Ausgabe 11/26

Ich weiß das einfach so!

Franz Glaw
Stadtbücherei in Stuttgart: Weltweit gehen die Leistungen im Lesen zurück. Bildquelle: Angelika Lonnemann

Teaser: »Informationskompetenz wächst, wenn junge Menschen selbst analog und digital recherchieren, zuhören, Widersprüche aushalten und ihre Ergebnisse verständlich darstellen.«


Im September 2026 veröffentlichte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung die Ergebnisse der PISA-Studie 2025. Mehr als 760.000 15-Jährige aus 91 Ländern und Volkswirtschaften nahmen daran teil. Das Ergebnis ist ernüchternd: Im Durchschnitt der Mitgliedstaaten sank die Leistung im Lesen zwischen 2015 und 2025 um 28 Punkte, in Mathematik um 22 Punkte. Auch in den Naturwissenschaften gingen die Ergebnisse zurück. Deutschland erreichte in allen drei Bereichen einen historischen Tiefstand. Bemerkenswert ist übrigens, dass diese Entwicklung keineswegs nur Deutschland betrifft. Auch Länder mit ganz anderen Schulsystemen, sozialen Voraussetzungen und bildungspolitischen Konzepten verzeichnen sinkende Leistungen. Die Ursachen können deshalb nicht allein im Lehrkräftemangel, in den Folgen der Pandemie, in Migration oder in einzelnen Reformen gesucht werden. Die Autoren Anant Agarwala und Martin Spiewak fragen in einem Beitrag in der ZEIT 39/2026 zugespitzt, ob die Menschheit gerade dabei sei, dümmer zu werden. Sie verweisen auf schrumpfende Aufmerksamkeitsspannen, den Rückgang anspruchsvoller Lektüre und die zunehmende Auslagerung geistiger Tätigkeiten an digitale Geräte und Künstliche Intelligenz. Die Befunde geben Anlass, genauer hinzusehen. Die Studie zeigt beispielsweise: Schüler:innen, die Künstliche Intelligenz für schulische Aufgaben wie das Zusammenfassen von Texten, das Entwerfen von Lösungen oder für Recherchen nutzen, schneiden im Durchschnitt schwächer ab als diejenigen, die darauf verzichten. Entscheidend dürfte sein, ob Künstliche Intelligenz das eigene Denken unterstützt oder ersetzt.

Woher kommen die Nachrichten?
 

Vor einiger Zeit fragte ich Schüler:innen, wo sie sich über aktuelle Ereignisse informierten. Eine häufige Antwort lautete: «Über die Startseite meines Handys.» Auf meine Nachfrage, woher die dort angezeigten Meldungen kämen, wer sie ausgewählt habe und wer dafür bezahle, folgte Ratlosigkeit: «Keine Ahnung. Ist das wichtig?» Einige hatten schlicht keine Lust, sich näher damit zu beschäftigen. Die Startseite eines Smartphones ist jedoch keine Quelle. Sie ist eine Oberfläche, auf der fremde Quellen nach Kriterien ausgewählt und angeordnet werden, die für die Nutzer:innen häufig unsichtbar bleiben. Welche Meldungen erscheinen, hängt unter anderem von Anbietern, Algorithmen, bisherigen Klicks und wirtschaftlichen Interessen ab. Wer das nicht weiß, hält eine technisch erzeugte Auswahl leicht für ein neutrales Abbild der Welt. Informationskompetenz beginnt deshalb schon vor der Prüfung, ob eine einzelne Nachricht wahr oder falsch ist. Zunächst muss überhaupt die Frage entstehen: Wer zeigt mir hier was – und warum?

Wissen ohne Herkunft
 

Noch deutlicher wurde das Problem bei einer von mir und einigen Schüler:innen durchgeführten Straßenumfrage zum Thema Elektromobilität. Fast alle Befragten hatten eine klare Meinung. Fast niemand konnte sie begründen oder Quellen nennen. Ein 16-Jähriger antwortete auf die Frage, wo er sich informiert habe: «Informieren? Ich muss mich gar nicht informieren. Ich weiß das einfach so.» Der Satz ist auf den ersten Blick komisch. Auf den zweiten ist er beunruhigend. Denn Wissen fällt nicht vom Himmel. Auch das, was wir «einfach wissen», hat eine Geschichte. Es kann aus Gesprächen, Schlagzeilen, Bildern, kurzen Videos, häufig wiederholten Behauptungen oder der Zustimmung einer Gruppe entstanden sein. Wer die Herkunft seiner Überzeugungen nicht mehr wahrnimmt oder sich nicht daran erinnert, kann auch die Einflüsse, die an ihrer Entstehung beteiligt waren, kaum prüfen. Der amerikanische Propagandapionier Edward Bernays erkannte bereits vor rund hundert Jahren, dass Menschen nicht in erster Linie durch ausführliche Argumente beeinflusst werden. Erfolgreicher ist es, Wahrnehmungen, Wünsche und scheinbare Selbstverständlichkeiten zu prägen. Wer Meinungen beeinflussen will, kann sich daher kaum günstigere Voraussetzungen wünschen als Menschen, die ihre Quellen nicht kennen und ihre Überzeugungen dennoch für eigenes Wissen halten.

Lesen und Schreiben sind Formen des Denkens


Die PISA-Ergebnisse betreffen deshalb mehr als schulische Leistungen. Lesen bedeutet nicht nur, Buchstaben zu entziffern und Informationen zu entnehmen. Wer einen längeren Text liest, muss Begriffe klären, Zusammenhänge herstellen, Widersprüche bemerken und einer Argumentation über mehrere Absätze hinweg folgen. Dabei werden Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Urteilskraft beansprucht. Auch Schreiben ist nicht bloß das nachträgliche Festhalten fertiger Gedanken. Häufig entsteht ein Gedanke erst beim Formulieren. Man bemerkt Lücken, muss ordnen, verwerfen und neu ansetzen. Wenn Künstliche Intelligenz diese Arbeit vollständig übernimmt, kann ein sprachlich überzeugender Text entstehen, ohne dass die Person, deren Name darunter steht, den dazugehörigen Denkweg selbst gegangen ist. Das Problem ist daher nicht die Technik an sich. Künstliche Intelligenz kann Rückmeldungen geben, Gegenargumente nennen, Verständnisfragen stellen und beim Überarbeiten helfen. Sie wird pädagogisch wertvoll, wenn sie geistige Tätigkeit anregt. Sie wird problematisch, wenn das eigene Lesen, Schreiben, Erinnern und Urteilen gar nicht erst stattfindet.

Informationskompetenz ist keine Zusatzaufgabe
 

In meinem Beitrag Aktuell und nicht abstrakt in der Erziehungskunst 04/2026 habe ich das Project Information Competence (PICO) und einige inzwischen erprobte Unterrichtsformen vorgestellt: multiperspektivische Materialsammlungen, Debatten, Archivarbeit, Expert:inneninterviews, Straßenumfragen und Podcasts. Die aktuelle PISA-Studie verleiht diesem Anliegen neue Dringlichkeit. Informationskompetenz darf nicht als zusätzliches Thema verstanden werden, das gelegentlich im Deutschunterricht oder in einer Medienepoche behandelt wird. Sie gehört in alle Fächer, denn überall arbeiten Schüler:innen mit Aussagen, Darstellungen, Statistiken, Bildern und Deutungen.

Dafür braucht es nicht immer ein umfangreiches Projekt. Schon wenige regelmäßig wiederkehrende Fragen können viel bewirken: Woher weiß ich das? Was ist die ursprüngliche Quelle? Wer hat diese Information ausgewählt? Welche Interessen könnten eine Rolle spielen? Was müsste ich noch wissen, bevor ich urteile? Solche Fragen sollen kein grundsätzliches Misstrauen erzeugen. Sie können im Gegenteil Neugier wecken: auf andere Perspektiven, auf reale Menschen, auf Orte, Dokumente und Erfahrungen. Informationskompetenz entsteht nicht allein durch Warnungen vor Manipulation. Sie wächst, wenn junge Menschen selbst analog und digital recherchieren, Gesprächspartner:innen zuhören, Widersprüche aushalten und ihre Ergebnisse für andere verständlich darstellen. Die Antwort auf PISA kann daher nicht nur lauten: mehr üben, mehr kontrollieren, mehr testen. Schule muss Räume schaffen, in denen Lesen, Schreiben und Denken wieder als eigene Tätigkeiten erfahren werden. Wenn Schüler:innen erleben, dass sorgfältige Recherche ihr Urteil verändert und sie anschließend begründeter sprechen können als zuvor, entsteht Selbstwirksamkeit. Gerade in einer Zeit, in der Maschinen immer schneller plausible Antworten liefern, wird die Fähigkeit wichtiger, eigene Fragen zu stellen. Das ist keine nostalgische Abwehr der digitalen Welt. Es ist eine Voraussetzung dafür, sich in ihr frei und verantwortlich bewegen zu können. 

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