trend geht leider dahin, alles zu verkürzen.» Ausreichend Zeit sei extrem wichtig für Persönlichkeitsbildung und die künstlerische Arbeit: «Sprachgestaltung, Musik, Schauspiel, Eurythmie … wenn die Zeit nicht mehr dazu da ist, dann passiert das nicht mehr.»

Steinwachs benennt den Druck der Schulen und damit die Verlagerung auf die Studierenden, Menschen möglichst schnell in Verantwortung zu bringen – etwa im dualen Studium, wenn aus einer halben Stelle, für die eine Lehrkraft neu eingestellt wird, binnen kurzer Zeit etwa eine Dreiviertelstelle wird. «Da entsteht auch eine große innere Not», sagt er. Studierende stünden «zwischen Baum und Borke»: Module abschließen oder der Schule mit ihrer Lehrkräftenot helfen? Doll ergänzt mit Blick auf die Praxis: «Das ist meines Erachtens der ungesündeste Druck, der entstehen kann. Auch das Üben von phänomenologischem Unterricht braucht Zeit. Manche Menschen werden tatsächlich zerrieben und sind für die Waldorfschulen sehr schnell wieder verloren.»

In der Runde ist man sich einig, dass die Allianz lange eher leise gearbeitet hat – mit viel Substanz, aber wenig öffentlicher Wahrnehmung. Hans formuliert selbstkritisch: «Wir haben nicht nach außen transportiert, was wir tun.» Genau hier setzt nun ein neuer Impuls an: Mit Antal Adam, dem neuen Verantwortlichen für die Hochschulkommunikation an der Freien Hochschule Stuttgart, bekommt das Projekt spürbar mehr Öffentlichkeit und Sichtbarkeit. 

Blick nach vorn: «Wir müssen wollen»
 

Für die Zukunft müssten alle an Waldorfbildung Beteiligten «nicht mehr nur wünschen, sondern wollen», betont Doll. Es gehe darum, gemeinsam mit dem Bund der Freien Waldorfschulen Ausbildung und Studium nicht nur neu zu denken, sondern neu zu wollen – ohne die Qualitäten leichtfertig aufzugeben. Denn die Verantwortung sei groß: «Wir sind verantwortlich dafür, was Lehrer:innen in ihre Schultasche mitbekommen, um die Kinder auf die Welt in 20 Jahren vorzubereiten.». So zeigt das Gespräch, warum die Bildungsallianz mehr ist als ein Label. Sie ist eine Form der Zusammenarbeit, die aus Praxis, Vertrauen und gemeinsamen Qualitätsfragen entstanden ist – und die gerade in Zeiten von Lehrkräftemangel und Beschleunigungsdruck eine klare Botschaft aussendet: Ausbildung braucht Beziehung, Reflexion und Zeit.

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