Oben: Lia Bonk an einem ihrer Lieblingsorte.
Links: Illustrationen der jugendlichen Autorin zu ihrem Buch Maggy Clearwater.
Rechts: Ihr Buchcover
Wenn die Geschichte mich in sich hineingezogen hat, fühlt es sich an, als würde ich gar nicht mehr aufhören können zu schreiben.
Eingehüllt in ein bunt gestreiftes Tuch einen halben Meter über dem Boden schweben. Barfuß. Beschirmt sein von einem Baum, der Schatten spendet. Dazu noch die Katze Phia ganz nah, ruhig und anschmiegsam. Eine Tafel Schokolade außerdem, mit einem Kakaoanteil von mindestens 70 Prozent. Und einen Kugelschreiber sowie ein paar Blatt Papier. Für Lia Bonk ist das die perfekte Ausrüstung für eine erfüllte Zeit. Mit gerade mal 13 Jahren hat sie ein Buch geschrieben. Ein Großteil davon entstand in der Hängematte im heimischen Garten.
Lia besucht die achte Klasse der Freien Waldorfschule Offenburg. Dass sie im Rahmen der sogenannten Achtklassarbeit rund 200 Seiten Papier mit einer eigenen Geschichte gefüllt hat, darüber kann sie immer noch jeden Tag staunen. Denn noch mit neuneinhalb Jahren fiel ihr das Lesen sehr schwer. «Ich habe immer nur die einzelnen Buchstaben gesehen und konnte sie kaum als Worte erfassen. Fürs Lesen habe ich daher lange gebraucht und fand es total anstrengend. Manchmal habe ich eine richtige Abwehr in mir gespürt», beschreibt Lia ihr Erleben.
Vom Loser zum Helden
Die Wende brachte Harry Potter mit seinem Stein der Weisen. Aber auch der war eher Liebe auf den zweiten Blick. «Ich hatte das Buch zu Weihnachten geschenkt bekommen und musste wirklich überredet werden, da mal reinzuschauen», erinnert sich Lia. Und ein Selbstläufer war das Lesen damit noch lange nicht: «Das Lesen fiel mir anfangs genauso schwer wie bei allen anderen Texten. Aber die Geschichte hat mich gepackt. Deshalb bin ich drangeblieben und irgendwann war dann der Bann gebrochen.» Seither würde sie Bücher geradezu verschlingen, sagt Lia. Etwa 16.500 Seiten waren es in den vergangenen 16 Monaten. Schnell hat sie ein Interesse für Wörter, Satzbau und sprachliche Varianten entwickelt. «Ich mag es, mit Sprache zu spielen. Sie schöner zu machen, anspruchsvoller. Ich suche gern Alternativen zu dem, was schon dasteht», berichtet sie.
Nach Harry Potter hat Lia Percy Jackson für sich entdeckt, eine Fantasy-Reihe des US-amerikanischen Autors Rick Riordan. Aufbauend auf der griechischen Mythologie, erzählt Riordan die Geschichte eines zunächst zwölfjährigen Jungen, der erfährt, dass er der Sohn von Poseidon und damit ein Halbgott ist. Seine schlechten schulischen Leistungen ergeben damit plötzlich Sinn – werden Legasthenie und ADHS im Buch doch als typische Halbgottkrankheiten vorgestellt. Anstatt aufgrund mysteriöser Unfälle immer wieder die Schule zu wechseln, besucht Percy fortan das Camp Half-Blood, eine Ausbildungsstätte für Halbgötter. «Ich interessiere mich für die griechische Mythologie und ich mag Geschichten, in denen Loser zu Helden werden. Bei Percy Jackson kommt beides zusammen», sagt Lia.
Alles nur erfunden?
Ihr erstes eigenes Buch ist deshalb von Percy Jackson inspiriert. Denn Lias Protagonistin Maggy Clearwater reist darin durch verschiedene Welten und begegnet dort auch dem Fantasyhelden Percy Jackson. Inhaltlich geht Lia in ihrem Buch der Frage nach, ob wir selbst vielleicht auch nur Geschichten sind. Gedanklich von jemand anderem erschaffen, von dem wir nicht wissen, nach dessen Ideen wir uns aber richten. «Die Figuren in Büchern und Filmen wissen schließlich auch nicht, dass sie erfunden sind. Sie leben einfach so, wie es dort für sie steht», argumentiert die junge Autorin. Ihr Buch trägt deshalb den Titel Maggy Clearwater und die Göttin der Geschichten. Die Frage danach, wer wir Menschen wirklich sind und ob es womöglich Wesen gibt, die wir nicht kennen, die aber über uns stehen und uns lenken, beschäftigt Lia schon lange. Früher hätte sie bloß keine Worte dafür gehabt. Heute legt sie sich mit einem dicken Ringordner in die Hängematte in ihrem Garten, sichtet alles Material, das sie bisher gesammelt hat, und lässt sich inspirieren. Zum Beispiel geht Lia immer wieder durch die Liste mit den griechischen Göttern, die sie erstellt hat. Studiert deren Namen und ihre Bedeutung sowie individuelle Aufgaben und Charakteristika. Und wenn sie Glück hat, kommt ihr dabei eine Idee. «Von der lasse ich mich dann führen, sodass alles Weitere im Schreiben entsteht. Wenn die Geschichte mich tief in sich hineingezogen hat, fühlt es sich an, als würde ich gar nicht mehr aufhören können zu schreiben. Dann sind ruckzuck zehn Seiten gefüllt», berichtet Lia. Fakten recherchiert sie im Nachhinein. Etwa, wie die größte New Yorker Bibliothek heißt, in der einige ihrer Kapitel spielen. Denn authentisch soll es auch sein.
Die 174 Seiten rund um Maggy Clearwater hat Lia komplett mit der Hand geschrieben. «Am Computer wäre ich mit dem Suchen der Buchstaben auf der Tastatur beschäftigt. Das würde mich von der Geschichte wegbringen. Mit meiner Handschrift und meinen Kritzeleien fühle ich mich verbunden und wohl», erklärt sie. Beim Erstellen einer digitalen Version hat sie Unterstützung von ihrer Mutter bekommen. Lia hat vorgelesen, Mama getippt.
Schreiben verändert
Inzwischen ist ihr Buch gedruckt – für den Familienkreis, für Freund:innen und Bekannte. Der gesamte Schreibprozess hat Lia verändert: von der Themenfindung übers Material-Sammeln, Ideen-Suchen, Figuren-Zeichnen und Fakten-Recherchieren bis hin zum Formulieren, Verwerfen, Neu-Formulieren und Ins-Reine-Tippen. Noch vor einem Jahr sei sie schüchtern gewesen, zurückhaltend, hätte sich anpassen und bloß nicht auffallen wollen. Ihrer Mutter Janine Bonk kommt es vor, als hätte ihre Tochter im Schreiben ihren eigenen Weg gefunden und wäre «angekommen bei sich selbst». Ohne den Rahmen der Achtklassarbeit mit einem definierten Ziel und einem zeitlichen Rahmen wäre das vielleicht nicht gegangen. «Ich bin nicht sicher, ob Lia drangeblieben wäre und es durchgezogen hätte», meint sie. Deshalb ist sie für einen «feinen und doch alles entscheidenden Unterschied in der Waldorfpädagogik» sehr dankbar: «Das ist der Unterschied zwischen ,Leistungsdruck‘ und dem ,Hineingefordert-Werden in die eigene Kraft und das eigene Können‘», so die Mutter. Und Lia resümiert: «Ich habe jetzt mein Ding gefunden, etwas, das mich ausmacht. Dadurch kann ich viel besser zu mir stehen und für mich eintreten.»
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