Ausgabe 05/26

Hier wird gestritten – aber so richtig

Ann-Katrin Neundorf

Das Streitschlichter:innen-Team der Freien Waldorfschule am Kräherwald in Stuttgart.

Zitat: »Gut gerüstet können in den Pausen oder in einer Schulstunde Konflikte der Mitschüler:innen geklärt werden.«
 

Zitat: »Jede Gruppe beschäftigt sich mit Themen wie aktivem Zuhören, der Frage, welches Verhalten zu Streit führt, Gefühle erkennen und benennen sowie Ich-Botschaften senden.«
 

Auf dem Pausenhof einer Waldorfschule in Deutschland: Kinder rennen und lachen, klettern an den Seilen des Holzturms, spielen Treppenfangen auf den großen Stufen. Alle genießen die warmen Sonnenstrahlen in der Winterluft. Alles ist friedlich – bis plötzlich eine Mütze im Matsch landet. Schnell schlägt die Stimmung um. «Das hast du mit Absicht gemacht!» Aus dem Geschubse wird ein Gerangel, bis eine Lehrkraft dazwischengeht und hilft, die Situation zu klären. Solche Szenen sind auf Schulhöfen alltäglich. Konflikte gehören in Gemeinschaften dazu. «Je älter die Schüler:innen werden, umso persönlicher werden die Streitereien. Dann geht es weniger um Mützen oder Brotdosen, sondern vermehrt um Jungs-Mädchen-Probleme oder um Geheimnisse, die weitererzählt wurden», berichtet Margaux, eine 17-jährige Streitschlichterin der Freien Waldorfschule am Kräherwald in Stuttgart. Ihre Streitschlichterkolleg:innen Evelyn, Til und Theresa nicken bestätigend, und Til ergänzt: «Wenn die Kinder Handys bekommen, dann wird es so richtig komplex. Dann geht es los mit Fotos, die unerlaubt geschossen und herumgeschickt werden. Das gerät dann schnell außer Kontrolle.» 

20 Jahre Erfahrung


«Durch Corona, aber auch durch die veränderte Medienlandschaft haben wir heute oft andere Arten von Konflikten», berichtet Sebastian Volk, Waldorflehrer und einer der drei zuständigen Pädagog:innen im Streitschlichter-Projekt der Schule, das es dort schon seit 20 Jahren gibt. Der Start des Streitschlichter-Jahres an der Kräherwald-Waldorfschule ist immer im Herbst eine eintägige Fortbildung für alle, die in diesem Jahr dabei sein wollen. An diesem Tag werden Interventionen geübt und Spiele zum Teambuilding wiederholt. In Gruppen wird die Mediation durch Rollenspiele geübt.

In den folgenden Wochen gehen jeweils vier Streitschlichter:innen in die ersten Klassen und stellen sich dort vor. Zusätzlich bieten sie im Rahmen des Hauptunterrichts kooperative Spiele an, um neuen Mitschüler:innen dabei zu helfen, zu einer Gemeinschaft zusammenzuwachsen. Nun ist der Grundstein gelegt: Die jungen Kinder haben einen Ansprechpartner und wissen, wo sie die großen Helfer:innen in jeder Pause im Streitschlichter-Raum antreffen können. Auch durch ausgehängte Fotos in den Fluren weiß die Schülerschaft, wer im aktuellen Schuljahr zum Streitschlichterteam zählt.

Alle vier bis sechs Wochen gibt es eine Teambesprechung in der Mittagspause. Hier werden mit den zuständigen Lehrer:innen schwierige Fälle besprochen und aufgearbeitet. Außerdem werden Aufgaben verteilt: Welche Klassenlehrkraft spürt ein Thema in der eigenen Klasse auf und wünscht sich Unterstützung durch die Streitschlichter:innen? In welcher Klassenstufe ist ein Sensibilisierungstraining zum Thema Cybermobbing angebracht? Wer kann was übernehmen?

«Wenn die Aufgaben verteilt sind, besprechen wir kurz vor dem Termin noch einmal, welche Spiele geeignet sind und wie man sie am besten anleiten kann», erzählt Daniel Wallmann, Pädagoge im Streitschlichter-Team und Sportlehrer an der Schule. «In den jüngeren Klassen machen wir ganz viel über Geschichten. Die Kinder schlüpfen dann selbst in die Rollen und spüren hinein, wie sich das anfühlt und wie man vielleicht anders handeln könnte.»

Je älter die Schüler:innen werden, umso mehr geht es dann um kooperative Spiele oder knifflige Gruppenaufgaben wie den Bau einer Leonardo-Brücke, ohne sich abzusprechen. Eine Leonardobrücke besteht aus geflochtenen Hölzern, die sich ohne weitere Fixierungen selbst stützen. 

Das Team an der Waldorfschule am Kräherwald ist also sehr breit aufgestellt. Einzelne Aufgaben reichen sogar in das Feld der Schulsozialarbeit hinein, was vermutlich auch daran liegt, dass die Schule bislang keine Schulsozialarbeiter:in hat. «Es war einfach so, dass wir zuerst die Streitschlichter:innen hatten und den großen Mehrwert darin sehen, wenn sich die Kinder und Jugendlichen gegenseitig helfen. Das ist eine Ansprechbarkeit auf einer ganz anderen Ebene», so Volk.

Vorbereitung im Selbstversorgungshaus
 

Dennoch sei die Schule aktuell dabei zu überlegen, wie eine zusätzliche Schulsozialarbeit integriert werden könnte. Es wäre dennoch nicht vorgesehen, den Kompetenzbereich der ausgebildeten Streitschlichter:innen einzuschränken. Denn sowohl für das Schulklima als auch für die persönliche Entwicklung der Schüler:innen sei das Projekt nicht wegzudenken.

«Die Schüler:innen im Projekt lernen wichtige Schlüsselqualifikationen, beispielsweise sich als Team abzusprechen, zusammenzuarbeiten und eine ganze Klasse zu führen», erzählt Wallmann, und Evelyn ergänzt: «Früher hatte ich immer Angst bei Präsentationen, inzwischen bin ich viel selbstbewusster geworden.» «Außerdem macht es Spaß in dem Team», fügt Til hinzu.

Spaß macht vor allem auch das gemeinsame Wochenende im Frühjahr, zu dem sich das Team in einem Selbstversorgerhaus einmietet. Schüler:innen der siebten Klasse, die sich für das Projekt bewerben konnten, sind nun als «die Neuen» mit dabei, und das Team wächst wieder neu zusammen. Grundlage für die Ausbildung bildet «das Büchlein». Hier haben die Pädagog:innen eine Vielzahl von Spielen und Interventionen zusammenkopiert, ebenso ein Leitgerüst für eine Streitschlichtung. Gut gerüstet können dann in den Pausen oder, bei größeren Themen, auch in einer Schulstunde Konflikte der Mitschüler:innen geklärt werden. Dabei werden Gesprächsregeln eingehalten und es gilt die Schweigepflicht. Abschließend wird ein Schlichtungsvertrag unterschrieben und bei einem Termin zwei Wochen später überprüft, wie es läuft.

Das Problem der Kontinuität


Mit 24 bis 28 Streitschlichter:innen pro Schuljahr, zwei bis vier pro Klassenstufe, und einem Team aus drei Lehrer:innen ist die Schule sehr gut aufgestellt. Dies ist längst nicht an allen Waldorfschulen der Fall. Ganz im Gegenteil: Die Recherche zu diesem Artikel zeigte, dass an vielen Schulen solche und ähnliche Streitschlichterprojekte wieder eingeschlafen sind. Wo man sich einst auf den Weg gemacht hat, ist alles wieder weggebrochen. Woran liegt das?

Kirsten Heberer, die beim Bund der Freien Waldorfschulen in der Anlaufstelle für physische, psychische und sexualisierte Gewalt arbeitet und auch für Schutzkonzepte zuständig ist, weiß, dass es dafür vielfältige Gründe gibt: «Oft liegt es daran, dass es keine Menschen gibt, die es weiterführen.» Dies kann sowohl die Schüler:innen- als auch die Lehrer:innenebene betreffen. Wenn eine einzelne Lehrerkraft für das Projekt zuständig war und diese geht, dann findet sich nicht immer eine Nachfolge. Auch auf Schüler:innen-Seite sind viele, gerade in der Oberstufe, schon an ihrer Kapazitätsgrenze.

«Wichtig ist daher, dass es ein gut aufgestelltes Netz mit doppeltem Boden gibt», meint Heberer. Das bedeutet konkret: mehrere verantwortliche Erwachsene. Dies können sowohl Lehrkräfte als auch die Schulsozialarbeit sein, vielleicht auch Eltern. Außerdem sei es wichtig, mehrere Schüler:innen pro Klassenstufe dafür zu gewinnen. Auch an der Waldorfschule am Kräherwald weiß man, dass die Reihen in den oberen Klassen ausdünnen. Dort startet man daher mit vier bis sechs Streitschlichter:innen in Klasse sieben und hat somit einen guten Puffer.

«Ein zweiter wichtiger Punkt ist, die Ausbildung und die Aufgaben in die Schulzeit zu integrieren, damit es nicht zu einem aufwendigen Ehrenamt wird», so Heberer. Man müsse Zeiträume für die Schlichtungen genauso wie für die Fortbildungen und Teambesprechungen schaffen, beispielsweise in Randstunden. Drittens sei es wichtig, dass die Streitschlichter:innen eine Art Intervision erhalten, damit sie schwierige Fälle, die sie selbst belasten, besprechen können. Auch eigene Triggerpunkte zu kennen oder bestimmte Fälle abzugeben, wenn man sie nicht tragen kann, sei unabdingbar. Am Kräherwald gibt es zwar keine ausgewiesene Intervision, aber immer die Möglichkeit, mit den Pädagog:innen und Mitschüler:innen im Team zu sprechen.

«Wir fragen nach jeder Schlichtung die anderen: Wie geht es dir jetzt? Dann beraten wir uns untereinander», erzählt Til. Das sei meist schon ausreichend. Dennoch hatte er, genauso wie auch Theresa, schon einen Fall, der ihn einfach nicht losgelassen hat. Dann wird im Projekt eine Lösung gesucht und der Fall wird abgegeben. «Wenn ein Konflikt durch die Schüler:innen nicht gelöst werden kann, springt eine der Lehrkräfte, die das Projekt begleiten, ein und interveniert», erzählt Wallmann.

Lehrkräfte überzeugen


Anders, aber mit einem ähnlichen Schwerpunkt, ist das Projekt «Streitkundig werden» an der Freien Waldorfschule Kassel. Die Schulsozialarbeiterin Viola von Wechmar hat dieses Projekt bereits 2013 ins Leben gerufen. In allen fünften Klassen führt sie es mit allen Kindern in Kleingruppen durch. Zehn Stunden lang beschäftigt sich jede Gruppe mit Themen wie aktivem Zuhören, der Frage, welches Verhalten zu Streit führt, Gefühle erkennen und benennen sowie Ich-Botschaften senden. Dadurch erwerben alle Schüler:innen Kompetenzen, um Konflikte selbstständig zu lösen. Dies wirke sich laut von Wechmar positiv auf das Miteinander in der Klasse aus. Selbst in den unteren Klassen könne man auf diese Weise schon mit Kindern arbeiten.

Haben Klassenlehrkräfte wohl mal das Gefühl, man dringe mit diesen Prozessen in ihr Ressort ein, schließlich zählen Klassenklima und Konfliktlösung zu den Aufgaben der Klassenführung? «Das kommt durchaus vor», weiß von Wechmar. «Gerade am Anfang hatte ich das oft, und ich habe für mich den Umgang gefunden, nicht darauf zu drängen, das Angebot anzunehmen, aber da zu sein, wenn sich Schüler:innen mit Unterstützungsbedarf an mich wenden.» Mit der Zeit bekommen Projekte wie dieses die Chance, sich zu etablieren und auch skeptische Lehrkräfte zu überzeugen. Kirsten Heberer vom Bund der Freien Waldorfschulen hält Streitschlichter:innen für ein sehr geeignetes Präventionsmittel, das Mobbing und Gewalt an Schulen verringern und bei Lehrkräften ein Bewusstsein für Konfliktbewältigung auslösen könne.
 

Wenn Sie an Ihrer Schule Streitschlichter:innen ausbilden wollen, wenden Sie sich an:
 

Viola von Wechmar, FWS Kassel:
v.wechmar@waldorfschule-kassel.de

Kirsten Heberer, BdFWS: 
heberer@waldorfschule.de

Verein Interesse: 
kontakt@interesse-ev.de

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