Ausgabe 07-08/23

«Ich habe meinen Weg gefunden»

Sven Saar

Luong wurde von ihrer kleinen Tochter zur Waldorfpädagogik geführt: Sie suchte in Ho-Chi-Minh-Stadt nach einer Schule, in der das Kind eine glückliche Schulzeit erleben konnte. In Luongs Fall hatte diese Suche eine besondere Prägung, denn sie arbeitete an einer Universität im Bereich Lehrplanentwicklung und Lehrer:innenbildung. Überzeugt hat sie Steiners ganzheitliche und respektvolle Herangehensweise an den Menschen. Sie fand die pionierhafte Waldorf Home School in Ho-Chi-Minh-Stadt, und ihre Erwartungen wurden dort erfüllt.

Ihre Tochter trat in die Schule ein, und Luongs Fachwissen, ihr Interesse und ihr Potenzial wurden bald entdeckt. Sie absolvierte ein Modul einer Teilzeitwaldorfausbildung, bevor sie 2018 eine erste Klasse übernahm. So kehrte sie nach einer erfolgreichen Karriere in der Erwachsenenbildung ins Klassenzimmer zurück. «Es war ein wunderbares Gefühl, wieder mit Kindern zu arbeiten!»

Dann kam die Pandemie, und es wurden Schulschließungen verhängt. Das Kollegium beschloss, die Schüler:innen nicht über Bildschirme zu unterrichten. Stattdessen setzte Luong zusammen mit ihren Kolleg:innen ihr Wissen über systemisches Lernen ein und erstellte detaillierte Lehrpläne, mit denen die Eltern ihre Kinder zu Hause unterrichten konnten. Von der Betreuung von Studierenden ging Luong dazu über, Eltern das Unterrichten zu lehren – genau zu dem Zeitpunkt, als das gebraucht wurde. «Die Kinder haben in dieser Situation nicht nur vom Waldorfansatz, sondern auch von meinem systemischen Wissen über den Lernprozess profitiert.» Manchmal fällt es leicht, das Schicksal am Werk zu sehen, wenn sich Gemeinschaften bilden: Handlungsorientierte Menschen mit ausgewiesenen Fähigkeiten kommen zur richtigen Zeit zusammen, um etwas Sinnvolles zu schaffen. Luong hat ihren Wechsel von der Universität in den Schuldienst nie als Rückschritt empfunden. «Ich tue, was ich will, und ich kann mich hier besser entwickeln. Ich liebe die Kinder und meine Arbeit. Das Improvisieren während der Neugründung einer Schule war nicht einfach. Der Waldorfschulsektor in Vietnam ist erst acht Jahre alt, und wir würden gerne Steiners Ideen über den sozialen Organismus vollständig verstehen und anwenden, aber es gibt so viele Herausforderungen, die richtige Struktur für Vietnam zu finden. Wir werden auch noch nicht von der Regierung anerkannt und müssen Wege finden, eine offizielle Schule zu werden. Wir brauchen gesunde systemische Ansätze: Liebe und Enthusiasmus haben uns bisher getragen, jetzt brauchen wir Ideen, die sich in der Praxis sinnvoll anwenden lassen.»

Für Luong ist die Entdeckung der Anthroposophie von großer Bedeutung: Sie bestimmt ihre Lebensführung. Sie sieht ihre Arbeit nicht mehr als Job, sondern als Teil ihrer Biografie: «Ich habe meinen Weg gefunden und bin ihm verpflichtet.»

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