Ausgabe 04/26

Hinfühlen zum Kindsein

Renatus Derbidge


Das Buch ist geprägt von Schads Kenntnis, seiner Zuwendung und seiner Liebe zum Kind – besonders zu dem, was er «Unschuld» nennt. Für ihn nicht bloß ein Merkmal des Kindseins, sondern eine Grundqualität des Menschseins. Schads Vorgehen bleibt dabei goetheanistisch: beschreibend, tastend, die Sinnesumgebung ernstnehmend. Er erkundet die konkreten Orte und Kontexte – Kapellen und Fresken, Biografieräume und Landschaften großer Künstler – und nähert sich über das äußerlich Wahrnehmbare einem tieferen Verständnis der Darstellungen.

Manchmal bleibt am Ende die Frage: Was ist nun «die» Erkenntnis, was «die» Aussage? Doch genau das erscheint mir nicht als Schwäche, sondern als Ausdruck von Vorsicht und Achtung: Schad verweigert die schnelle Festlegung und lässt das Geheimnis der Kunstwerke stehen. Statt Interpretation liefert er Wege in innere Bilder, die sich an äußeren Bildern entzünden und im Inneren weiterleben.

Im Zentrum steht dabei das große Motiv der Weihnachtsgeschichten: das Mysterium der Kindheit Christi und das Geheimnis der zwei Jesusknaben. Zugleich ist dies kein Weihnachtsbuch im engeren Sinn. Von Bethlehem aus weitet sich der Horizont bis zu den Externsteinen, der Felsformation im Teutoburger Wald, und ihren rätselhaften Bildwerken, bis in die Embryologie und das Vorgeburtliche. So bleibt nach der Lektüre weniger ein Resultat als eine Annäherung an das Geheimnis des Kindseins, das hier letztlich als Geheimnis des Menschseins aufscheint.

Wolfgang Schad: Weltkinderkunde in den Weihnachtsgeschichten. 282 Seiten, Verlag Freies Geistesleben, 2024, 69 Euro.

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