Ausgabe 11/26

Jede:r könnte Lennart sein

Anne Brockmann
Das selbstverfasste Theaterstück begleitet den medienabhängigen Lennart von den Anfängen seiner Mediensucht bis in die Kinder- und Jugendpsychiatrie.


Vier Ärztinnen stehen im Halbkreis. In ihrem Rücken spielen fünf Jugendliche Karten. Die Medizinerinnen werfen immer wieder Blicke in eine Patientenakte und tauschen sich über den Neuzugang auf Station 7 ihrer Kinder- und Jugendpsychiatrie aus. «Sieht nach Suchterkrankung aus. Seine Augen sprechen Bände», mutmaßt eine Ärztin. «Seit Tagen nicht durchgeschlafen. Blutbild katastrophal», ergänzt eine andere. «Ernährt sich von blauem Licht, Fastfood und ‘ner Kiste Energy-Drinks», stellt die erste noch hinzu. Und eine weitere sagt: «Ist extrem unruhig. Tics, Händezucken, Lidschlag außer Kontrolle.» Die Rede ist von Lennart, einem zwölfjährigen Jungen, dessen Leben außer Kontrolle geraten ist, nachdem er immer mehr Zeit vor dem Computer verbracht hat. Lennart ist der Protagonist eines Theaterstücks zum Thema Mediensucht, das eigens für die damalige sechste Klasse der Waldorfschule am Illerblick in Ulm geschrieben wurde. Einzelne Passagen haben die jetzigen Achtklässler:innen selbst beigesteuert. Alexandra Reiser arbeitet gern handlungspädagogisch und legt großen Wert darauf, dass Medienbildung als etwas Lebendiges erfahrbar wird, das die Jugendlichen aktiv mitgestalten. Über mehrere Monate hinweg begleiteten sie und die Klassenlehrerin Ina Pietzsch den Prozess rund um das Theaterstück, probten mit der Klasse, entwickelten Szenen weiter und verfeinerten Abläufe – bis aus der ersten Idee Schritt für Schritt ein vollständiges Bühnenwerk entstand. Dabei unterstützt haben der Theaterpädagoge Wilfried Kessler und Franziska Heese, die Mutter einer Schülerin.

#Eine Woche ohne
 

Um ins Thema zu finden und später eigene Erfahrungen einbringen zu können, startete das Projekt mit einer besonderen Herausforderung: Nach manchem Für und Wider einigte sich die Klasse darauf, eine Woche lang aufs Handy zu verzichten. Mit dabei war auch Klara. Sie sagt: «Ich hatte das Gefühl, manchen von uns ist das echt schwergefallen. Vor allem die Jungs haben in dieser Zeit noch viel mehr übers Zocken geredet als sonst.» Ihr Mitschüler Jakob ergänzt, dass nicht alle die Woche ohne Handy durchgehalten haben. In schwierigen Momenten hätten einige von ihnen nach Gründen gesucht, das Handy trotzdem zu nutzen. Beide Jugendlichen haben erst seit einem dreiviertel Jahr ein eigenes Handy, sie lebten zum Zeitpunkt des Selbstversuchs also noch ohne. «Ich wollte lange keins, weil ich an einer Freundin erlebt habe, was es mit ihr macht. Sie hängt ständig dran – auch wenn wir zusammen sind – und ist gar nicht richtig da», erzählt die Schülerin.

Die schnelle Belohnung


Ähnlich ergeht es im Theaterstück auch Lennart. Was als harmloser Zeitvertreib beginnt, bestimmt bald sein ganzes Leben. Er vernachlässigt Hobbies, Familie, Freunde und die Schule. Einsehen tut er das nicht. «Süchtig?», fragt ihn ein anderer Jugendlicher in der Psychiatrie beim Kartenspielen. «Quatsch. Meine Alte hat mich hergebracht», gibt Lennart zur Antwort. Er schwankt zwischen Müdigkeit, Desinteresse, Gereizt-Sein, Hilflosigkeit und Aggression. Damit stellt er sich selbst, sein Umfeld und auch die Profis in der Klinik vor eine schwere Aufgabe. Lennarts innere Zerrissenheit verkörpern im Stück sogenannte Licht- und Schattenkräfte, die jeweils als Chöre aus dem Off zu ihm sprechen. So raten die Lichtkräfte ihm etwa: «Mach Schluss mit dem Spiel. Ist doch stinklangweilig. Komm lieber mit raus.» Die Schattenkräfte halten dagegen: «Weiter. Mach weiter. Los! Du besiegst ihn noch. Hier kannst du immer der Sieger sein!»

Die einzigen, die Lennarts Zustand kein bisschen stört, sind ein paar geschniegelte Damen und Herren in feinen Anzügen: Spieleentwickler, Gerätehersteller, die Besitzer:innen von Sozialen Medien. Sie verfolgen amüsiert, wie ihre Strategien aufgehen, wie Lennart sich an den schnellen, einfach zu habenden Belohnungen in den virtuellen Welten erfreut, wie er immer mehr davon will. Triumphierend reiben sie sich die Hände und horten das Geld, das durch junge Menschen wie Lennart in ihre Taschen fließt. «Das war ein wichtiger Teil des Unterrichts: Darüber aufzuklären, welche süchtig-machenden Eigenschaften in digitalen Medien stecken und wie sie funktionieren», berichtet Reiser. Die Schwestern Julia und Johanna ergänzen: «Wir haben gelernt, wie Sucht entstehen kann, woran man sie erkennt und welche Rolle Persönlichkeit, Lebensumstände und Bezugspersonen spielen.»

Hinschauen bitte
 

Die Bezugspersonen tauchen vor allem auf einem Plakat auf, auf dem die Jugendlichen Dinge zusammengetragen haben, die einer Mediensucht in ihren Augen vorbeugen können. Tragfähige Beziehungen zu Freund:innen und Familienmitgliedern stehen im Ranking dabei an den Stellen 1 und 3. Auf Rang 2: Sport. Und noch etwas haben die jungen Schauspieler:innen festgehalten – zähneknirschend zum Teil, aber doch aus einer inneren Überzeugung heraus: Sie wünschen sich, dass ihre Eltern hinschauen. Julia, Johanna, Jakob und Klara sind sich einig: Sie würden es selbst nicht merken, wenn ihnen ihr Medienkonsum gefährlich entgleitet. Oder nicht rechtzeitig zumindest. Kontrolle von außen sei deshalb wichtig – auch wenn sie nervt. Das hätte Lennart sie gelehrt. Sie ahnen: Lennart könnte jede:r sein. Mit dem Theaterstück hat die Klasse beim Schülermedienpreis des Landes Baden-Württemberg im Juli den Sonderpreis für Besonderes medienpädagogisches Engagement gewonnen. 

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