Abschluss des ersten Ausbildungsjahres im Juli 2025 in der Freien Waldorfschule Frankfurt. Sitzend: die Auszubildenden, stehend die Dozent:innen und das Orga-Team des Seminars für Waldorfpädagogik.
«Eurythmieunterricht ist ein Indikator für die Qualität einer Waldorfschule», so Heiko Feiler, Eurythmielehrer an der Freien Waldorfschule Frankfurt am Main und Dozent der Dualen Eurythmieausbildung. Da, wo die Eurythmie blühe und gedeihe, da seien das soziale Miteinander und die Gemeinschaft an einer Schule intakt und lebendig, so Feiler weiter. Nur: Damit wir von einer Qualität des Fachs Eurythmie sprechen können, muss die Eurythmie an Schulen weiter gelehrt werden. Und das ist das Problem. An manchen Schulen muss der Eurythmieunterricht bereits aufgrund des Personalmangels ausfallen. Etwa jede zweite Waldorfschule in Hessen sucht aktuell Eurythmielehrer:innen. Das ergab eine Umfrage, welche die Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen Hessen (LAG) im Frühjahr 2025 in Auftrag gegeben hat.
Das Seminar für Waldorfpädagogik in Frankfurt am Main hat auf diesen Notstand reagiert und die Duale Eurythmieausbildung ins Leben gerufen. «In Hessen gibt es sehr aktive Eurythmist:innen, die sich regelmäßig austauschen. Da wurde das Dilemma immer deutlicher, wie sehr es an Nachwuchskräften mangelt. So entstand die Idee, dass wir eine Ausbildung anbieten sollten, die berufsbegleitend ist, die praxisnah ist und die den Schwerpunkt auf die Pädagogik legt», sagt Eva Wörner, Geschäftsführerin und Dozentin des Seminars in Frankfurt. Dabei sei klar, dass die klassische Eurythmieausbildung umfassender sei, so Wörner. Dort gehe es um die Eurythmie als Kunst. Aber um den Lebensumständen von heute gerecht zu werden, schien es nötig, eine attraktive Alternative anzubieten. Silke Redel ist Seminaristin in der fünfjährigen Dualen Eurythmieausbildung und möchte gerne Eurythmielehrerin werden. «Ich arbeite noch in meinem alten Beruf, habe Kinder und könnte die klassische Eurythmieausildung vom Umfang her gar nicht stemmen. Für mich ist das eine große Chance, dass es diese duale Ausbildung in Frankfurt gibt», sagt die Seminaristin, die selbst auf einer Waldorfschule war, aber auch die staatliche Schule kennt. Eurythmie war und ist für sie ein wichtiges Fach, weil es so viele Eigenschaften schulen würde, die gerade für die Kinder heutzutage wichtig seien: soziale Kompetenz, Präsenz im Raum, Selbst- und Umfeldwahrnehmung, Selbstbewusstsein, Willensschulung.
Bevor die Duale Eurythmieausbildung im Herbst 2024 an den Start ging, mussten von den Initiator:innen Heiko Feiler, Regine Basfeld und Ursula Kilthau einige Hürden genommen werden. «Es gibt sehr strenge Vorgaben, die zentral in Dornach/Schweiz gesteuert werden», so Wörner. Die dortige Sektion für Redende und Musizierende Künste ist für die Eurythmie zuständig. Es wurde dann ein Curriculum ausgearbeitet, in dem viele Details geklärt wurden, etwa Zeitraum, Inhalt, Zeitstruktur und so weiter. «Wir sind in Dornach auf offene Türen gestoßen und haben dort sozusagen den Segen für dieses Novum an Eurythmieausbildung bekommen», erzählt Wörner. Trotzdem gab und gibt es auch Gegenwind. Die klassische Eurythmieausbildung hat einen sehr hohen Qualitätsanspruch. Eine duale Ausbildung in fünf Jahren könne da nicht mithalten, heißt es von Kritiker:innen aus der Eurythmieszene.
Das Konzept aus Frankfurt ist ein Pilotprojekt, das Mut zeigt und zukunftsgerichtet ist, damit das Fach nicht ausstirbt. «Den Körper immer weiter schulen, dieses lebenslange Lernen – das ist das Credo der Waldorfpädagogik und passt zu unserem Konzept», so Wörner. Um die Ausbildung finanzieren zu können, gab es eine Anschubfinanzierung von einer Stiftung. Das Seminar Frankfurt musste dazu außerdem einen Antrag beim Ausbildungs- und Finanzierungsrat beim Bund der Freien Waldorfschulen stellen. Es wurden alle Kriterien erfüllt und somit konnte es im September 2024 losgehen. Es bestehe immer noch ein enger Austausch zwischen dem Bund der Freien Waldorfschulen und dem Seminar Frankfurt, so Wörner. Man traf sich beispielsweise zum Trimesterabschluss; dies sei auch eine Form der Qualitätskontrolle.
«Für die Seminarist:innen ist uns wichtig, dass in der Ausbildung der Bogen vom Kindergarten bis zur zwölften Klasse gespannt wird und die Teilnehmenden wissen, welche Inhalte sie wann brauchen», sagt Wörner. Die Schulen können ihre künftigen Kolleg:innen quasi selbst ausbilden, weil die Seminarist:innen von Beginn der Ausbildung an direkt im Unterricht sind.
Die Bilanz nach einem Jahr: Das Projekt spricht sich rum! Anfragen aus Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz erreichen das Seminar in Frankfurt. «Wir freuen uns über die Anfragen von Kolleg:innen, die gerne mit uns kooperieren möchten», so Feiler. «Wir leben in einer Gesellschaft, die sich immer weniger bewegt. Das Fach Eurythmie ist eine Bewegungskunst, die nicht aussterben darf. Wir sehen diese duale Ausbildung als innovative Maßnahme, um Eurythmielehrer:innen zu gewinnen. Das Duale ist die Zukunft. Praxis und Theorie müssen sich enger verzahnen, und das gelingt uns mit diesem neuen Profil.»
Mehr Infos auf lehrerseminar-frankfurt.de und bei TafelTalk – der Podcast#6.
Auch das Südbayerische Seminar für Waldorfpädagogik in München bietet einen Eurythmie Studiengang, der nebenberuflich absolviert werden kann.
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