Bild oben: Morgenkreis an der Blote-Vogel-Waldorfschule in Witten während der Inklusiven Bauzeit.
Bild unten: Bauzeit an der Blote-Vogel-Waldorfschule in Witten.
Zitat: «Die inklusive Bauzeit machte Inklusion erfahrbar, ohne sie dauernd zu benennen.
Der September beginnt am Waldorf Institut Witten Annen nicht am Schreibtisch, sondern mit Farbeimern, Werkzeug, Erde unter den Fingernägeln und dem Rhythmus gemeinsamer Arbeit. Für die Bachelor- und Diplomstudierenden ist die Bauzeit seit Jahrzehnten der Auftakt ins Studium: vier Wochen handwerklich-praktisches und künstlerisches Tun. Renovieren, Gelände- und Gartenpflege, eigene Projekte. Lernen geschieht dabei nicht nur über Pädagogik, sondern durch pädagogisches Handeln – im Miteinander und im konkreten Tun. In diesem Jahr kommt ein neuer Schwerpunkt hinzu: eine inklusive Bauzeit. Aus einem Seminar heraus wächst der Entschluss, Inklusion nicht auf einer theoretischen Ebene zu verhandeln, sondern sie als Erfahrung zu suchen. Praktisch werden, ins Tun kommen, miteinander leben und daraus lernen – das ist der Impuls, der den Studienbeginn prägt. Dieses von vielen als Leuchtturmprojekt bezeichnete Projekt kam auf Initiative von uns Studierenden des Bachelor- und Diplomstudiums zustande und wurde von Professor Wilfried Gabriel (Studiengangsleiter BA Waldorfpädagogik am Waldorf Institut Witten Annen) und Theresa Bauer (Dozentin für Heil- und Sonderpädagogik am Institut für Heilpädagogische Lehrer:innenbildung und Waldorf Institut Witten Annen) wissenschaftlich begleitet.
Eine Studierende beschreibt später, wie stark sich das auf das soziale Miteinander auswirkt: «Ich bin sehr dankbar für dieses inklusive Projekt. Die Anwesenheit der Schüler:innen der Christopherus Schule hat unser Miteinander deutlich verändert. In der ersten großen Reflexionsrunde waren viele von uns vor Rührung den Tränen nah.» Anfang September stehen schließlich viele Menschen in einem großen Kreis: die neunte Klasse der benachbarten Blote-Vogel-Waldorfschule und die zwölfte Klasse der Christopherus-Schule in Bochum-Gerthe, einer Waldorfförderschule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, dazu Studierende, Dozierende und Lehrkräfte. In den kommenden Wochen werden sie gemeinsam arbeiten, essen, lernen und leben. Die Aufregung ist spürbar – ebenso die Neugier. Der Tag beginnt in dieser Bauzeit mit einem gemeinsamen Ritual: dem Bauzeitchor. Stimmen treffen aufeinander, unterschiedlich sicher, unterschiedlich laut, manchmal schräg, manchmal klar. Was dabei entsteht, ist ein Übungsfeld für Gemeinschaft. Die Vielfalt der Stimmen wird nicht geglättet, sondern trägt den Klang. Das Lachen richtet sich nicht gegeneinander, sondern macht Platz für Zugehörigkeit. Eine Dozentin fasst es knapp: «Der morgendliche Chor bewegt mich jeden Tag aufs Neue.» Als am Ende ein kleines Programm aufgeführt wird, füllen sich Augen mit Tränen und Herzen mit Wärme. Und plötzlich wird erlebbar, was diese Wochen immer wieder zeigen: Gemeinschaft wächst nicht trotz der Unterschiede, sondern durch sie.
Beim ersten Aufeinandertreffen wirken die beiden Klassen zunächst sehr verschieden. Die Neuntklässler:innen betreten das neue Umfeld eng beieinander, eher leise, vertraut miteinander. Ihnen gegenüber stehen die Zwölftklässler:innen, die ihre Persönlichkeit bereits selbstbewusster zeigen. Vorsicht liegt in der Luft, aber auch eine gespannte Offenheit. Wie schnell das kippt, überrascht. Ein Dozierender beobachtet: «Mich hat am meisten beeindruckt, dass die Gruppen ohne künstliches Heranführen innerhalb von nur vier Tagen ihren Weg zueinander gefunden haben.» Das gemeinsame Tun wirkt wie ein Katalysator. Man begegnet sich immer wieder, übernimmt Aufgaben, reicht Material weiter, arbeitet Schulter an Schulter. Aus Nebeneinander wird Miteinander. Manchmal reicht dafür ein einziger Satz. Alex aus der zwölften Klasse wendet sich an Luis aus der neunten: «Hey, bist du auch BVB-Fan?» Luis ist sofort da: «Total. Hast du das Spiel am Samstag gesehen? Die waren richtig stark, oder?» Ein gemeinsames Nicken. Mehr Worte braucht es nicht. Eine Gemeinsamkeit ist gefunden. Und manchmal entstehen Freundschaften, ohne dass viel gesprochen wird. Linus aus der neunten Klasse und Bene aus der zwölften wechseln sich beim Schieben der Schubkarre ab, den Berg hinauf und wieder hinunter. Ein Rhythmus entsteht: abwechseln, tragen, warten, übernehmen. Später stehen die beiden in der Pause zusammen im Café. Linus bestellt zwei Kakao – mit süßer Vanillemilch. Es sind solche kleinen Szenen, die diese Bauzeit erzählen: Inklusion zeigt sich nicht in großen Erklärungen, sondern in geteiltem Alltag.
In den wöchentlichen Reflexionsrunden wird spürbar, wie sich in wenigen Wochen ein gegenseitiges Verständnis entwickelt. Susanne aus der zwölften Klasse kommentiert das manchmal laute, Grenzen austestende Verhalten der Neunten trocken, mit einem Grinsen: «Die sind eben mitten in der Pubertät.» Ein Neuntklässler sagt schlicht: «Ich hätte nicht gedacht, dass die so normal sind.» Der Satz steht da – ehrlich, ungeschützt – und zeigt, wie sehr sich Bilder im Kopf verändern können, wenn Begegnung Realität wird. «Für mich war das Bauzeitfest der krönende Abschluss unserer Projektzeit», resümiert eine Studierende. «Wir haben Familie und Angehörige eingeladen, um auf unsere aufregenden vier Wochen zurückzuschauen. Sehr eindrucksvoll an diesem Abend war der Chor. Besonders für die Angehörigen der Schüler:innen mit geistiger Behinderung war es von großer Bedeutung, ihre Kinder in einer so großen Menschenmenge so natürlich zu erleben. Wir behalten diesen Moment als Kraft gebend und motivierend in Erinnerung.» Die inklusive Bauzeit machte Inklusion erfahrbar, ohne sie dauernd zu benennen. Inklusion wird nicht als abstraktes Konzept verhandelt, sondern als Beziehung gelebt: im Chor, in der Arbeit, in den Pausen, in den Blicken, im Abwechseln, im gemeinsamen Tun. Ein Stein kommt ins Rollen und stößt weitere an. Manchmal reicht eine Schubkarre. Oder eben ein Kakao mit Vanillemilch.
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