Ausgabe 01-02/24

Geschichte der Waldorfschularchitektur

Lars Frerichs

Die Architekt:innen, die Waldorfschulgebäude planten, hatten keine Beispiele von Steiner, sondern waren gefordert, eigene inhaltliche Ansätze zu entwickeln und gestalterische Lösungen zu finden. Selbstverständlich gab es die Möglichkeit, nach Dornach zu blicken. 
 

Steiners architektonisches Werk in Dornach


Im schweizerischen Dornach hat Rudolf Steiner zwischen 1913 und 1928 ein einzigartiges Ensemble an Gebäuden geschaffen, gestaltet als baulicher Abdruck der Anthroposophie: das erste und zweite Goetheanum und ihre Nebenbauten. Aus der Beschäftigung mit dem Bauimpuls in Dornach möchte ich auf einige Aspekte hinweisen.  
 

Wenn man das Heizhaus heute wie selbstverständlich imposant im Nordosten vom Goetheanum stehen sieht, geht man nicht von einem mühsamen Entwurfsprozess im Vorfeld aus. Im Goetheanum aufbewahrt befindet sich eine ganze Reihe von Entwurfsmodellen aus Plastilin, die Steiner in der Entwurfsphase geschaffen hat. Es ist sehr beeindruckend zu sehen, dass Steiner auch als Architekt künstlerisch intensiv mit sich gerungen hat.
Als das 1920 fertig gestellte erste Goetheanum in der Silvesternacht 1922/23 abbrannte, wäre es nicht abwegig gewesen, zu glauben, der Wiederaufbau würde in der gleichen Form geschehen. Doch das zweite Goetheanum unterschied sich in der äußeren Erscheinung deutlich. Der Architektur des ersten Goetheanum lag der «künstlerische Ausdruck des Inhalts der Anthroposophie» zu Grunde, der Bau wurde als reine Idee von innen heraus entwickelt. Lediglich ein Jahr nach dem Brand stellte Steiner seinen Ansatz für das zweite Goetheanum vor: Er setzte jetzt den Bau in ein Spannungsfeld von inneren und äußeren Kräften und inkarnierte somit den ideellen Ansatz des ersten Goetheanum. Das war eine erstaunliche neue Entwicklung, die in einer atemberaubenden Geschwindigkeit vollzogen wurde.
Widme ich der Gestaltung eines einzelnen Fensters große Aufmerksamkeit und mache die wirkenden Kräfte von Tragen und Lasten künstlerisch sichtbar? Oder vernachlässige ich diesen Teilaspekt und betone die künstlerische Gesamtgestalt? Steiner hat diese Frage individuell aus einem Gesamtkontext beantwortet und künstlerisch abgewogen. Ein spannendes Beispiel zeigt sich am zweiten Goetheanum. Die Ost- und Westseite des Gebäudes sind polar gestaltet: Die Ostseite zeigt sich flächig und streng orthogonal. Lediglich im Traufbereich findet ein Hauch von Lebendigkeit statt. Polar dazu zeigt sich die Westseite plastisch und bewegt. Einen Hauch von Strenge vermittelt wiederum ein orthogonales Fenster in der Mitte der Fassade. Zwischen den Polaritäten entwickeln die Nord- und Südfassade den lebendigen Übergang als Formverwandlung. Aus einem künstlerischen Verständnis heraus ordnen sich die einzelnen Elemente wie etwa die Fenster dem Prinzip der Polarität wie selbstverständlich unter. Rudolf Steiner hat stets mit sich gerungen, er hat künstlerisch abgewogen und er hat seine Ansätze inhaltlich weiterentwickelt. Somit steht er beispielhaft für einen lebendigen baukünstlerischen Entwurfsprozess.
 

Stuttgart 1919
 

Die erste Waldorfschule wurde 1919 in Stuttgart gegründet. Das erste Schulgebäude war eine umgebaute Gaststätte auf der Uhlandshöhe. Die Architektur des Neubaus ab 1921 entsprach einer klassisch gestalteten Schule mit dem Unterschied, dass die Erdgeschosszone plastisch leicht ausformuliert wurde. Steiner hat für die einzelnen Klassenräume Angaben zur Farbgestaltung entsprechend der Entwicklung des Kindes gemacht.
 

Dynamik der 1960er bis 1980er Jahre
 

Erst in dieser Boomzeit der Neugründungen entwickelte die Waldorfschularchitektur eine beeindruckende Dynamik mit neuen Ideen, prägenden Ansätzen und mutigen Bauwerken. Stellvertretend möchte ich ohne Anspruch auf Vollständigkeit hier die Metamorphose der Klassenräume hervorheben, die die seelisch-geistige Entwicklung des Kindes durch die Schuljahre begleitet. Sie wurde erstmalig vom Architekturbüro Werner Seyfert (1930-2000) umgesetzt. Der Architekt Hans Scharoun (1893-1972) nahm diese Idee bereits 1951 in seinem Entwurf für die Volksschule Darmstadt vorweg und letztendlich legte Rudolf Steiner mit seinen Farbangaben in Stuttgart die erste Grundlage. Neben Seyfert war es auch Winfried Reindl (1939-2022), dem wir die Entwicklung raumgreifender und stark plastisch ausformulierter Entwürfe zu verdanken haben. Die Waldorfschule in Überlingen (Entwurf Wilfried Ogilvie, *1929) mit einer Dachlandschaft aus konkaven und konvexen Formen steht exemplarisch für den plastischen Bauimpuls. 
Die Waldorfschulen des Stuttgarter Büros bpr (Billing, Peters, Ruff) bestechen unter anderem dadurch, Schulgrundrisse neu zu denken. Für Jens Peters (1934-2014) war das funktionale Raumprogramm nicht als räumliches Nebeneinander zu planen, sondern entsprechend dem Alltag der Schulkinder zu organisieren. So durchlaufen die Schulkinder das Gebäude in seiner Ganzheit, das heißt unter Berücksichtigung der Zeitdimension erleben sie die Räume nicht nur getrennt, sondern als zusammengehörig. Wichtige Impulse gibt es auch von den skandinavischen Architekten Espen Tharaldsen (*1947), Erik Asmussen (1913-1998) und dem Ungarn Imre Makovecz (1935-2011).
 

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass in dieser Zeit die Waldorfschularchitektur sehr fortschrittlich und erfindungsreich war im Hinblick auf die Verbindung von Architektur und Pädagogik. Eine Schularchitektur, die sich orientiert sich an der leiblichen, seelischen und geistigen Entwicklung des jeweiligen Lebensalters der Schüler:innen, war ein absolutes Novum. Im Vergleich dazu arbeitete der Schulbau der öffentlichen Hand – von wenigen Ausnahmen abgesehen – mit einem reduktionistischen Blick auf das Kindsein, was entsprechend zu einer reduzierteren Architektursprache führte.
 

Ernüchterung
 

Als in den späten 80er Jahren die Zahl der Schulgründungen nachließ und die Entwicklung der Waldorfarchitektur stagnierte, begann eine Phase der Ernüchterung.
Eine Erklärung hierfür ist, dass der Rahmen der künstlerischen Freiheit enger wurde. Neben den positiven Erkenntnissen und Erfahrungen, die gesammelt und in «Gestaltungsregeln» übersetzt wurden, standen architektonische Anregungen sowie die menschenkundlichen Erkenntnisse Steiners. Diese Gesamtheit behinderte eine unbeschwerte Herangehensweise: Der baukünstlerische Ansatz drohte zwischen inhaltlichen Zwängen aufgerieben zu werden. Eine Architektur, die allen Inhalten gerecht werden wollte, lief Gefahr, Gebäude gestalterisch zu überfrachten und Benutzer zu überfordern. Bauformen, die sich an anderer Stelle bewährt hatten und nun unkünstlerisch eingesetzt wurden, wurden nicht mehr erlebt, sondern nur noch gelesen. Ein tragisches Beispiel ist der spöttisch als «Telefonhörer in die geistige Welt» bezeichnete plastisch gestaltete Fenstersturz. Wenn die künstlerische Darstellung der wirkenden Kräfte von Tragen und Lasten nicht erlebt, sondern lediglich als Symbol wahrgenommen wird, sollte man darauf verzichten.


Neuorientierung und Impulse von außen
 

Zwischenzeitlich hat sich der Schulbau der Öffentlichen Hand inhaltlich geöffnet, sicherlich auch unter dem inspirierenden Einfluss der Waldorfschulen. Das geht so weit, dass Ausschreibungstexte zum Neubau einer staatlichen Schule heute gar vermuten lassen, es handele sich um eine Waldorfschule. Die Architektur wird aufgefordert, Formen zu finden, die das Kind unterstützen und dem Wesen des Kindes entsprechen soll.
An Architekturhochschulen befindet sich seit dem Dekonstruktivismus der 90er Jahre die strenge Lehrmeinung des reduktionistischen Funktionalismus auf dem Rückzug. Dieser wurde befeuert durch eine neue Generation von Architekt:innen, die selbstbewusst ihrem natürlichen Bedürfnis nach Sinnlichkeit nachgeben und mit einem erweiterten Kanon an Form, Farbe und Material arbeiten. Entsprechend entstehen inspirierende und emotional ansprechende Schulentwürfe. Entworfen von talentierten Architekturbüros, die aber wenig gemein haben mit dem anthroposophischen Ansatz Rudolf Steiners. Als beeindruckendes Beispiel sei der Entwurf von Thomas Kröger Architekten, Berlin für die Schule im Marschland, Hamburg, genannt. 
Dieser frische architektonische Wind weht zu der Zeit, als in Teilen der Waldorfgemeinde im Grundsatz über die Zukunft der Waldorfschularchitektur diskutiert wird. Begehrlichkeiten führen dazu, dass Waldorfschulen vermehrt Architekturbüros ohne Bezug zur Anthroposophie mit Planungsaufgaben betrauen. Auf der anderen Seite zeigen sich Schulen der öffentlichen Hand interessiert an Architekturbüros mit anthroposophischem Hintergrund und beauftragen sie auf Grund der prozessualen Herangehensweise und des tiefen Menschenverständnisses.


Perspektive
 

Wenn eine Schule der öffentlichen Hand fordert, sie möchte das Wesen des Kindes berücksichtigt sehen, dann bleibt die Begrifflichkeit des Wesens im Ungefähren. Die Anthroposophie bietet genauere Begrifflichkeiten und Gewissheiten. In der Architektur geht es auch um Bewusstwerdungsprozesse, es geht nicht um persönliche Vorlieben oder Geschmack, sondern um das Vertrauen darauf, durch Schulung unserer sinnlichen und künstlerischen Fähigkeiten zu objektiven Erkenntnissen kommen zu können. Es geht um Fragen, wie Form, Farbe und Material in der Gestaltung bewusst zum Wohle der Kinder eingesetzt werden können. An staatlichen Architekurhochschulen wird in dieser Hinsicht eher ein Erkenntnispessimismus gepflegt.
Zukünftigen Schulbauprojekten wünsche ich vorweg einen intensiven Entwurfsprozess, der mutige Entscheidungen und viel frischen Wind ermöglicht. Die Liste der Zukunftsthemen und Herausforderungen für den Schulbau ist lang. Auf die Frage nach guter und zeitgemäßer Schularchitektur der Zukunft, egal ob für die öffentliche Hand oder für Waldorfschulen, darf gerne landläufig auf Architektur mit anthroposophischem Hintergrund verwiesen werden. 

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