Herr der Zahlen

April 2018

Thomas Rohloff ist der Statistiker des Bundes der Freien Waldorfschulen und verantwortet den konsolidierten Jahresabschluss der deutschen Schulen, der jedes Jahr erstellt wird.

Thomas Rohloff

Erziehungskunst | Herr Rohloff, was genau ist Ihre Aufgabe?

Thomas Rohloff | Die Bereitschaft der Schulen aufgreifen, sich über ihre finanziellen Verhältnisse auszutauschen, dafür eine Plattform zu bieten. Dies geschieht mit Zahlen der einzelnen Schule, den Vergleichsdaten der Nachbarschulen und denen zu den Vorjahren. Praktisch heißt das, die Jahresabschlüsse der Träger- und Fördervereine und einige Zusatzdaten zu erheben, zu erfassen und einheitlich zu gliedern, diese dann auszuwerten und zu interpretieren.

EK | Was ist das Besondere an der Konsolidierten Bilanz, dem Gesamtjahresabschluss (GJA) der Freien Waldorfschulen in Deutschland, der seit über vierzig Jahren veröffentlicht wird?

TR | Der Gesamtjahresabschluss ist beispiellos für das, was er an Transparenz über die wirtschaftlichen Verhältnisse gegenüber den Eltern und der breiteren Öffentlichkeit bietet. Die Bilanz stellt stichtagsbezogen auf der Seite der Aktiva die Gesamtheit der Vermögenswerte dar, insbesondere Grundstücke, Gebäude, Schuleinrichtungen und Umlaufvermögen. Die Passivseite zeigt die Mittelherkunft, zunächst die langfristigen Darlehen und kurzfristigen Fremdmittel. Dann die Eigenmittel, die sich aus der Differenz von Bilanzsumme und Fremdmitteln ergeben. Der Löwenanteil des Schulvermögens ist in die notwendigen Betriebsmittel, insbesondere das Schulhaus, investiert. Die Ergebnisrechnung – Gewinne und Verluste – bezieht sich auf das Geschäftsjahr. Sie bildet Zahlungsströme, Bestands- und Wertveränderungen ab. Im Bundesdurchschnitt können die Waldorfschulen ihren laufenden Haushalt zu circa 72 Prozent aus Zuschüssen der öffentlichen Hand decken. Die Deckungslücke gleichen die Eltern mit ihren Spenden und Schulbeiträgen aus.

Eine einzügig ausgebaute Waldorfschule ohne Förderklassen stellt ein mittelständisches Wirtschaftsunternehmen mit rund 40 Lehrern (etwa 30 volle Stellen) und über 20 weiteren Mitarbeitern, knapp 400 Schülern aus im Schnitt 270 Elternhäusern dar.

EK | Woran arbeiten Sie gerade?

TR | An Auswertungen zum Waldorflehrerbedarf und dessen Deckung durch die Absolventen der gemeinschafts­finanzierten Hochschulen und Seminare – und natürlich am Gesamtjahresabschluss.

EK | Welche Veränderungen in der Waldorfschullandschaft können Sie aus dem Zahlenwerk ablesen?

TR | Im Schuljahr 2016/17 war erstmals seit vielen Jahren wieder ein leichter Anstieg der Schülerzahlen um 0,4 Prozent auf 8.369.513 an allgemeinbildenden Schulen zu verzeichnen. Davon war jeder 96. Schüler ein Waldorfschüler an einer der 239 Waldorfschulen mit insgesamt 86.995 Schülern.

Von diesen arbeiteten zehn inklusiv ihrer konzeptionellen Ausrichtung nach, 30 sind heilpädagogische Schulen mit unterschiedlichen Förderschwerpunkten, weitere 13 haben einen heilpädagogischen oder einen Förderzweig. 631 geflüchtete Schüler werden unterrichtet (weitere 129 in Berliner Willkommensklassen), 4.508 Schüler gehen in heilpädagogische oder Förderklassen. Für 2017/18, die Zahlen liegen noch nicht vollständig vor, bleibt es bei 600 bis 700 schutzsuchenden Schülern an 244 Waldorfschulen mit rund 87.500 Schülern. Gegenüber dem Vorjahr sind also fünf neue Schulen dazugekommen.

In Deutschland gibt es in den meisten der 79 Großstädte oder den angrenzenden Städten – wie bei Ludwigshafen, Osnabrück, Neuss, Fürth, Offenbach, Bottrop, Koblenz – eine Waldorfschule. Ausnahmen sind Gelsenkirchen, Oberhausen, Leverkusen, Ingolstadt, Recklinghausen, Bremerhaven, Moers und Salzgitter. Gründungsinitiativen finden sich zunehmend im ländlichen Raum. In 159 (39,6 Prozent) der 402 Landkreise und kreisfreien Städte gibt es eine Waldorfschule. Diese 159 Kreise umfassen 33,5 Prozent der Fläche, jedoch 57 Prozent der Bevölkerung und 58 Prozent der Schüler Deutschlands. Und ohne Waldorflehrer gibt es keine Waldorfschule – die eigene Lehrerausbildung war den Schulen, letztlich den Eltern, 2015 rund 9,8 Millionen Euro wert, das sind 1,65 Prozent (im Vorjahr 1,67 Prozent) der Wertschöpfung.

EK | Die Bezuschussung und die Elternbeiträge variieren von Bundesland zu Bundesland beträchtlich. Kann man deshalb von armen und reichen Waldorfschulen sprechen?

TR | Das differiert sogar zwischen Regionen im gleichen Bundesland. Hof ist nicht München. Gehälter und Schulbetriebskosten sind in ärmeren Regionen ebenfalls geringer. Die Eltern wollten diese Schule genau in ihrem Heimatort oder -kreis. Wenn der Bauaufwand im Rahmen bleibt und die Geschäftsführung umsichtig ist, dann kann auch eine Waldorfschule mit weit unter 400 Schülern nicht nur pädagogisch, sondern auch wirtschaftlich solide arbeiten.

EK | Immer wieder kommen einzelne Waldorfschulen in finanzielle Schieflage. Kennen Sie die Gründe?

TR | Teilweise. Oft fängt es mit sinkenden Schülerzahlen an, wenn auf die damit einhergehenden sinkenden Einnahmen nur verzögert oder halbherzig reagiert wird. Auch ausbleibende Landeszuschüsse, zum Beispiel aufgrund einer Landeskinderklausel – wenn Mecklenburg-Vorpommern keine Zuschüsse für Kinder an der Lübecker Schule zahlt –, können eine Ursache sein.

EK | Welche zukünftigen Herausforderungen können Sie an der Entwicklung der Zahlen ablesen?

TR | Die deutsche Waldorfschulbewegung sieht sich fast hundert Jahre nach Gründung der ersten Schule vor viel­fältige Herausforderungen gestellt. Diese reichen von der Gewinnung neuer Lehrer und Lehrerinnen über die forschende Entwicklung der Waldorfpädagogik bis zum Finden neuer oder zur Belebung bewährter Formen der Zusammenarbeit zwischen den inzwischen 244 Schulen im Bund und in den regionalen Arbeitsgemeinschaften. Den Herausforderungen stehen Ressourcen gegenüber, um die uns Waldorfschulen in vielen Ländern beneiden könnten. Manche Herausforderungen sind finanzieller Natur. Wichtiger scheinen mir die immateriellen Herausforderungen an unseren Enthusiasmus und Gestaltungswillen, etwa wie Hartmut Rosa formuliert: »Was der Spätmoderne fehlt, ist (…) nicht ein Reformprogramm oder ein institutioneller Plan zur Verbesserung ihrer Modi der Weltbearbeitung; keine Liste an Dingen, die es zu erwerben, oder von Zuständen, die es zu erreichen gilt, sondern eine spürbare, fühlbare Vision einer anderen Form der Weltbeziehung …«

EK | Wo kann man die Gesamtbilanz einsehen?

TR | Eine Zusammenfassung auf vier Seiten ist im Jahres­-bericht 2017 des Bundes der Freien Waldorfschulen erschienen. Die ausführliche Darstellung kann bei der Geschäfts­- führung jeder Waldorfschule eingesehen werden.

Die Fragen stellte Mathias Maurer

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