Am Anfang höre ich die Oud, die bundlose arabische Kurzhalslaute. Nicht wirklich. Mehyar Abboud spielt sie mir nicht vor, wir sprechen am Telefon. Doch während er von seiner Kindheit in Masyaf im Westen Syriens erzählt, entsteht ihr Klang in meinem Kopf: tiefe Saiten, darüber Töne, die sich winden und verzieren, sich entfernen und wieder nach Hause finden. Abends kamen damals Freund:innen seines Vaters ins Haus. Eine Person sang, eine andere spielte Trommel oder Oud. Manchmal liefen Kassetten oder CDs, dann sang wieder jemand selbst. «Das fand fast in jedem Haus statt», sagt Mehyar. Auch sein Vater und seine Mutter sangen. Musik war kein Fach, das zu einer bestimmten Stunde begann. Sie war einfach da – wie das Essen auf dem Tisch oder Menschen, die ohne Termin durch die Tür kamen. Ausgerechnet Mehyar wollte als Kind Klavier spielen lernen. Sein Vater bestand auf der Oud. Der Sohn gehorchte, begeistert war er nicht. Heute ist sie sein Instrument – und sie trägt die Spuren seines Lebens.
Als Mehyar 2015 mit seinem Bruder von der Türkei nach Griechenland fliehen will, nimmt die Polizei die beiden fest. Ein Beamter schlägt mit der Faust auf die Oud, das Holz bricht. Die Brüder müssen zurück in die Türkei. Mehyar lässt das Instrument reparieren und spielt es bis heute. Sein Cello dagegen bleibt in Istanbul. Neun Monate hat er dort gelebt und auf der Straße gespielt. Vor der Weiterreise schenkt er es einer Freundin, die ihm geholfen hat und Cello lernen möchte. Wer Mehyar zuhört, könnte darin eine Geschichte des Verlusts hören. Er selbst erzählt sie anders: «Dieser Fluchtweg war für mich heilig. Er hat mich geheilt.»
Befreiung und Begegnung
Schon der Augenblick, in dem er im November 2014 in Tartus ein Schiff in Richtung Türkei besteigt, fühlt sich für ihn wie eine Befreiung an. Das Assad-Regime zieht junge Männer in den Krieg. Mehyar will weder töten noch getötet werden. Noch schwerer wiegt für ihn das Misstrauen, das der Krieg zwischen den Menschen gesät hat. Als das Schiff ablegt, fällt diese Last von ihm ab. Mehyar sucht im Gespräch nach einem Bild und findet eines, das größer kaum sein könnte: «Es war, als wäre ein Planet von meinen Schultern gegangen. Nicht ein Berg. Ein Planet.» Vielleicht erklärt diese Erfahrung, warum er heute so viel von Begegnung spricht.
Nach seiner Ankunft in Berlin arbeitet er bei MitMachMusik mit geflüchteten und deutschen Kindern. Damals spricht Deutschland viel über Integration. Mehyar hört darin oft eine Botschaft, die ihm nicht gefällt: «Wir geben euch etwas, und ihr nehmt.» Hier die Gesellschaft, die etwas besitzt, dort die Neuankömmlinge, die es empfangen sollen. Beim Musizieren mit Kindern erlebt er das Gegenteil. Eine Person spielt, eine andere hört zu und antwortet. Jemand bringt einen Rhythmus mit, jemand anderes eine Melodie. Die Rollen wechseln, Geben und Nehmen lassen sich kaum noch auseinanderhalten.
Lernen mit den Ohren
Auch deshalb ist Musik für Mehyar mehr als ein Unterrichtsfach. In Syrien hat er sie vor allem mit den Ohren gelernt. Eine Lehrkraft spielt vor, Schüler:innen hören zu, ahmen nach und erinnern sich. Das Notenblatt kommt, wenn überhaupt, später. Diese Art des Lernens begegnet ihm wieder, als eine Musiklehrerin ihn an eine Waldorfschule bringt. Mehyar hospitiert – und staunt. Seine eigene Schulzeit in Syrien beschreibt er mit wenigen Worten: Gewalt, Gehorsam, Auswendiglernen. Lehrkräfte schlugen Kinder, die eigene Meinung zählte wenig. In der Waldorfschule erlebt er Schüler:innen, die widersprechen, entscheiden und ihren eigenen Kopf zeigen. «Sie wussten, was sie wollten.»
Dann sagt er einen Satz, den ich mir sofort notiere: «Die Schüler:innen sahen gar nicht ähnlich aus.» Er meint nicht ihre Gesichter oder ihre Kleidung, sondern ihre Individualität. Diese Erfahrung führt ihn schließlich zum Studium der Waldorfpädagogik. An der Freien Hochschule Stuttgart schließt er 2025 seine Masterarbeit im Fach Musikpädagogik ab. «Die Waldorfpädagogik war ein offenes Herz für mich», sagt er. Gerade deshalb schaut er genau hin, wo dieses Herz noch nicht weit genug geöffnet ist.
Töne zwischen den Tasten
An der Hochschule beschäftigt sich Mehyar mit europäischer Klassik, mit Volksliedern, Jazz, Blues und Pop. Vieles davon liebt er selbst. Doch ihm fehlt nicht einfach ein arabisches Lied im Repertoire, sondern eine ganze Art zu hören. Ein arabisches Lied wird nicht dadurch zu einer Begegnung mit arabischer Musik, dass sein Text arabisch ist. Werden nur Melodien gewählt, die sich problemlos in Dur und Moll spielen lassen, bleibt das vertraute Tonsystem unangetastet. Mehyar möchte genau dort weitergehen.
Arabische Musik kennt die Maqāmāt: melodische Modi mit eigenen Tonbeziehungen und charakteristischen Wendungen. Manche Töne liegen dort, wo ein Klavier keine Taste hat. Das westlich geschulte Ohr muss erst lernen, diese Zwischentöne zu hören. Als Beispiel nennt Mehyar den Maqām Rast und sucht wieder nach einem Bild: Wenn Dur blau wäre und Moll rot, sagt er, dann könnte Rast gelb oder grün sein. Das ist keine musiktheoretische Definition. Doch plötzlich kann ich mir vorstellen, was er meint: Neben den vertrauten Farben gibt es weitere.
Zwei musikalische Wege finden zusammen
Aus dieser Beobachtung entwickelt Mehyar das Thema seiner Masterarbeit. Er erstellt ein Arbeitsheft, mit dem auch Waldorfmusiklehrer:innen ohne Vorkenntnisse in arabischer Musik einen Zugang zu ihr finden sollen. Im Februar 2025 erprobt er es zwei Tage lang mit angehenden Musiklehrkräften und Dozent:innen an der Freien Hochschule Stuttgart. Bemerkenswert ist sein Vorgehen: Er beginnt nicht mit der Theorie, sondern mit dem Erleben. Die Teilnehmenden hören, singen, ahmen nach, klopfen Rhythmen und improvisieren. Erst danach versuchen sie zu verstehen, was sie gerade gemacht haben. Hier finden zwei Wege zueinander: die musikalische Überlieferung seiner Kindheit und die Waldorfpädagogik.
Bei Erwachsenen stößt dieser Weg allerdings auf Grenzen. Mikrotonale Intervalle sind für westlich geschulte Ohren ungewohnt. Kinder scheinen damit weniger Mühe zu haben. Mehyar erzählt von einer Berliner Unterstufe, der er eine mikrotonale Melodie vorsang. Die Kinder hörten zu und sangen sie nach. «Nach nicht einmal fünf Minuten», sagt er. Vielleicht liegt darin der Kern seines Anliegens: Nicht alles Fremde muss erklärt werden, bevor wir ihm begegnen können. Manches müssen wir zunächst fühlen und hören.
Musik gehört nicht zu einem Pass
Mehyar möchte arabische Musik nicht für arabische Kinder reservieren. «Manche deutschen Kinder fühlen sich mit arabischer Musik verbunden und nicht mit klassischer Musik.» Musik gehört für ihn nicht zu einem Pass. Deshalb spricht er von Transkulturalität. Das Wort klingt akademisch, die Idee ist einfach: Menschen und Kulturen begegnen sich nicht nur, sie verändern einander.
Heute arbeitet Mehyar als Erzieher in einer Berliner Kindertagesstätte, entwickelt sein Arbeitsheft weiter und möchte Musiklehrer:innen fortbilden. Seine Frage an die Waldorfpädagogik ergibt sich beinahe zwangsläufig aus dem, was ihn einst selbst an ihr faszinierte: Wenn Kinder verschieden sein dürfen – warum sollte dann ausgerechnet unser Hören so einheitlich bleiben? Die Waldorfpädagogik hat Mehyar Abboud eine Tür geöffnet. Nun kommt er mit seiner Oud zurück und hält sie von der anderen Seite offen.
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