Ausgabe 10/25

Gemeinschaft trotz Smartphone

Katrin Staudinger


«Ich bin Christopher und ich habe in den letzten 15 Minuten wertvolle persönliche Daten über euch gesammelt.» Stille im Klassenzimmer der fünften Klasse in der Freien Waldorfschule Dinslaken. Die Vorstellungsrunde bricht ab, die gerade noch fröhlich erzählenden Kinder schauen den 47-jährigen Wentzek mit großen Augen an. Der Teamentwickler und Trainer ist mit einem von ihm entwickelten Medienkompetenztraining in die Klasse gekommen. Die Schüler:innen hatten in den vergangenen Minuten bereitwillig von sich und ihren Hobbies erzählt, ihre mitgebrachten Kuscheltiere oder Erinnerungsstücke gezeigt. Was ihnen nicht bewusst war, ist, dass sie damit schon eine Menge persönlicher Informationen preisgegeben haben. Jetzt legen sie ihre liebsten Gegenstände auf eine Rolle Tapete, die quer im Klassenraum ausgelegt wurde – das symbolisiert die Datenspur. Diese Spur im Klassenzimmer lässt sich durch Aufräumen recht einfach löschen. Wentzek weist darauf hin, dass dies mit den Daten im Internet nicht möglich ist. Er erklärt, warum es sinnvoll ist, dass wir vorsichtig mit Informationen über uns umgehen, denn auch Fremde können viel über uns erfahren. Er berichtet davon, wie große Techkonzerne über Handyspiele, Social Media und Messenger Apps Informationen sammeln und was sie damit machen. Klassenlehrerin Anna Baum hatte das Thema «Umgang mit dem Smartphone» auf einem Elternabend angesprochen. Sie freut sich, dass heute Kinder und Eltern in separaten Einheiten unterstützt werden, um einen guten Umgang mit dem Smartphone zu finden. Spielerisch erarbeitet sich die Gruppe der Kinder das Thema. Die Schüler:innen berichten teilweise von beängstigenden Erfahrungen. Durch Körperübungen erfahren sie, wie sich ihre Haltung und ihr Gefühlsleben verändert, wenn sie sich über das Smartphone beugen und sich darin vertiefen. Jedes Kind schreibt seinen Namen auf und hängt ihn in ein Mobile, es schwankt und wackelt. Die Kinder arbeiten konzentriert daran, ein Gleichgewicht zu schaffen. Wentzek erweitert das Bild gedanklich: Ihre Klassengemeinschaft kann stabil und im Gleichgewicht sein, wenn zum Beispiel klare Regeln das Zusammenleben bestimmen. 

Kinder: kompetent, aber schutzbedürftig
 

«Die Kinder haben bereits viele Erfahrungen mit Medien gemacht. Sie sind kompetenter, als wir glauben, denn sie spüren sehr genau, was und wie viel Medienkonsum ihnen guttut. Da das Smartphone aber ein Suchtmittel ist, benötigen sie die Unterstützung von Eltern und Erziehenden, um zu einem möglichst selbst regulierten und gesundheitsbewussten Umgang zu gelangen», erklärt Wentzek. Es sei müßig, sich eine Welt ohne Handy zu wünschen oder es zu verbieten, Familien müssten vielmehr einen authentischen Weg finden, die Nutzung des Smartphones zu limitieren und zu begleiten, damit die Kinder am Umgang wachsen. Das Ziel sei, die Kinder stark zu machen.

Die Erfahrungen aus der Suchtprävention zeigten, dass Verbote das Problem nicht lösen, sondern nur aus dem Sichtfeld verschieben. Helfen könne hingegen die Selbstbehauptung des Kindes und das kollegiale Hinschauen von Gemeinschaften. «Wir alle, Kinder und Eltern, können dem Sog der virtuellen Welt eine funktionierende Gemeinschaft als attraktive Alternative entgegensetzen, für die es sich lohnt, sich online einzuschränken», ergänzt Wentzek. Eine funktionierende Gemeinschaft zeichne sich dadurch aus, dass sie in zentralen Fragestellungen abgestimmt agiert und so allen handelnden Personen Orientierung und Sicherheit gebe.

Elternaufgabe Smartphonenutzung
 

Zu einem zweiten Teil des Medientages sind am Abend die Eltern der fünften Klasse geladen. Auch sie geben in der Vorstellungsrunde bereitwillig persönliche Daten an und sind kurz irritiert, als sich Wentzek als der Datensammler offenbart. In einem kurzen bildreichen und anschaulichen Impulsvortrag referiert er anschließend über die menschliche Faszination für das Smartphone, das Mobilität und Glücksgefühle in einem Gerät vereint, sowie mögliche Gefahren von jugendfreien und altersbeschränken Internetanwendungen und Apps. Die Argumente und Studien sind vielen Eltern ein Begriff, doch reagieren etliche von ihnen sichtlich betroffen, als der Trainer folgenden Vergleich zieht: «Wenn ich mein Kind unbegleitet und ungesichert mit einem Smartphone hantieren lasse, ist es so, als würde ich das Haus verlassen und die Tür nicht abschließen. Fremde mit unbekannten Absichten haben so ungehinderten Zugang direkt ins Kinderzimmer.» Offenbar haben sich alle anwesenden Eltern bereits mit dem Thema Medien und Umgang mit dem Smartphone beschäftigt. Die Toleranz bestimmten Apps gegenüber und die mit den Kindern vereinbarte Nutzungsdauer variieren jedoch sehr deutlich. Manche Eltern halten ihre Kinder so fern wie möglich von allen Medien. Gespräche unter den Eltern liefen in der Vergangenheit eher nach dem Muster: Smartphone – ja oder nein. Bei einer so großen Bandbreite der Umgangsformen mit dem Smartphone waren Einigungen zu einem gemeinsamen Umgang schwierig, Gemeinsamkeiten blieben unsichtbar. Die Eltern betrachten gemeinsam das Mobile der Klassengemeinschaft, das die Kinder am Vormittag gestaltet haben. Es entwickelt sich die gemeinsame Erkenntnis, dass wir Eltern ein Teil dieses Systems sind. Wir sorgen mit unserem Verhalten für Stabilität oder bringen durch unsere Entscheidungen zum Thema Smartphone die Gemeinschaft in Bewegung. Ob wir es wollen oder nicht – wir tragen so auch die Verantwortung, wie stabil oder unruhig die Klassengemeinschaft in der Schule ist.

Einigkeit durch spielerische Methode
 

Wentzek bringt die Eltern an diesem Abend ins Gespräch. Beinahe unbemerkt arbeiten sie gemeinsam auf ein Ziel hin. «Die Eltern der Klasse unterstützen die Kinder der Klasse, ein möglichst selbstregulierter und gesundheitsbewusster Nutzer des Smartphones zu werden.» Auf dieses Zielbild können sich die Mütter und Väter einigen und mit Hilfe der 3D-Weltenmethode erste Ideen zu Umsetzung vereinbaren. Wentzek entlastet die Eltern: «Es gibt kein Richtig und kein Falsch, alles ist besser als gar nichts zu unternehmen. Sucht euch eine Aufgabe aus den Ergebnissen aus, mit der ihr starten möchtet. Bildet in der Gemeinschaft der Eltern kleine Gruppen von Menschen, die ein Thema ähnlich handhaben wollen und nutzt die Möglichkeit, euch gegenseitig zu unterstützen.» 

Christopher Wentzek, Mail: christopher@wentzek.com
https://smartphone-begleiter.de/  
dasmobileprinzip.de

forschung-waldorf.de/
forschung/projekt/arbeitskreis-medienmuendigkeit

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