Es ist ein grauer Freitag. Am Salzwedeler Bahnhof holt mich Ole Müggenburg mit dem Auto ab. «Hi Heidi! Tut mir leid, ich bin total erkältet», warnt er mich und verfrachtet meinen Rucksack in den Kofferraum, ehe wir vierzig Minuten durch Heidelandschaften und Kiefernwälder fahren. Ole Müggenburg ist Unternehmenssprecher bei Voelkel und hält mit seiner Begeisterung von seinem Arbeitgeber nicht zurück. Ich reise zum ersten Mal durchs Wendland. So viel Platz, so viel Nichts, kaum vorstellbar, dass in diese Gegend jeden Frühsommer tausende Besucher:innen aus dem ganzen Land zur Kulturellen Landpartie strömen. Und wir fahren weiter. Die Strecke fühlt sich lang an. «Hier kommt gleich der Grenzturm. Die Dörfer dahinter waren Teil der DDR, da sieht es plötzlich ganz anders aus», sagt Ole. Aus dem Gebläse der Autoheizung pustet es warm, Ole erzählt und erzählt – mit heiserer Stimme. Von der Geschichte des Unternehmens, von heutigen Kooperationen, der Atmosphäre unter den Mitarbeiter:innen. Ich wünsche mir, im Auto schwindelfrei Notizen machen zu können und versuche mir alles zu merken, so dicht aneinandergereiht wehen die Informationen in mein Ohr, während wir uns in Richtung Elbe durch das Wendland schlängeln. «Kennst du unseren samenfesten Möhrensaft», fragt er mich. «Den was?», frage ich zurück. «Den probierst du mal später, das ist eine komplett andere Kiste.» Angekommen im Betrieb, es scheint, als fänden wir uns in einem kleinen Voelkel-Dörfchen wieder, holt Ole schon direkt eine Flasche gekühlten Möhrensaft. Den samenfesten. «Hier, probier mal», sagt er, während er was vom flüssigen Quietschorange ins Glas einschenkt. Ich setze an und merke, wie meine Erwartungen steigen. Und dennoch, wie könnte mich Saft aus einem profanen Gemüse wie der Karotte so vom Hocker reißen? Ich nehme einen Schluck und bin überrascht – der Möhrentrunk fühlt sich nicht nur samtig an, sondern schmeckt auch so. Dezent süßlich, etwas nussig, erinnert er mich direkt an Kindheit, an Möhren aus Opas Garten. Die mit Geschmack. Nicht jene aus dem Supermarkt, die roh im Salat oder in der Falafelrolle eher aus kau-haptischen und farblichen Gründen landen als ihres Aromas wegen.
Samenfeste Sorten
Würde mir der Saft auch so gut schmecken, wenn ich nichts über ihn wüsste? Die Antwort kenne ich nicht, aber ich weiß: Hinter der Absicht, samenfeste Sorten anzupflanzen und zu verarbeiten, steht eine gewisse Überzeugung und ein Impuls, der Gutes will und weit reicht. Samenfeste Pflanzensorten sind genetisch unverändert. Ihre Samen können aufbewahrt und im nächsten Jahr wieder ausgesät werden, die Pflanze behält die Eigenschaften ihrer Vorgänger. Sie gibt es in großer Vielfalt. Das bedeutet auch Widerstandsfähigkeit gegen Schädlinge, Krankheiten und Klimaveränderungen. Die Bäuer:innen können ihr Saatgut selbst vermehren und sind nicht von patentiertem Saatgut großer Konzerne abhängig, alte und regionale Sorten können bewahrt und kultiviert werden. Darüber hinaus ist eine samenfeste Möhre reicher an Geschmack und Nährstoffen. «Bei Bio-Lebensmitteln gehen die Konsumenten davon aus, dass alles bio ist, auch das Saatgut», so Boris Voelkel. «Keiner würde da an Monsanto, Bayer oder BASF denken.» Doch auch von diesen Firmen stammt mitunter Saatgut, das in der ökologischen Landwirtschaft eingesetzt wird. Diese ist also vielerorts noch von der konventionellen Landwirtschaft abhängig. Es braucht Pioniere, um die Agrarwende zu schaffen.
Ernte nach der Arbeit von drei Generationen
Läuft man an den Getränkeregalen im Bioladen vorbei, blitzt einem überall der rote Voelkel-Schriftzug in Anthro-Typo entgegen. Über 250 verschiedene Produkte, darunter auch Hafermilch, Apfelessig und Granatapfelsirup, füllt das Familienunternehmen heute je nach Jahreszeit und Verfügbarkeit in Flaschen ab. Und jedes Jahr kommt Neues dazu. Voelkel bedeutet heute nicht mehr Sauerkraut- und Sanddorn-Muttersaft – allemal gesund, aber definitiv öko-nischig und vor allem unter Heilfasten-Fans bekannt –, heute werden neben heimischen Obst -und Gemüsesorten auch tropische Früchte gepresst und abgefüllt, moderne Lifestyle-Präferenzen und Getränketrends in Rezepturen aufgenommen, und das nicht Jahre nach deren Aufkommen, sondern in Pionierrolle. Ob konzentrierter Ingwer und Kurkuma in Shot-Fläschchen, verschiedene ungewöhnliche Saftschorlen, wachmachende Mate- und Matcha-Limonaden oder darmflora-schmeichelnder Kombucha – Voelkel ist mitten in der Gesellschaft angekommen und spricht ein gesundheitsbewusstes, junges Publikum an. Voelkel wird nicht nur von der Bilderbuch-Waldorf-Familie auf dem Land getrunken, sondern auch an Festival-Bars und in Berliner Clubs. Und das ist eine gezielte Entwicklung: «Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit», kommentiert Boris Voelkel und sieht diesen Gedanken auch in einer lebendig gelebten Anthroposophie, die er in seiner Rolle als Geschäftsführer einer abstrakt verkopften vorzieht: «Wir heben jetzt das Potenzial dessen, was drei Generationen vorbereitet haben.» Heute sind es Lifestyle-Trends, und damals? Mit welcher Zeit sind Boris Voelkels Großeltern Karl und Margret gegangen, als alles begann?
Wie eine Saftpresse Leben rettet
Höhbeck, 1919. Margret und Karl Voelkel lernen sich über die sogenannte Wandervogelbewegung kennen und beginnen mit anderen, einen alten Obstgarten bei Pevestorf im Wendland zu bewirtschaften. Putschversuche, Attentate, blutige Aufstände, die Nachbeben des Ersten Weltkriegs und Anfänge eines großen politischen und gesellschaftlichen Umbruchs des Deutschen Reichs zur Weimarer Republik prägten die Atmosphäre der späten 1910er Jahre. Neue Erfindungen und die Verbreitung der Elektrizität beschleunigten das tägliche Leben. Die zunehmende Verwissenschaftlichung der Welt führte jedoch auch zu geistiger Unsicherheit einiger Menschen und zu einem erstarkten Bedürfnis nach Rückzug in die Natur und nach Gemeinschaft – Werte, von denen sich die europäische Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts in ihrem rasanten Fortschrittswahn eher abwandte. Die Lebensreformbewegung erwuchs mitten in Europa. Unter diesem Namen tummelten sich Naturheil- und Tierschutzgruppen, Kneippianer:innen und Anhänger:innen der Freikörperkultur, Jugendstil-Architekt:innen, Theosoph:innen und Yogis. Und eben auch die Wandervogelbewegung. Ihnen gemein war eine Sehnsucht nach einem Lebensstil, der sich an einer Art «Naturzustand» des Menschen orientierte, weg von der Stadt, mit der Intention, den Körper und den Geist zu gesunden.
Höhbeck ist eine Endmoräne aus der letzten Eiszeit und liegt wie eine Insel, umflossen von Elbe und Seege, im Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue. Der sandige Boden ist karg und schwer zu bewirtschaften, die Gruppe der Obstgärtner:innen in spe kämpfte ums Überleben. Mehrere Anläufe den Höhbeck gemeinschaftlich zu besiedeln scheiterten, sodass fast alle Wandervögel Höhbeck nach wenigen Jahren verließen. «Wir waren ganz auf uns allein gestellt und wollten durchhalten. Und man lernt durch nichts so sehr, als wenn man weiß: wir selbst müssen es schaffen, von außen kommt keine Hilfe», kommentierte Margaret Voelkel die Anfangsjahre in ihren Memoiren. Das Paar begann, Beeren und Zwergobst anzupflanzen, verkaufte es auf dem Markt und hielt sich mit gelegentlichen Handwerks- und Schmiedearbeiten über Wasser. Währenddessen verfaulte in den Nachbargärten das reife Obst auf dem Boden. Also besorgte Karl Voelkel eine mobile Saftpresse, den Mostmax, und zog damit von Streuobstwiese zu Streuobstwiese. Die Säfte waren beliebt und auf den Dorfmärkten nach kurzer Zeit ausverkauft. Über Freund:innen lernten die Voelkels die Christengemeinschaft und so auch die Anthroposophie kennen. In den frühen Morgenstunden lasen sie gemeinsam Steiners grundlegende Werke und beschäftigten sich immer mehr mit der biodynamischen Landwirtschaft. Lange, bevor es die ersten Bioläden gab: «Zweimal machten wir einen Kursus von Max Karl Schwarz in Worpswede auf dem Birkenhof mit […] – die Fülle war kaum zu verkraften», so Margaret Voelkel.
1936 bekamen Margaret und Karl, inzwischen Eltern von vier Kindern, die offizielle Betriebsgenehmigung für die Lohnmosterei Voelkel. Es folgten die Kriegsjahre, alle drei Söhne der Voelkels wurden in den Kriegsdienst eingezogen und Volker und Reinhard starben. Irgendwann lag auch Pevestorf unter Beschuss und amerikanische Soldaten zerstörten einen Großteil des Inventars der Mosterei. Die Familie Voelkel baute wieder auf und 1950 trat der Betrieb dem Demeter-Verband bei. Heute liegt der Mostbetrieb Voelkel in den Händen der vierten Generation und ist trotz Pandemie, Inflation, Kriegen und klimatischen Herausforderungen immer weiter gewachsen.
Runde Tische und sozial-ökologische Verantwortung
Ob Demeter-Acerola aus Surinam oder Bio-Mate aus Südbrasilien, Gurken aus Franken oder Rhabarber aus dem Wendland – mit rund 98 Prozent seiner Lieferant:innen arbeitet Voelkel schon seit vielen Jahren partnerschaftlich und auf Augenhöhe zusammen. Wackeligen Zeiten, die sich auch direkt auf die Landwirtschaft, Ernteerträge und die globale Nahrungssicherung generell auswirken, will Boris Voelkel ein Handeln entgegensetzen, «einen Wärmeimpuls», wie er es nennt, der enkeltauglich ist.
«Wie soll eine junge Generation in eine Welt gehen, in der alle Krisen eskalieren – ob sozial, ökologisch, demographisch, geopolitisch?
Die Marktmechanismen sind zynisch wie eh und je, der Druck steigt stark und entlädt sich immer unten bei den Landwirten um ein Vielfaches.» Obwohl Boris Voelkel versucht, bestmöglich das Gute, Wahre und Schöne in Anbau, Einkauf und Vertrieb zu leben, spüren auch sie – alle an der Wertschöpfungskette Beteiligten sowie Verbraucher:innen – die Kräfte der globalen Krisen. Wasserknappheit in Portugal und eine schlechte Rhabarberernte sind nur zwei von einigen Beispielen, die das Unternehmen dazu bringen, schnell auf Unerwartetes zu antworten, Alternativen zu Rhabarberschorle anzubieten und mit den Bäuer:innen mit Besonnenheit und «Commitment», wie Boris Voelkel betont, im Gespräch zu bleiben.
Ein wichtiger Teil des Betriebswesens bei Voelkel sind runde Tische. Alle möglichen Vertreter:innen der Wertschöpfungskette sitzen zusammen und üben so, Vertrauen aufzubauen und gemeinsam Probleme zu lösen. «Da üben wir schon an kleinen harmlosen Themen wie der samenfesten Roten Beete, sich wärmevoll miteinander zu verbinden und in der gesamten Wertschöpfungskette Vertrauen aufzubauen», so Boris Voelkel. Das macht ihm Mut, auch imstande zu sein, größere Probleme zu lösen. Teil davon ist auch eine weitsichtige Art des Wirtschaftens: 2011 wurde die Voelkel Stiftung gegründet, durch die 90 Prozent des Gewinns zurück ins Unternehmen fließen, die restlichen 10 Prozent unterstützen gemeinnützige Projekte. Außerdem lässt sich Voelkel nach Richtlinien der Gemeinwohlökonomie bilanzieren. Mit hervorragenden Ergebnissen.
Im Auftrag von Voelkel pflanzten drei Demeter-Landwirte aus Deutschland schwarze Johannisbeeren an und gingen damit in Vorleistung. Die Obststräucher würden erst in ein paar Jahren Früchte tragen und ein Preis für die Lieferungen wurde nicht vereinbart. Bei der ersten Ernte wollten die Landwirte 1,80 Euro pro Kilogramm. Zuvor jedoch hatte Voelkel schwarze Johannisbeeren in Polen gekauft. Da die dortige Ernte so gut ausfiel, kostete das polnische Kilogramm nur 40 Cent. Ein solcher Preisunterschied wirkt sich bei den Mengen, die Voelkel benötigt, stark aus. Boris Voelkel lud alle Beteiligten zu einem runden Tisch ein, man einigte sich auf 1,20 Euro pro Kilogramm. Was aus betriebswirtschaftlicher Sicht schier fahrlässig erscheint, zahlte sich später nicht nur finanziell aus: Ein Jahr später bekamen die Johannisbeerblüten Frost ab, darauf folgte ein weiterer extrem heißer und trockener Sommer. Dies führte zu einer großen Missernte. «Die Landwirte hätten ihre gesamte Ernte für 2,10 Euro pro Kilogramm sogar an die Marmeladenindustrie verkaufen können.» Stattdessen belieferten sie Voelkel mit der benötigten Menge für die vereinbarten 1,20 Euro pro Kilogramm.
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