Ausgabe 07-08/26

Intensität statt Fragmentierung

Ulrike Sievers

Bild oben: Epochenunterricht auch in der Oberstufe erlaubt die intensive Beschäftigung mit allen Inhalten, hier zum Beispiel im Biologieunterricht.
Bild unten: Pflanzenbestimmung im Biologieunterricht der zwölften Klasse anhand von Büchern an der der Freien Waldorfschule Mannheim.

«Es sind Spielräume entstanden, die Experimente ermöglichen, Resonanzräume, die zum Eintauchen einladen.»
 

Zeit ist eine heute oft beklagte Mangelware. Es gibt zu viel zu tun und zu wenig Zeit, um alles unterzubringen. Das gilt für unser modernes Leben allgemein ebenso wie für den Alltag in der Schule. Die Stunden, die für das eine oder andere Fach zur Verfügung stehen, scheinen nicht auszureichen, um all das zu verwirklichen, was der Lehrplan als entwicklungsfördernd vorschlägt oder aus Prüfungsgründen vorschreibt. Wenn dann noch Stunden ausfallen – sei es wegen Ausflügen, Projekten, Klassenfahrten oder Praktika, die ja alle wichtig sind und auf keinen Fall gekürzt werden sollten – dann kann man schon einmal nervös werden.

Hinzu kommen die zunehmende Fragmentierung der Gesellschaft und beständig schneller werdende Angebote, was vor allem bei Kindern und Jugendlichen zu immer kürzeren Aufmerksamkeitsspannen geführt hat, die wir auch in der Schule zu spüren bekommen. Dass laufend neue wichtige Themen aufkommen, die unbedingt auch noch in der Schule behandelt werden sollen, führt zu einer weiteren Verdichtung des Unterrichts und erzeugt bei Lehrkräften ein zusätzliches Gefühl von Stress und Überforderung. Bei den Schüler:innen können wir einerseits eine gewisse Kurzatmigkeit angesichts eng getakteter Stundenpläne beobachten – und andererseits Freude beim Eintauchen in Projekte und Praktika.

Fachstunden als Epochen


Die geschilderten Phänomene sind keineswegs waldorftypisch, sondern stellen eine Herausforderung für alle Bildungseinrichtungen dar und haben zu verschiedenen Lösungsansätzen geführt. Mit dem Prinzip des Epochenunterrichts findet sich in der Waldorfpädagogik bereits ein wirksamer Gegenentwurf zu «schnell, kurzatmig und fragmentiert». An den meisten Schulen beschränkt er sich allerdings auf die Fächer des Hauptunterrichts. Wenn wir einmal die klassische Begründung von Kopf, Herz und Hand für die Verteilung der Fächer auf morgens, mittags und nachmittags außer Acht lassen – was sich aus personellen und räumlichen Gründen meist ohnehin nicht so klar umsetzen lässt –, können wir das Epochenprinzip weiterdenken.

Ich konnte an zwei Schulen eine solche Erweiterung miterleben. Einmal kam der Impuls dazu aus der Oberstufenkonferenz, in der wir uns mit der Frage von Raum- und Zeitgestaltung von Lernräumen beschäftigt hatten. Wir beobachteten, dass die Schüler:innen den Epochenfächern deutlich mehr Bedeutung beimaßen als den Fachunterrichten, was sich zum Beispiel in der Verbindlichkeit der Teilnahme und bei den Hausaufgaben zeigte. Epochenfächer schienen stets Vorrang zu haben. Zudem beklagten Fachlehrkräfte, dass es schwierig sei, in der Oberstufe in 45 Minuten in ein vertieftes, intensives Arbeiten zu kommen. Die für untere Klassen angemessenen kürzeren Unterrichtsphasen führten in der Oberstufe zu einer Zerstückelung von Arbeitsschritten. In künstlerisch-handwerklichen Fächern wurde bei 45 Minuten überproportional viel Zeit für Aufbau und Aufräumen verwendet.

So beschlossen wir, Fachstunden in Epochen auszuprobieren. Wir starteten mit täglichen Doppelstunden an drei Tagen, in denen sich Englisch, Musik und Mathe-Übstunden im Fünf- bis Sechswochenrhythmus abwechselten. Schon bald wurde das Prinzip auf weitere Fächer übertragen und es entstand ein zweites Epochenband mit dreiwöchigen Epochen, die in etwa einer Jahreswochenstunde entsprechen. Zwei Wochenstunden Musik entsprechen also zwei Musikepochen im Jahr.

Klassenübergreifendes Lernen


Diese Umstellung brachte neben anderen positiven Effekten auch eine große Erleichterung für die Epochenplaner:innen mit sich. Da alle Fächer gleichwertig behandelt wurden, ergab sich bei der Verteilung der Lehrkräfte auf zwei Schienen mehr Spielraum. Nun mussten nicht alle Fächer, die in Epochen unterrichtet werden zwischen 8 und 10 Uhr untergebracht werden. Das hat gerade dort, wo Lehrkräfte viele Fächer in mehreren Klassen unterrichten, für Entspannung gesorgt. 

In den handwerklich-künstlerischen Fächern gab es Variationen: In der zehnten Klasse gab es Epochen in Druckgrafik und Zeichnen, die parallel zu Englisch lagen, da beide Fächer in halben Klassen stattfanden. Dies ermöglichte zudem, dass Motive aus dem Sprachunterricht im Kunstunterricht aufgegriffen werden konnten.

In der neunten Klasse wurden die Stunden für Korbflechten, Spinnen und Weben sowie Tischlern zu einem dreiwöchigen, ganztägigen Block zusammengelegt, in dem die Schüler:innen nun je eine Woche lang täglich in die unterschiedlichen handwerklichen Tätigkeiten eintauchen konnten. Das führte zu einem sehr intensiven Erleben der Arbeitsprozesse, aber auch zu beeindruckenden und für die Schüler:innen sehr befriedigenden Ergebnissen.

An meiner jetzigen Schule wurde das Epochenprinzip seit Beginn der Oberstufe auf fast alle Fächer ausgeweitet. Dabei gibt es unterschiedliche Epochenstrukturen: zwei «Hauptunterrichtsschienen» für alle kognitiven Fächer am Vormittag, in der Mittagsschiene von Montag bis Mittwoch die künstlerisch-handwerklichen Fächer und Donnerstag und Freitag Musik, Theater und Eurythmie abwechselnd jeweils einige Wochen, und nachmittags dann mehrwöchige Blöcke mit Mathe- und Deutsch-Übstunden. Bei den Schüler:innen besonders beliebt sind klassenübergreifende Lerngruppen, wie es sie zum Beispiel bei einem großen dreiwöchigen Projekt mit Theater, Tanz und Musik gibt.

Ziel dieser Umgestaltung war es, der Fragmentierung entgegenzuwirken, Lernprozesse zu intensivieren, Konzentration zu fördern und Unterricht als Lernraum für Schüler:innen zu verbessern. Das Ergebnis ist eindeutig positiv. Gleichzeitig ist eine deutliche Entlastung der Fachlehrkräfte sichtbar.

Plötzlich ist da Zeit


Ich habe erlebt, was es bedeutet, als Fachlehrerin – in meinem Fall Englisch – in sechs oder sieben verschiedenen Klassen beziehungsweise Lerngruppen jeweils drei Fachstunden pro Woche zu unterrichten. Ich kenne die Sprünge zwischen den Altersstufen, von der elften in die vierte und dann wieder in die zehnte Klasse. Und ich erinnere gut, dass ich beim Vorbereiten immer wieder an den Punkt kam, mich auf einzelne Klassen zu konzentrieren, während andere eine Weile «nebenbei» laufen mussten. Es war mir schlichtweg nicht möglich, so viele Lerngruppen – gleichbedeutend mit, je nach Gruppenstärke, 140 bis 200 Schüler:innen – gleichzeitig aktiv im Bewusstsein zu halten. Gerade in den ersten Jahren führte das immer wieder zu Überforderung und Stress.

Was für eine Erleichterung sind da die Epochen! Ich habe zwei, maximal drei Oberstufenklassen parallel und kann wirklich in die Themen eintauchen. Die Zahl der Schüler:innen, mit denen ich gleichzeitig in Kontakt bin, hat sich deutlich reduziert, während die Beziehungen durch die täglichen Doppelstunden mehr Zeit haben, sich zu entwickeln. Insgesamt führt das dazu, dass ich intensiver und gezielter auf einzelne Jugendliche eingehen kann.

Am entscheidendsten ist für mich aber der Effekt auf den Unterricht selbst. Plötzlich ist da das Gefühl von Zeit! Zeit, mit ein paar kreativen Übungen oder einem Spiel den Schüler:innen den Wechsel in eine andere Sprache zu erleichtern. Zeit, um einen längeren Text oder eine Szene aus einem Theaterstück kennenzulernen. Zeit, damit die Jugendlichen sich in Gruppenarbeit intensiv in die Aufgabe vertiefen können. Und sogar noch Zeit für einen Austausch erster Ergebnisse im Plenum.

In meinem zweiten Fach, Biologie, hatte ich all diese Vorzüge bereits kennen und schätzen gelernt, und ich hatte nie verstanden, warum das, was für den Lernprozess in den klassischen Epochenfächern gilt und dort als Waldorfansatz hoch gepriesen ist, für die sogenannten Fachunterrichte nicht zutreffen sollte. Nun kann ich auch im Englischunterricht phänomenologisch arbeiten – mit genügend Zeit für die verschiedenen Phasen des Lernprozesses und Zeit für kreative Prozesse und selbstständiges Arbeiten. Die Intensität der dadurch möglichen Lernprozesse ist frappierend und macht die Zeitspannen, in denen die Schüler:innen zwischen den Epochen keinen Sprachunterricht haben, allemal wett. Zudem gibt es nun keinen Stundenausfall durch Klassenfahrten, Projekte oder Praktika mehr, da diese bereits im Vorfeld eingeplant wurden.

Spiel- und Resonanzräume


Und auch für die Jugendlichen ist eine deutliche Entschleunigung spürbar. Sie haben drei Fächer aus dem sprachlich-naturwissenschaftlich-gesellschaftskundlichen Spektrum sowie ein künstlerisch-handwerkliches beziehungsweise musisches Fach am Tag. Nur Sport wird weiterhin in wöchentlichen Doppelstunden unterrichtet. Es sind Spielräume entstanden, die Experimente ermöglichen, Resonanzräume, die zum Eintauchen einladen. Der Epochenplan ist flexibler geworden und bietet damit auch Entlastungsmöglichkeiten, zum Beispiel für Lehrkräfte, die aus unterschiedlichen Gründen lieber erst ab 10 Uhr unterrichten wollen. Aber auch jahrgangsübergreifende Gruppen und Wahlfächer sind möglich. Was mich besonders freut, ist, dass wir dieses Prinzip bis in die Studienstufe hinein, also auch in den Klassenstufen 12 und 13, verwirklichen konnten. Schließlich ist es hier besonders wichtig, dass die Jugendlichen nicht nur defensiv für die Prüfungen lernen, sondern dass wir Lernräume so gestalten und strukturieren, dass die jungen Menschen transformierende Lernerfahrungen machen und bis zum Ende ihrer Zeit an der Waldorfschule nachhaltig und expansiv lernen dürfen – und zwar in allen Fächern. 

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