Ausgabe 05/26

Kein Zustand, sondern ein Prozess

Anne Brockmann

Bild oben: Die Jugendlichen falteten Kraniche. Dies ist ein weltweites Symbol für Frieden, Hoffnung und Heilung, basierend auf der Geschichte von Sadako Sasaki. Das japanische Mädchen erkrankte nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima an Leukämie und faltete weit mehr als 1.000 Kraniche für ihre Genesung und den Frieden.

Der Wintertag ist gerade erst angebrochen. Vor den Fenstern hat sich das Dunkel der Nacht noch nicht ganz verzogen. Aber 18 Schüler:innen bilden auf ihren Stühlen schon einen Kreis. Es sind die Siebt- und Achtklässler:innen der Achert-Schule in Rottweil. Manche von ihnen haben die Augen geschlossen, andere schauen mit verträumtem Blick vor sich hin. Die Hände liegen locker im Schoß oder sind gefaltet, während sie einer Geschichte lauschen. Die Jungen und Mädchen hören gespannt zu, tauchen ein in die Bilder einer Wiese, eines Berges, eines Sees. Sie sind unterwegs auf einer Traumreise, die sie an einen Ort führen soll, an dem ihr ganz persönlicher innerer Frieden wohnt.

Die Traumreise hat Jasmin Wölbl als Einstieg in diesen besonderen Tag gewählt. Wölbl arbeitet für die Servicestelle Friedensbildung mit Hauptsitz im baden-württembergischen Ludwigsburg. Seit Sommer 2015 setzt sich die zentrale Beratungs-, Informations- und Kontaktstelle dafür ein, Friedensbildung in allen baden-württembergischen Schulformen zu stärken. Die gemeinsamen Träger der Servicestelle sind die Landeszentrale für politische Bildung, die Berghof Foundation mit Sitz unter anderem in Tübingen und das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport. 35 freie Mitarbeitende reisen jede Woche kreuz und quer durchs Land und tragen unterschiedliche Konzepte von Friedenspädagogik in die Klassenzimmer. Für die Schulen ist dieses Angebot kostenlos. Jasmin Wölbl ist an diesem Tag in der Achert-Schule zu Gast. Sie ist der Einladung von Patricia Hetzel und Tobias Heggenberger gefolgt, die die Klassen 7 und 8 gemeinsam als Tandempaar betreuen. Die Achert-Schule ist ein sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) mit dem Förderschwerpunkt Lernen und hat knapp hundert Schüler:innen.

Individuell und verhandlungsbedürftig


«Wir haben ganz unterschiedliche Einheiten im Repertoire, die an Schulform und Altersstufe angepasst sind. Die Einheit heute heißt Was ist eigentlich Frieden? und dauert zwei Stunden», sagt Wölbl. Andere Workshops tragen zum Beispiel die Titel Wie nah geht uns Nahost?, Konflikte bearbeiten – aber wie? oder schlicht Peace counts.

In Rottweil, das auf halber Strecke zwischen der Landeshauptstadt Stuttgart und dem Bodensee liegt, verteilt Wölbl in der Mitte des Stuhlkreises nach der Traumreise Fotografien. Geleitet von der Frage Was bedeutet Frieden für mich? sollen sich die Jugendlichen jeweils ein Bild aussuchen. Ilaf hat sich für ein Foto entschieden, das mehrere Hände zeigt. Sie gehören zu Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Hautfarbe, bilden auf dem Foto einen Kreis, in dem sich die Fingerspitzen berühren. «Für mich bedeutet Frieden, dass alle Menschen gleich behandelt werden», sagt die Siebtklässlerin dazu. Melanie deutet auf die Abbildung eines übervollen Bücherregals. Sie sagt, die Ruhe, die sie beim Lesen empfindet, verbinde sie mit Frieden. Noel hat sich das Bild von einem belebten Marktplatz geschnappt, auf dem die Leute heiter wirken. «Ich mag es, wenn Menschen zusammenhalten», sagt er.

Im nächsten Schritt des Workshops wird es noch ein bisschen persönlicher. Wölbl gibt Arbeitsblätter in die Runde. Darauf ist der Umriss eines menschlichen Körpers zu sehen, der soll in den nächsten Minuten ein «Friedenskörper» werden. Die Achert-Schüler:innen sollen Begriffe davon sammeln, was sie benötigen, um friedlich zu sein und die sollen sie in ihrem ganz persönlichen Friedenskörper verorten. Die Stimmung ist jetzt ganz heiter und offen, viele der Jungen und Mädchen teilen ihre Erkenntnisse. Ibrahim sagt: «Nicht hetzen. Nicht gehetzt sein. Das ist wichtig für mich.» Bei anderen taucht immer wieder die Natur als Ressource für inneres Gleichgewicht auf. Abenteuer sind aber auch dabei. Und auch «extrem laute Musik». Schnell wird deutlich: Frieden ist individuell. Was die eine beseelt, bringt den anderen aus der Ruhe. Daher muss Frieden immer auch verhandelt werden, braucht Offenheit, einen Blick auf Beweggründe, Rücksicht, also Gespräch.

Bei sich selbst beginnen


Dass das im Großen schwer zu durchschauen, geschweige denn zu handhaben ist, zeigt die nächste Übung. Wölbl stellt Aussagen in den Raum. Die Jugendlichen sollen sich entsprechend ihrer Zustimmung oder Ablehnung nah beziehungsweise fern davon positionieren. Der Großteil der Schüler:innen verortet sich bei Nein, als Wölbl sagt, «Wir leben in einer friedlichen Welt». Drosan gehört zu den wenigen, die eher unentschieden sind und in der Mitte stehen. «Es gibt Kriege und auch da, wo kein Krieg herrscht, gehen viele Menschen nicht gut miteinander um. Es gibt aber auch welche, die sich Mühe geben», sagt sie. Etwas positiver bewerten die Jugendlichen die Lage in Deutschland. Sie bilden eine große Traube in der Mitte, als Wölbl sagt: «In Deutschland herrscht Frieden». Philipp begründet seinen Standpunkt so: «Wir haben hier zwar keinen Krieg, aber auch keine Gleichberechtigung.» Und Irem findet: «Alles ist zu teuer. Das sorgt auch für Unfrieden.» Noch friedlicher empfinden die Jungen und Mädchen die Lage in ihrer Heimat Rottweil - «auch wenn es hier bewaffnete Polizisten am Bahnhof gibt», wie ein Schüler einschränkt.

Wölbl schlägt von da aus die Brücke zu dem, wie Frieden definiert werden kann. Sie stellt das Konzept des 2024 gestorbenen Norwegers Johan Galtung vor, der als Gründungsvater der Friedens- und Konfliktforschung gilt. Durch die Gründung des Instituts für Friedensforschung in Oslo im Jahr 1959 etablierte er die wissenschaftliche Betrachtung der Themenfelder um Krieg und Frieden. Dem Begriff des Krieges fügte Galtung die Begriffe negativer und positiver Frieden hinzu. «Negativer Frieden meint die Abwesenheit von direkter physischer Gewalt. Positiver Frieden beinhaltet auch das Wachstum von sozialer Gerechtigkeit. Dafür wiederum ist zum Beispiel die Chancengleichheit ein wichtiger Faktor», erläutert Wölbl. Den Schüler:innen wird klar: Frieden ist kein Zustand, sondern ein Prozess, der aus teilweise sehr kleinen, aber bedeutsamen Schritten in die richtige Richtung besteht. Und je kleiner der Bereich, an dem man sich Frieden wünscht, desto größer die eigene Einflussmöglichkeit – die Klassengemeinschaft etwa, oder die Schule. Oder eben das eigene Ich, der innere Frieden, der ganz persönlich ist. Die Bedingungen dafür zu erforschen, zu kennen und schaffen zu lernen, das kann ein sehr guter Anfang sein.

Kraniche für Japan


Zum Abschluss falteten die Siebt- und Achtklässler:innen zusammen mit Wölbl Kraniche aus Papier, die zu einem Symbol für die internationale Friedensbewegung geworden sind. Die Tradition geht zurück auf das japanische Mädchen Sadako Sasaki. Auch ihre Geschichte lernen die Schüler:innen aus Rottweil an diesem Tag noch kennen. Sadako Sasaki war zum Zeitpunkt des Atombombenabwurfs der USA auf Hiroshima zweieinhalb Jahre alt. Sie wuchs zunächst unbeschwert heran, erkrankte mit zwölf Jahren aber an Leukämie – eine häufige Krankheit bei Überlebenden des Atombombenabwurfes. Sadakos beste Freundin teilte daraufhin eine alte japanische Legende mit ihr, nach der jede:r, der tausend Origami-Kraniche falte, von den Göttern einen Wunsch erfüllt bekommen würde. In der Hoffnung, geheilt zu werden, faltete Sadako daraufhin binnen weniger Monate sogar 1.600 Kraniche. Alle ihre Papier-Vögel entstanden im Krankenhaus, wo sie am 25. Oktober 1955 dennoch verstarb.

In Rottweil entstanden innerhalb einer halben Stunde mehr als 50 Kraniche. In der Frage, ob diese das eigene Schulhaus schmücken oder zum Sadako-Denkmal nach Japan geschickt werden sollen, waren sich die Jugendlichen schnell einig. Ihre Origami-Vögel sollen zum Gedenken an die fast gleichaltrige Schülerin nach Japan fliegen. So einfach können Konsens und Frieden manchmal sein.
 

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