Das Pädagogisch-Theologische Zentrum der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und das Religionspädagogische Institut der Evangelischen Landeskirche in Baden haben eine Broschüre herausgegeben. Hier kann es heruntergeladen werden.
»Die evangelische Religionspädagogik hat sich in den letzten Jahren gerade in der methodischen Vielfalt stetig weiterentwickelt.
«Das stimmt doch alles nicht», platzte es aus einem Mädchen der dritten Klasse an der Waldorfschule heraus. Wir saßen im Kreis beim Anfangsritual im evangelischen Religionsunterricht und sprachen, wie immer, den Segen, in dem es heißt: «Halt die Hände über mich, was auch kommen mag.»
Nach einer Ermunterung erklärte dieses mutige Mädchen, sie finde, dass Gott seine Hände nicht über sie und uns hält. Sie erzählte sehr offen über manches Leid, das sie erlebte. Andere Kinder stiegen mit ein und es entwickelte sich ein munteres, ernsthaftes und tiefgreifendes theologisches Gespräch. Als die Schulglocke die Unterrichtsstunde beendete, gab es lauten Protest. Und der von mir geplante Unterricht konnte, nein, er musste in der Schultasche bleiben.
Diese Gespräche mit Schüler:innen gehören zu den besonderen Erlebnissen im evangelischen Religionsunterricht. Sie können an allen Schularten entstehen. An der Waldorfschule beschäftigen sich die Kinder und Jugendlichen besonders offen und motiviert mit solchen und anderen religiösen Fragen und Themen. Vermutlich, weil sie nicht nur im Religionsunterricht vorkommen, sondern auch im Hauptunterricht. Das berichten evangelische Lehrkräfte an den Waldorfschulen übereinstimmend.
Dies zieht sich bis hinauf in die Oberstufe. Immer wieder wird in den Bemerkungen der Schüler:innen deutlich, dass der Religionsunterricht eine wichtige Zeit für sie ist. Dort haben Lebensfragen ihren Raum. Die Schüler:innen können darüber miteinander ins Gespräch kommen und Orientierung finden, die von der Lehrkraft zunächst aus dem evangelischen Glauben heraus angeboten wird. «Wir lernen nicht nur etwas über Religion, sondern auch Lebensnotwendiges und das Finden zu sich selbst und Gott. Reli ist das beste Fach», so drückte es einmal eine Schülerin in der neunten Klasse aus.
Daneben sind auch gesellschaftliche und ethische Fragestellungen wichtig. Wenn zum Beispiel in Kooperation zwischen dem evangelischen Religionsunterricht und anderen Fächern eine Fahrt in die KZ-Gedenkstätte mit der ganzen Klasse unternommen oder eine Gerichtsverhandlung besucht wird. Danach wird die Frage nach Gerechtigkeit, die im evangelischen Glauben eine zentrale Rolle spielt, aufgewühlt und ganz neu diskutiert.
Besonders sind für Waldorfschüler:innen auch die Unterrichtsmethoden, die evangelische Lehrkräfte an die Waldorfschulen mitbringen. Da gibt es vermehrt Gruppen- und Partnerarbeit, spontane Rollenspiele, Fantasiereisen, in der Oberstufe auch den Einsatz von Medien und anderes mehr. Eine willkommene Abwechslung für die Kinder und Jugendlichen. Doch auch das, was an den Waldorfschulen im gesamten Unterricht selbstverständlich praktiziert wird – Rituale, Singen und Erzählen –, mögen die Kinder sehr. Vor allem das Erzählen von biblischen Geschichten kann an der Waldorfschule im evangelischen Religionsunterricht intensiv gepflegt werden. Die Kinder sind es nicht nur gewohnt, sie lieben es und ohnehin sind biblische Geschichten im evangelischen Religionsunterricht von zentraler Bedeutung.
Doch die Methodenfrage ist bisweilen auch ein schwieriger Punkt für evangelische Lehrkräfte an Waldorfschulen. Arbeitsblätter, Schulbücher, Filme und andere audiovisuelle Medien, die an den staatlichen Schulen im Religionsunterricht selbstverständlich eingesetzt werden, gehören an der Waldorfschule zumindest in der Unter- und Mittelstufe nicht zur Methodenvielfalt. Hier müssen sich evangelische Lehrkräfte umstellen, anders unterrichten. An die Waldorfschulen werden von der evangelischen Kirche vor allem Pfarrer:innen oder Religionspädagog:innen entsandt, die bei der Kirche angestellt sind und an der Schule Gaststatus haben. Sie bringen ihre Erfahrungen und ihre Praxis aus den staatlichen Schulen mit. Die evangelische Religionspädagogik hat sich jedoch in den letzten Jahren gerade in der methodischen Vielfalt stetig weiterentwickelt. Aus diesem Fundus lässt sich auch für den Unterricht an Waldorfschulen immer noch sehr viel schöpfen, wenn auf manche Methoden verzichtet wird.
Evangelische Lehrkräfte bringen oft besondere Kompetenzen mit, aus der seelsorgerischen Arbeit oder der Kirchengemeinde. Einmal wurde von den Kindern auf einer Klassenfahrt der sechsten Klasse ein totes Rehkitz gefunden. Ich war als Begleiter dabei und wurde von der Klasse gerufen. «Wir müssen das Rehkitz beerdigen. Aber eine echte Beerdigungsfeier muss es sein, wie in der Kirche und auf dem Friedhof», forderten die Kinder ihren Religionslehrer auf. Nach der Feier gab es etliche seelsorgerische Gespräche über den Tod und das Sterben. In der Oberstufe erleben evangelische Lehrkräfte an Waldorfschulen, dass immer wieder Schüler:innen persönliche Gespräche mit ihnen suchen. Daraus entwickelt sich hin und wieder eine längere Begleitung.
Manchmal gibt es auch steinige Wege und Umstände, die es für konfessionelle Lehrkräfte an Waldorfschulen nicht immer leicht machen. Da gibt es keine Rektor:innen als direkte Ansprechpartner:innen. Woher also bekommt die evangelische Lehrkraft die notwendigen Informationen? Darf sie in die Konferenzen? Wie geht das mit dem Zeugnisschreiben? Ist die Klasse abwesend und die Lehrkraft wurde nicht informiert?
Viele Schulen beauftragen aus dem Kollegium deshalb jemanden, der oder die den Kontakt und Informationsfluss zu den konfessionellen Kolleg:innen übernimmt. An diesen Schulen gelingt meist die Integration der evangelischen Lehrkraft in einer guten Weise.
Von Seiten der Kirchen bringen die kirchlichen Lehrkräfte den Bildungsplan für den evangelischen Religionsunterricht mit. Dieser wurde für die allgemeinbildenden Schulen erstellt und gilt auch für Waldorfschulen, damit das evangelische Profil dieses Unterrichtes gewährleistet ist.
Dieser Bildungsplan ist sehr flexibel und kann von den Lehrkräften an die besonderen Bedingungen und Lerninhalte der jeweiligen Klassen an Waldorfschulen angepasst werden.
Für alle möglichen Reibungspunkte und ungewohnten Bedingungen bekommen die Lehrkräfte zumindest in den beiden evangelischen Landeskirchen von Baden und Württemberg Unterstützung. Seit vielen Jahren gibt es Fortbildungen in einer Arbeitsgemeinschaft, um sich auf Tagungen mit der Waldorfpädagogik vertraut zu machen und in den Dialog zwischen Religionspädagogik und Waldorfpädagogik oder zwischen Anthroposophie und Theologie einzutreten.
Die Fortbildungsinstitute der beiden Landeskirchen – in der badischen Landeskirche das Religionspädagogische Institut in Karlsruhe, in der württembergischen Landeskirche das Pädagogisch-Theologische Zentrum in Stuttgart – beschäftigen zwei Referenten, die speziell für den Religionsunterricht an Waldorfschulen zuständig sind. Sie begleiten und unterstützen die evangelischen Lehrkräfte an Waldorfschulen.
Auf diesen Tagungen für evangelische Lehrkräfte an Waldorfschulen werden immer wieder positive Erfahrungen berichtet. Für Schüler:innen bedeutet Religionsunterricht, in kleineren Gruppen zu lernen. Sie können sich selbst anders erleben und ins Gespräch kommen. Im Kollegium und in Klassenkonferenzen können konfessionelle Lehrkräfte andere Perspektiven einbringen. Wenn der Dialog ins Klingen kommt, sind konfessionelle Lehrkräfte ein Gewinn für die Schulen. Wenn die Religionslehrkräfte aus den verschiedenen Angeboten an der Waldorfschule, nämlich dem Unterricht der Christengemeinschaft, dem Freien, katholischen und evangelischen Religionsunterricht, ins Gespräch kommen, ist es häufig sehr fruchtbar für alle Seiten und kann für jede Lehrkraft neue Perspektiven öffnen.
Viele kirchliche Lehrkräfte fühlen sich an Waldorfschulen nach anfänglichem, teilweise auch mühevollem Einfinden sehr wohl. Viele Schüler:innen kommen gerne in diesen Unterricht, der etwas anders ist. Die Konfessionalität wird im evangelischen Religionsunterricht von der Lehrkraft bestimmt. Zunächst ist er für die evangelischen Kinder und Jugendlichen eingerichtet, doch alle Schüler:innen sind herzlich willkommen und tragen zu einer schönen, guten und interessanten Vielfalt bei.
Das Mädchen, das mit ihrem «Das stimmt doch alles nicht» ein so wunderbares Gespräch ausgelöst hat, trägt mit ihren tiefsinnigen und tiefreligiösen Gedanken seit Jahren immer wieder zu solchen Gesprächen mit echtem theologischem Tiefgang bei und beeindruckt mit ihrem zweifelnden, offenen und vertrauenden Glauben. Und von solchen Kindern und Jugendlichen gibt es an Waldorfschulen nicht wenige – wie gut, dass es für diese Kinder auch im evangelischen Religionsunterricht einen Anlaufpunkt gibt.
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