Ausgabe 12/23

Improvisation als Überlebensstrategie

Dorothea Schmidt

An der Waldorfschule Sorgues: Es ist 20 nach acht am letzten Schultag vor den Sommerferien. Die Verabschiedungsfeier der Elftklässler:innen steht an, die Eltern und Schüler:innen um neun Uhr zusammenbringen soll. Die 17-jährige Caroline aus Leipzig, die ein Jahr an der Schule verbracht hat, ist auch dabei. Das Problem: es regnet aus Kübeln!

So ein Regen kommt im Sommer selten vor, heute aber schippern die Holzhackschnitzel auf dem Schulhof bereits als kleine Flöße über die Wege. Was tun? Die Schule besitzt keine Aula, alle großen Feste finden draußen statt oder es wird ein Jahr im Voraus der Gemeindesaal gemietet. Ein paar Lehrerinnen beraten sich am Portal, das noch nicht überflutet ist. Sie entschließen spontan: wir machen die Feier in mehreren Etappen – erst die jüngeren, dann die älteren Schüler:innen, und das Ganze in der Kantine. Sie fragen die Küchenbesatzung, alle Lehrkräfte werden informiert und die Neuntklässler:innen beauftragt, Bänke hereinzutragen. Mit ein bisschen Verspätung bekommen die völlig durchnässten Eltern erst einmal einen Tee vom Küchenteam und dann sitzen sie mit den Schüler:innen dicht an dicht auf den Kantinenbänken und lauschen einer Dankesrede sowie mehreren Darbietungen der Klassen der Unterstufe. Etwa eine halbe Stunde später wird getauscht und die Mittel- und Oberstufe ist an der Reihe. Viele Rührungstränen werden geweint, die Elftklässler:innen bieten etwas dar und am Ende kommen sogar die Unterstufenschüler:innen noch einmal dazu. Es wird gemeinsam gesungen und ein Spalier für die abgehenden Schüler:innen gestanden.

Das ist Alltag an unserer Waldorfschule Sorgues! Ein Schulplatz, der sich regelmäßig in eine Staubwolke verwandelt, Container als Klassenzimmer, keine eigene Sporthalle oder Bibliothek, ein Lehrer:innenzimmer von drei Quadratmetern Größe … Aber, hier wird Waldorf mit Herz gelebt und man hält zusammen. Jedes Jahr kommen, wie Caroline, mehrere internationale Schüler:innen für ein paar Monate oder ein Jahr in die Oberstufe, wohnen in Gastfamilien aus dem Schulumkreis und genießen den Zusammenhalt und die familiäre Atmosphäre. «Man hat das Gefühl, man wird hier viel stärker wahrgenommen», sagt Caroline, «und das, auch wenn man die Sprache noch nicht so gut beherrscht». Und, «in der Schule in Sorgues hatte ich während der gesamten Schulzeit den Eindruck, dass die einfachen Räumlichkeiten ausreichen und alles funktioniert, da für alle Situationen immer gute Lösungen gefunden wurden».

Das positive Feedback der Austauschschüler:innen hat die Schule dazu bewegt, sich auf ihr internationales Profil zu besinnen und möchte dies nun noch weiter ausbauen, um eines Tages das internationale Baccalauréat anbieten zu können. Schon jetzt gibt es eine ganze Reihe von Projekten, die die Schüler:innen ins Ausland bringt, oder andersherum, Schüler:innen aus aller Welt zu uns kommen lässt. Das Paradox: im Ausland, besonders in Deutschland, kennt man unsere Schule, in Frankreich selbst ist Waldorf so gut wie unbekannt.

Den staatlichen Anfeindungen zum Trotz

Wie kann es sein, dass im Nachbarland Deutschlands die Waldorfschulen so wenig bekannt beziehungsweise unterstützt werden? Der französische Staat, in dem das Bildungssystem zentral verwaltet wird, mag freie Schulen nicht. Es gibt Privatschulen, die meisten sind jedoch der staatlichen Schulverwaltung angegliedert. Das bedeutet, dass sie genaue Auflagen zu befolgen haben und ständig Kompromisse machen müssen.

Diese können finanzielle Unterstützung erhalten. Dann gibt es wenige freie Schulen, wie unsere Waldorfschule in Sorgues. Sie finanziert sich ausschließlich durch das Schulgeld und gegebenenfalls durch Spenden.

Gerade mal sechs Waldorfschulen haben in Frankreich eine Oberstufe. In Sorgues geht es bis zur elften Klasse, dann muss gewechselt werden. Entweder man geht so wie Caroline zum Beispiel nach Luxemburg, um an der dortigen Waldorfschule das Internationale Baccalauréat auf Französisch zu machen, oder wechselt an eine öffentliche Schule in Avignon und Umgebung, um dort das Abitur zu machen.

In Sorgues haben wir Glück: Der Bürgermeister mag die Schule und es gab in den letzten Jahren keine unangemeldete Inspektion. Dennoch sind wir immer auf der Hut und verbieten uns mögliche Angriffsflächen. Jegliche Gegner:innen von Waldorfpädagogik rennen mit dem Wort «Sekte» offene Türen ein und der französische Verband der Waldorfschulen ist ständig dabei, den oft erfundenen Anschuldigungen argumentativ zu begegnen.

Kreativer Überlebenskampf

Wie lebt es sich als Waldorflehrer:in in so einer Situation? Eines ist sicher: ich bin nur mit dabei, wenn ich wirklich engagiert bin. Das Einkommen unter dem Mindestlohn und nur selten genügend Stunden für eine volle Stelle motivieren nicht. Man muss Waldorfpädagogik als sinnstiftend für die Arbeit mit den Schüler:innen und für das eigene Leben empfinden.

In Sorgues besteht das Kollegium zur Hälfte aus ehemaligen Waldorfschüler:innen aus dem Ausland. Wir sind aktuell vier Deutsche, eine Holländerin, eine Venezolanerin, drei Engländer:innen und zwei Russinnen, und das bei 30 Kolleg:innen!

Der Schulalltag ist für uns Lehrkräfte trotz aller Schwierigkeiten erfüllt von der Bindung zu den Schüler:innen und von der Möglichkeit, selbst kreativ zu werden, um den Schulalltag zu verbessern. Für alle gibt es Aufgaben, die uns persönlich erfüllen und gleichzeitig der Schulgemeinschaft zugutekommen. Waldorfschule wird so zu einem lebendigen Organismus, dem es mal mehr oder weniger gut geht, der sich aber immer wieder verändert und weiterentwickelt. Da sitzt man zu zehnt um den Tisch und redet über die internationale Neuorientierung der Oberstufe, es wird debattiert und dann wird entschieden: so machen wir das jetzt! Da steht keine Bürokratie im Weg, da wird es dann eben einfach gemacht oder zumindest versucht. Und im Notfall wird wieder improvisiert, bis alles in geebnete Bahnen gelenkt ist und das entsprechende Geld gesammelt wurde, um gewünschte Projekte durchführen zu können.

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