Es war eine herrliche Herbstwoche, die ich leider weitgehend in geschlossenen Räumen zu verbringen hatte – einschließlich des Samstagvormittags, denn alles begab sich zu einer längst vergangenen Zeit, als unsere Schule auch am sechsten Wochentag noch ihre Pforten öffnete. Die Abende waren ebenfalls Arbeitszeiten und die Nächte unterbrochen, denn eines unserer Kinder war noch recht klein. So wird jede:r verstehen, dass ich mich auf den Sonntag freute, der alles versprach: länger im Bett liegen, ruhig frühstücken und dann mit der Familie die Sonne genießen und schauen, was kommen mag. Wer hätte gedacht, was da kommen wollte!
Auf die Äpfel, fertig, los!
Eine Bekannte hatte eine «einmalige Gelegenheit» ausgekundschaftet. Eine Plantage voller biologisch einwandfreier Äpfel wartete darauf, abgeerntet zu werden; das heißt, wir durften so viele pflücken, wie wir wollten, sogar umsonst, ohne genötigt zu sein, die Plantage abzuernten. Zwei kleine Kisten würden uns leicht bis Weihnachten reichen und die wären rasch gepflückt. So hätten wir einen netten, entspannten Sonntag und zusätzlich, quasi als Bonusmaterial, noch einige schöne Äpfel obendrein. Natürlich war nun klar, dass wir am Sonntag nicht mehr allzu lange in den Federn bleiben konnten, es sollte zügig losgehen und der Tag voll ausgekostet werden. Ein Picknick war vorzubereiten, leere Kisten ebenfalls, beide Kinder anzuziehen, alles ins Auto, und dann: Abfahrt. Wir trafen zur verabredeten Zeit ein und unsere Bekannte samt Lebensabschnittspartner und ihren drei Kindern ebenfalls. Es war nicht zu viel versprochen – vor einem strahlend blauen Himmel hoben sich viele schöne, rotbackige Äpfel winkend ab, und es war auch noch angenehm warm. Bald aber tauchte ein erstes Hindernis auf: Zwar waren die Bäume niedrig, für die Kinder aber hingen die Äpfel dennoch zu hoch, worauf wir nicht mit den entsprechenden Trittleitern ausgerüstet waren. Macht nichts, dann pflücken eben die Erwachsenen und die Kinder legen die Äpfel in die Kisten. Das ging etwa drei bis vier Äpfel lang gut, dann wollten die Kinder das frische Obst erst einmal verköstigen, und überhaupt bot die Plantage noch viel interessantere Perspektiven als langweiliges Äpfel-in-Kisten-Füllen. Bald waren alle fünf auf und davon. Das war zwar für uns kein Problem, wohl aber für unsere Mitpflückenden. Denn deren Kinder waren zwar ihre, nicht aber seine. Pädagogische Differenzen waren unvermeidlich und beide hielten es für den richtigen Zeitpunkt, sich erst einmal zu streiten. Nun ergab es sich, dass in einer Ecke, etwas abgelegen, eine kleine unverschlossene Hütte stand, schon etwas heruntergekommen, aber einladend genug, sich dahin zurückzuziehen. Diese Chance ließ sich besagter Lebensabschnittspartner nicht entgehen, er verschwand und rauchte erst einmal ein Zigarettchen. Es sollte nicht bei einem bleiben. Im Wesentlichen sahen wir ihn bis zur Abfahrt am späten Nachmittag nicht wieder. Blieben wir drei und viele leere Kisten.
Mir als Baumkletterer fiel die Aufgabe zu, mich den schönsten Äpfeln ganz oben in der Krone zu nähern und die Beute den Frauen unten zukommen zu lassen. Es gelang uns, Kiste um Kiste zu füllen und zum Nachmittag hin wirklich und wahrhaftig fertig zu werden. Zu fortgeschrittener Zeit wuchteten wir die Kisten in die Autos.
Dabei beging ich einen Fehler. Zwar wusste ich um unseren realen Apfelbedarf, aber das Angebot, noch ein paar Kisten mehr mitzunehmen, konnte ich nicht recht ausschlagen. Schließlich waren die Rotbacken doch bereits durch meine Hände gegangen und auch durch die meiner Frau. Die Kinder nutzten mein Zögern und brachten die Waage endgültig auf die andere Seite: Guter Dinge fuhren wir vier mit vollem Kombi-Kofferraum nach Hause. Natürlich hatten wir jetzt nicht einfach Feierabend, Äpfel und Kinder mussten noch versorgt werden, aber was macht das schon – wohlig breitete sich frischer Apfelduft in unserem Keller aus.
Eine kreuchende Überraschung
Wenige Tage später musste ich bemerken, dass die Äpfel lebten. Nicht, dass sie herumliefen oder nach uns riefen wie bei Frau Holle, aber sie entwickelten ein unerwartetes Eigensein, indem sie sich individuell einem frühzeitigen Altern hingaben. Es handelte sich offensichtlich um jene alten, heute kaum mehr angebauten Sorten, die zwar hervorragend für den raschen Verzehr, kaum jedoch für das geduldige Ausharren in langen, dunklen Winternächten geeignet sind. Fortan marschierte ich täglich in den Keller, um unsere Früchtchen zu sichten und die sich bräunenden auszusortieren. Aber es war klar: So konnte es nicht weitergehen. Da kam mir ein überraschender Umstand zu Hilfe. Es spielte sich alles um Michaeli herum ab. Michaeli: das Fest des Mutes und der entschlossenen Tat. Es hatte das Kollegium in diesem Jahr zufällig inspiriert, als Tat einmal einen WOW-Day durchzuführen, das heißt einen Tag, an dem alle Schüler:innen sich auf ihre eigene Weise bemühen, Geld zu verdienen, das dann ausgewählten Projekten in der weltweiten Waldorfbewegung gespendet wird. Waldorf One World – WOW. Glücklicherweise war eines unserer Kinder noch in der Unterstufe, für die beschlossen wurde, diesen Tag in Klassengemeinschaften zu organisieren. Und was lag näher, sich hierzu dem Apfel zu widmen, dieser durch und durch michaelischen Frucht! Die Eltern wurden aufgerufen, ebendiese für die geplante Aktion zu stiften. Ich durfte meine Äpfel für diesen guten Anlass also der Schule schenken, nebst einigen Gläsern, die ich eigentlich für meinen Honig aufgehoben hatte, weil ich imkerte. Alles war in die Cafeteria zu transportieren, wo sich die Kinderschar bereits erwartungsvoll mit gezückten Schälmessern an mit Plastikdecken geschützten Tischen eingefunden hatte. Unter fachkundiger Anleitung legten die Kleinen eifrig los.
Am Abend traf sich die Familie wieder und unser Apfelkind hatte schöne Schätze mit nach Hause gebracht: mehrere Gläser, prall gefüllt mit leckerem, selbst produziertem Apfelmus! Die durfte ich nun kaufen. Schließlich kann man ja hungernden Kindern in Brasilien nicht mit Apfelmus helfen, sondern da schickt man Geld hin, womit die sich dann dort schon selber helfen. Das Geld musste hier durch Apfelmusverkauf also zunächst erwirtschaftet werden, und dies war nun nach Ansicht der Lehrer:innen die Aufgabe der Kinder. Was lag näher, als das so liebevoll hergestellte, rundum gelungene Produkt den lieben Eltern anzubieten, die ja auch sonst sich ausdauernd und mit liebevoller Hingabe bemühen, die stets und ständig überraschend auftauchenden Hindernisse des Lebens bewältigen zu helfen! Und wen hätte dieser flehende Kinderblick nicht erwärmen können?! Also zahlte ich und erwarb so das gerade Gespendete zurück. Ob es auch noch unsere Äpfel von dieser besonderen Bioplantage waren, ließ sich, bedingt durch den musigen Zustand, nicht mehr eindeutig klären.
Es lag auf der Hand, das Mus in den nächsten Tagen gleich zu verköstigen, zum Mittag, mit Pfannkuchen und Kartoffelpuffern. Die Familie versammelte sich um den Küchentisch, freudig wurde ein Glas geöffnet und damit hob des Dramas letzter Akt an. Es handelte sich zwar eindeutig um Apfelmus, aber eben um eines, das unter besonderen Bedingungen von Kindern – wenn auch unter Anleitung – hergestellt worden war, die so etwas noch nie oder höchst selten getan hatten. Es gelang auch mir nicht, die Situation zu überspielen und all die Kerne, Schalen- und Gehäusereste sowie den eigentümlichen, eher herben Geschmack zu ignorieren. Die Kinder jedenfalls verlangten sofort entschieden das gewohnte sämige, schmackige Produkt, das wir für solche Mahlzeiten ebenfalls vorrätig hielten und das dann auch dieses Essen gelingen ließ.
So verblieb mir in den folgenden Tagen die bedauerliche Aufgabe der unauffälligen Spurenbeseitigung. Glas um Glas verschwand dezent und lautlos und keiner schien sie zu vermissen. Für die Kinder war das Thema erledigt, aber wir Eltern standen vor der Frage: Wie konnte das alles geschehen? Wir nahmen uns fest vor, beim nächsten Mal alles viel besser zu machen.
Kommentare
Es sind noch keine Kommentare vorhanden.
Kommentar hinzufügen
Vielen Dank für Ihren Kommentar. Dieser wird nach Prüfung durch die Administrator:innen freigeschaltet.