Ausgabe 01-02/24

Julius und das Totenkopfabzeichen

Renee Herrnkind

Wenn ein Knirps mit vier Schwimmabzeichen auf der blau-weiß gestreiften Badehose ins Freibad kommt, fällt das natürlich auf. Schwimmmeister Horst-Werner Korth im Freibad in Hannover-Leinhausen konnte also gar nicht anders, als den damals achtjährigen Julius Paul anzusprechen. «Jetzt fehlt dir noch das Totenkopf-Schwimmabzeichen», flachste er. Davon hatten Julius und seine Mutter Sabine Paul noch nie gehört. Aber einen Totenkopf auf der Badehose fand Julius so cool, dass er nicht lange zögerte. Zusammen mit seiner Mutter ging‘s kurz entschlossen ins Schwimmbecken. Da galt es, eine ganze Stunde lang ohne Pause zu schwimmen. «War gar nicht anstrengend», schmunzelt der Drittklässler aus der Waldorfschule am Maschsee. Sabine Paul gesteht: «Ich war deutlich erschöpfter als mein Sohn». Bahn um Bahn zog das Duo seine Runden, Julius wechselte ab zwischen Brust- und Rückenschwimmen. Der staunende Schwimmmeister alarmierte eilends seine Frau, die prompt das begehrte Abzeichen ins Freibad brachte.

Mit fünf Jahren startete Julius im Schwimmverein. «Schwimmen können ist schon wichtig,» erklärt er mit ernsthaftem Blick hinter seiner strahlend blauen Brille. Trotz der Corona-Zwangspause war dann 2021 die Prüfung zum Seepferdchen keine echte Herausforderung. Ein Jahr später nähte Sabine Paul das Bronze-Abzeichen, das dem früheren Freischwimmer entspricht, auf die Badehose und auch das silberne ließ nicht lange auf sich warten. Der Seeräuber komplettierte das Quartett. «Der musste einfach sein, denn der Pirat da drauf gefällt mir», verrät Julius. Für den sportlichen kleinen Kerl waren die Aufgaben für das Silberne Abzeichen die größte Herausforderung. «Da musste ich zehn Meter Streckentauchen. Das war anstrengend.» Einen Ring aus zwei Meter Tiefe hochzuholen, blieb dagegen ein reines Kinderspiel. Fast so wie die Ausdauerleistung für den Totenkopf. Gruselig findet Julius dieses Emblem auf seiner Hose nicht. «Der ist doch cool», betont er. Und stolz ist er auf seine Schwimmerfolge durchaus. Aber eine Schwimmer-Karriere mit olympischen Ambitionen hat der Schüler nicht im Blick. Wenn er vom Dreier springt oder einen gekonnten Köpfer vom Ein-Meter-Brett macht, ist das der reine Spaß. Und die Urkunde für den vierten Platz bei seinem Turnier im Schwimmverein bleibt als schöne Erinnerung im Ordner.

Der inzwischen neunjährige hat gerade erst die Freude am Karate-Sport entdeckt und das Schwimmen zurückgestellt. Während Mutter Sabine und Vater Helge Paul nicht besonders sportlich sind, ist Julius ausgesprochen experimentierfreudig. Angeregt durch seine Tante, läuft er bei Kinder-Straßenläufen mit und hat sogar schon den Kindermarathon mit 1.000 Metern absolviert. Auch in der Waldorfschule am Maschsee gehört Sport zu den Lieblingsfächern.
«Außerdem finde ich Handarbeiten richtig gut und Musik. Am wenigsten mag ich Mathe», zählt Julius auf. Die Familie Paul wohnt in Hannovers Südstadt, nicht weit von der Schule, die deshalb gut mit dem Roller zu erreichen ist. Die ersten anderthalb Schuljahre absolvierte Julius in einer Montessorischule. «Da wird viel Wert auf selbstständiges Arbeiten gelegt und Julius mit seinen vielfältigen Interessen gelang es nicht so gut, an einer Sache dranzubleiben», beschreibt Mutter Sabine ihre Erfahrungen. In der Waldorfschule profitiert ihr Sohn von der klaren Struktur. Die Eingewöhnung war reibungslos – nicht zuletzt dank der «supernetten» Klassenlehrerin und den schnell geschlossenen Freundschaften. «Ich sitze neben Charlotta,» erzählt Julius, «und Hanna ist wie ich auch in Karate.»

Neben dem Sport ist das Geigenspiel Julius großes Hobby. Er ist im Schulorchester ebenso freudig dabei wie im Orchester der Musikschule. «Er hat schon recht viele Termine, aber wenn wir fragen, ob er nicht etwas kürzertreten will, ist Julius verwundert, denn er macht alles mit Spaß», gewährt Sabine Paul Einblick ins Familienleben. «Und wenn es ihm zu viel werden sollte, werden wir die Signale erkennen.» Julius ist sich sicher: «Das sage ich dann schon rechtzeitig.» Noch ist genug Zeit, mit rot-weißen Absperrbändern und den Lübecker Hütchen zu spielen, Freund:innen zu treffen oder die erste kunterbunte Mütze fertig zu stricken.

Julius außergewöhnliche Schwimmleistung ist nicht nur im Freundeskreis aufgefallen, auch die Hannoveraner Verkehrsbetriebe «Üstra» sind auf ihn aufmerksam geworden. Im Interview mit der «Hannoverschen Allgemeine Zeitung» hat der Totenkopf-Schwimm-abzeichen-Träger als Berufswunsch nämlich verraten, Üstra-Fahrer werden zu wollen. «Im Straßenbahnmuseum bin ich sogar schon selbst eine Straßenbahn gefahren. Den Sitz konnte ich passend verstellen», strahlt Julius. Und ist begeistert, dass er dank der Veröffentlichung rund um seine Stunde Schwimmen bei der Üstra einen Überraschungstag verbringen durfte. In der Werkstatt bekam er Einblick in die Wartung von Bussen und Straßenbahnen, der Fahrlehrer weihte ihn in die Geheimnisse von Lenkung, Gas und Bremse ein und im Betriebshof drehte Julius eine Runde am Steuer. «Das war eigentlich das Beste am Totenkopf-Schwimmabzeichen», kommentiert der sportliche Junge. Ihm ist gar nicht klar, wie außergewöhnlich es ist, wenn ein Grundschüler bereits so viele Schwimmabzeichen geschafft hat – und das in Zeiten, in denen immer weniger Kinder lernen, sich sicher über Wasser zu halten.

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