Bild oben: Waldorf School in Motueka
Bild links: Familie Alvarez
Bild: Formenzeichnen mit Mustern der Aborigines
«Kia ora», diese beiden Wörter aus der Sprache der Maori waren mir mit ihrer tiefen Bedeutung vor meiner Ankunft in Neuseeland unbekannt. Sie werden oft als informelle Grußformel genutzt, können aber auch Dankbarkeit, Zustimmung, Verbundenheit, Respekt, Anerkennung und gute Besserung zum Ausdruck bringen. Ich hatte schon lange den Wunsch, einmal eine Zeit lang hier zu leben. Gründe, dies nicht zu tun, fanden sich in den vergangenen zehn Jahren immer wieder. Doch nach der Lektüre von Das krisenfeste Kind und Der tanzende Direktor war ein weiteres Aufschieben für mich nicht mehr möglich. Ich wollte endlich selber sehen, wie Schule in Neuseeland funktioniert und was sie so gut macht. Vom ersten konkreten Schritt bis zum Abflug vergingen zwei weitere Jahre, in denen gespart, recherchiert und organisiert wurde.
Nun lebe ich mit meiner Familie vorübergehend an der Nordküste der Südinsel, also Top of the South. Mit den vielen Sandstränden, Apfelplantagen, Weingütern, Hopfenfeldern und drei Nationalparks ist die Gegend auch bei den Neuseeländer:innen sehr beliebt. Der Ort Motueka zählt 8.300 Einwohner:innen, hier liegt eine der zehn Waldorfschulen des Landes. Seit unserer Ankunft im Januar sind unsere beiden Söhne, neun und elf Jahre alt, Schüler an der 2002 gegründeten Motueka Steiner School. Das weitläufige Gelände der Schule befindet sich am Rand der kleinen Stadt mit freiem Blick auf die Berge. Derzeit besuchen 75 Kinder der Stufen 1 bis 7 die Schule, 42 Kinder den Waldorfkindergarten. Für eine eigenen Oberstufe bräuchte es sehr viel mehr Kinder. Unterrichtet wird in drei Doppelklassen und einer einzügigen Klasse.
Nach den Sommerferien gab es einen warmherzigen und einladenden Empfang der ganzen Schulgemeinschaft. Der Festakt fand überwiegend auf Englisch statt, zusätzlich wurden viele Lieder, Sprüche und Segnungen auf Te reo Māori, der Sprache der Māori, vorgetragen.
Inmitten von Riten und Traditionen
Durch die fürsorgliche Koordinatorin der International Families fiel uns das Ankommen leicht. Die von unseren Kindern befürchteten sprachlichen Hürden waren gering, da hier viele Familien mit deutschen Wurzeln leben. Mit uns sind derzeit noch drei weitere internationale Familien zu Gast, die alle von je einer Buddy-Family unterstützt werden. Die Schultage beginnen um 9 Uhr und enden für alle Klassen um 15 Uhr, zusätzlich gibt es Nachmittagsangebote wie Sport und Outdoor Education. Die Pflege der Traditionen, Gebräuche und der Sprache der Māori im öffentlichen Leben überraschte mich sehr. Es gibt zweisprachige Verkehrsschilder und auch die Beschilderung auf dem Schulgelände ist konsequent zweisprachig. Anregungen für die Einbeziehung im Unterricht finden sich im Te-reo-Māori-Curriculum, den Guidelines für Rudolf-Steiner-Schulen beziehungsweise Waldorf Schools in Aotearoa, wie die Māori Neuseeland nennen. So wird nach dem Morgenspruch Rudolf Steiners ein Spruch in Te reo Māori gesprochen. Es werden traditionelle Lieder, sogenannte Waiata, gesungen und vor dem Essen wird ein Karakia mot e kai, also ein Gebet für die Speisen, gesprochen. Im Formenzeichnen werden Kāwhaiwhai, traditionelle Muster in den Farben Rot, Schwarz und Weiß, gezeichnet und rituelle Tänze namens Haka werden einstudiert. Beim After-School-Sport gibt es die Möglichkeit, Ki-o-Rahi, ein beliebtes, traditionelles Māori-Teamspiel, zu erlernen. In den Lesebüchern der Kinder stehen einfache Te-reo Māori-Vokabeln und der Heimatkundeunterricht der fünften Klasse beginnt mit der Besiedelung von Aotearoa durch die Polynesier:innen. Auch christliche Traditionen werden gelebt und gepflegt, doch durch das kulturelle Erbe der Māori wird die Waldorfpädagogik um ein wertvolles und breites Spektrum bereichert. Ich erlebe die Beheimatung im hiesigen Kulturraum als absolut authentisch. Auch die Elternarbeit ist davon geprägt. So studierten wir im Elternabend ein kleines Waiata aus dem Unterricht ein. Begrüßt wurden wir an diesem Abend mit einem herzlichen Kia ora. Bei der Verabschiedung hieß es dann Mā te wā.
Hoffen auf eine neue Regierung
Derzeit sind zirka 25 Prozent aller Schüler:innen an öffentlichen Schulen Angehörige der polynesischstämmigen indigenen Bevölkerung Neuseelands. An den Waldorfschulen im Land sind es im Durchschnitt nur 15 Prozent. Die Motueka Steiner School wird von einer Handvoll Kinder mit Māori-Eltern besucht. Ein wesentlicher Grund für dieses Ungleichgewicht ist die Tatsache, dass die neuseeländischen Waldorfschulen zwar staatliche Zuschüsse erhalten, aber einkommensunabhängige Schulgelder erheben müssen. Die Höhe der Beiträge wird vom Bildungsministerium vorgeschrieben. Da die sozioökonomische Lage vieler Māori noch immer schlechter ist als die der Gesamtbevölkerung, verwundern die niedrigeren Schüler:innenzahlen nicht. Die Bemühungen der letzten 20 Jahre, historisch bedingte Nachteile in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Einkommen und Wohnen der Māori zu reduzieren, wirkten positiv. Trotzdem liegt diese Bevölkerungsgruppe weiterhin in all diesen Bereichen unter dem Landesdurchschnitt. Im Augenblick sind die Aussichten trüb, denn die seit 2023 amtierende konservative Koalitionsregierung hat etliche Förderprogramme zurückgefahren. Es ist also zu befürchten, dass die bisherigen Fortschritte der Integration verloren gehen. Im November 2026 wird ein neues Parlament gewählt. Ich hoffe, dass das Pendel zurückschwingt und die Zukunft wieder von einer offeneren Gesellschaft geprägt sein wird.
Bis Dezember werden wir unsere Zeit am anderen Ende der Welt noch genießen, um dann mit gefüllten Akkus, spektakulären Erlebnissen und tollen Ideen in die Heimat zurückzukehren. In diesem Sinne: Māte wā!
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