Seven Mile Beach in der Nähe von Byron Bay in Australien, wo Markus Nelles regelmäßig surfte.
Zum ersten Mal kam ich 2012 mit der Waldorfpädagogik in Berührung an einem kleinen Ort an der Ostküste Australiens namens Byron Bay, dem östlichsten Punkt des Kontinents. Ich lebte zirka zwölf Jahre in Australien und hatte mich in dieser alternativen grünen Blase niedergelassen und arbeitete für einen bekannten Möbeltischler namens Tony Kenway. In einer kleinen, einfach eingerichteten Werkstatt mitten im Busch, umgeben von alten Baumbeständen, Eisvögeln namens Kookaburras, den Schuppenkriechtieren blue tongue lizards und allem, was es dort noch so gibt, fertigten wir künstlerische Einzelstücke, die auf Ausstellungen in New York, Tokyo oder London verkauft wurden. Eines jungen Tischlers Traum!
Dort lernte ich jedoch mehr als nur Formgebung und künstlerisches Arbeiten. Diese Arbeit füllte etwas, wonach ich lange gesucht hatte. Sätze wie: «You know and feel, when it’s right, it starts to sing» oder «Work with nature and not against it» waren Workshop-Philosophien. In diesen Jahren war ich oft im Flow und die Wellenbewegungen beim morgendlichen Surfen taten ihr Übriges. Ich übernahm auch gerne Verantwortung, als mein Mentor sich auf großskalierte Wiederaufforstungen konzentrierte, weil es einfach Spaß machte, Teil von einer Sache zu sein, die Sinn machte: Bäume pflanzen und langlebige Möbel produzieren. Tonys Partnerin war Geigenlehrerin an den beiden ortsansässigen Steiner-Schools und ich war dort öfter auf Frühlingsfesten und Events. Der Direktor von Shearwater bot mir dann eine Stelle als Werklehrer an. Doch ich sagte ab. Ich hatte mir vorgenommen, dass ich mich um meine Eltern kümmern wollte, da ich das einzige Kind bin, seit meine Schwester früh verstorben war.
Also waren die Segel in Richtung Deutschland gesetzt. Und als ich mich in meiner deutschen Heimat bei Aachen um meine schon betagten Eltern kümmerte, verliebte ich mich in die Pflegerin meines Vaters und bald darauf wurde ich auch Vater. Da ich zu der Zeit nicht nur Pfleger meiner Eltern sein wollte, führte mich mein Weg an die Freie Waldorfschule Aachen. Dort begann ich mit einem kleinen Werklehrerdeputat mit vier Unterrichtsstunden pro Woche. Ich wurde sehr wohlwollend und herzlich ins Kollegium aufgenommen.
Mein Holz-Werklehrerkollege wies mich einfühlsam in meine Tätigkeit ein und gab mir wertvolle Tipps. Er nahm mich auch mit auf meine erste Werklehrer:innentagung und auch das war wieder eine kleine Offenbarung, es füllte sich wieder etwas in mir.
Nach einiger Zeit entschloss ich mich dazu, mich beim berufsbegleitenden Lehrer:innenseminar in Köln anzumelden. Zuerst war es nur der Wunsch, das Angefangene zu beenden, doch schnell stellte sich auch wieder das Gefühl ein, das passt ja total für mich hier und der Schulalltag machte in vielen Dingen mehr Sinn.
Das Seminar war toll, auch wenn es bedeutete, einmal pro Woche abends nach Köln zu fahren, ein Wochenende im Monat verplant zu haben und eine Woche im Semester die Ferien zu opfern.
Es war mehr eine Weiterbildung des eigenen Selbst als das sture Erlernen von Lernmethoden. Irgendwie frei nach Steiners Credo: «Jede Erziehung ist Selbsterziehung und wir sind eigentlich als Lehrer und Erzieher nur die Umgebung des sich selbst erziehenden Kindes.»
Ich darf und muss mich mit mir selbst auseinandersetzen, nur so kann ich dem Kind wahrhaftig gegenübertreten und als Beispiel wirken, an dem es sich orientieren kann. Vormachen kann ich den Schüler:innen eh nichts, das spüren sie sofort.
Das Curriculum in Köln war sehr intensiv, aber noch mehr als der formelle Inhalt hat mich das Zusammensein mit meinen Mitstreiter:innen und Seminarbegleiter:innen geprägt. Das gemeinsame Lernen, das Nicht-allein-Sein und doch Bei-sich-Bleiben. Die Gemeinschaft, in der ich vertrauensvoll die Fragen stelle, die mich bewegen, und in der andere mir durch ihre Einzigartigkeit neue Impulse geben und dies dann auch in Wechselwirkung. Das ist für mich echtes Lernen. Und gerade auch an Reibungspunkten entsteht ja Wärme, die Prozesse in Gang bringt, solange ich mich nicht verbrenne und mein Gegenüber anerkenne und versuche zu erkennen.
Dieses kann ich eins zu eins auf den Schulalltag übertragen oder ich wünsche es mir, wenn es manchmal schwer ist, dass wir mit gegenseitiger Anerkennung wachsen. So im Nachgang erkenne ich, dass meine Wanderschaft und mein Werken etwas in mir geschaffen haben, was nach meiner Schulzeit nicht vorhanden war. Ich habe Selbstwirksamkeit erfahren und schöpfen dürfen. Das hat mich stärker in der Welt wurzeln lassen und mir vielleicht ein wenig meinen Platz gezeigt, weniger im Wo, Wie oder Was ich tue, sondern mehr in dem, dass ich mich in der Welt stehend fühle, auch wenn der Wind mal stärker weht.
Ich mag es, Werklehrer zu sein, weil es so direkt und unausweichlich den Schüler:innen Selbstwirksamkeit zeigt und spüren lässt. Bewertungen sind meist unnötig und unzulänglich, die Resultate sprechen für sich, der Weg dorthin ist unmittelbar spürbar und das unausweichliche gelegentliche Scheitern ist auch inbegriffen. Sonst wäre der Erfolg auch weniger süß. Ich glaube auch, dass es sehr dazu beiträgt, dass sich alle etwas mehr selber kennen und lieben lernen.
Ich möchte hier eine Lanze brechen für den handwerklich-künstlerischen Unterricht an Waldorfschulen. Ich finde ihn so zentral und wichtig. Es ist für jedes Bedürfnis etwas dabei im Nähen, Häkeln, Weben, Schneidern, Schmieden, Kupfertreiben, Gartenbauen, Schreinern, Schnitzen, Bildhauen, Plastizieren, Buchbinden, Papierschöpfen, Malen oder Zeichnen. Die scheinbar veralteten Techniken zeigen dem werdenden Menschen ganz direkt, was erreichbar ist und dass er in dieser Welt wirken kann. «Mit den Gliedmaßen im Geiste rühren» – das habe ich mal auf einer Werklehrer:innentagung gehört und das trifft es ganz gut. Und ein wenig frei nach Joseph Beuys: «In allem Tun steckt Kunst und kreatives Erleben.» Die Kunst, egal in welcher Ausprägung, macht uns doch erst zu dem, was in uns ist.
Als Abschlussarbeit durfte ich etwas Künstlerisches einreichen und so machte ich mich im Stile einer Zwölftklassarbeit ans Werk und hatte Spaß dabei. Bei der Arbeit an einer etwas ungewöhnlichen Schale, in der ich Aspekte der Waldorfpädagogik unterbringen wollte, stellte sich wieder ein altes Flow-Gefühl ein. Dies war nicht ganz verloren gegangen in den letzten Jahren, es kommt immer wieder, wenn ich meine Hände mit Muße an Werkzeuge und Werkstoffe lege.
Ich schreibe diesen Text, um vielleicht dem einen oder der anderen Mut zu machen, der oder die vielleicht auch eine:n Lehrer:in in sich spürt. Der Weg zur Waldorflehrkraft kann sehr vielpfadig sein und ich finde Quereinsteiger:innen bringen viele Softskills mit, die das Schulleben bunter machen.
Es ist schön, erfüllend, selbstreflektierend, selbstwirksam und vielleicht auch heilsam, mit dem heranwachsenden Menschen zu arbeiten, aber es ist auch nicht immer einfach und somit auch eine Herausforderung an sich selbst, stetig weiter zu arbeiten und sich dabei mehr zu erkennen.
Ausgabe 11/25
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