Erziehungskunst | Sie sind seit August 2023 in Persona die Anlaufstelle für die Bereiche Rassismus, Diskriminierung und Extremismus des BdFWS. Wie oft melden sich Menschen bei Ihnen und wer ist das?
Frank Steinwachs | Innerhalb der letzten 24 Monate haben sich rund 50 Schulen gemeldet. Es melden sich Schulleitungen, Geschäftsführer:innen, Schulsozialarbeiter:innen, Eltern, Lehrkräfte, einmal auch Schüler:innen über ihre Lehrerin, mit denen ich dann auch gearbeitet habe. Oft wünschen sie sich neben der Beratung zu einem konkreten Fall auch Hintergrundinformationen, um das eigene Kollegium zu sensibilisieren. Ich besuche Schulen und mache Workshops, etwa über Demokratie oder Partizipation, abends findet dann meist noch ein Vortrag für Interessierte und die Eltern statt. Einschränkend sagen muss ich allerdings: Ich bin kein Mediator, der an Konfliktlösungen vor Ort arbeiten kann, sondern lediglich Berater.
EK | Welche Beratung wünschen sich die Schulen von Ihnen?
FS | Manche Schulen möchten wissen, wie sie sich vertraglich davor schützen können, Menschen mit extremistischen Haltungen an die Schule zu bekommen. Da können manchmal schon ein oder zwei Telefonate helfen. Gerade zuletzt habe ich jedoch mit einer Schule neue Selbstverwaltungs- und Aufnahmepapiere entwickelt. Das war eine Schule, die ursprünglich ein sehr großes Problem mit rechter Einflussnahme hatte. Einzelheiten mag ich jetzt nicht nennen, aber da gab es richtige Unterwanderungsversuche neurechter Personen. Erst waren die Kolleg:innen schockiert und ratlos, dann haben wir sehr produktiv zusammengearbeitet. Das Ziel war: Wie kann die Schule die Aufnahme von Eltern vermeiden, denen es nicht um die Waldorfpädagogik geht, sondern entweder um eine rechte Synchronisierung derselben oder die einen Raum suchen, in dem sie ihre Ablehnung «des Staates» oder eine verschwurbelte Parallelwelt glauben leben zu können. Wichtig war, wie der Begriff Neutralität verstanden und verwendet wird. Wir haben hier zum ersten Mal eine erweiterte Definition von Neutralität in Bezug auf die Stuttgarter Erklärung des BdFWS gegen Rassismus, Nationalismus und Diskriminierung genutzt. Wir haben das sogenannte Neutralitätsparadox des Philosophen Karl Popper von 1945 eingebaut, in dem es heißt: «Wenn eine tolerante Gruppe aufgrund ihrer Toleranz intoleranten Kräften erlaubt, die eigene Toleranz abzuschaffen, ist das paradox, weil die Toleranz so gegen sich selbst gerichtet ist.» Es wurde also in der Schulordnung und den Schulverträgen festgelegt, dass es für die Schule nicht diskriminierend ist, wenn sie Personen oder Gruppen, die in ihrer Weltanschauung andere Menschen diskriminieren oder ausgrenzen, nicht aufnehmen. Damit schützen wir alle Menschen vor Diskriminierung.
EK | In der Stuttgarter Erklärung ist postuliert, dass wir keine Diskriminierung wollen. Das kann man auch so lesen, dass man auch politisch anders Denkende nicht diskriminieren darf.
FS | Es gibt Kolleg:innen, die halten die Toleranz oder Integration von identitären oder rechtsnationalen Positionen für ein Freies Geistesleben und verkennen dabei, dass sie damit die Türen für neurechte Positionen, Synchronisations- oder Aneignungsversuche aufmachen. Es ist meiner Meinung nach an der Zeit, die Stuttgarter Erklärung in dieser Hinsicht zu überarbeiten und Klarheit zu schaffen, was eigentlich Freies Geistesleben in einer Freiheitsphilosophie, auf der die Waldorfpädagogik beruht, bedeutet. Die Waldorfpädagogik hat ein humanistisches Ethos, das der Ideologie der neurechten und Identitäten Bewegung ebenso entgegensteht wie einer verschwörungsmythischen Szene, die für sich in Anspruch nimmt, die «echte» Wahrheit zu kennen. Und wenn Schulen meinen, aus pädagogischen Gründen Kinder aus Familien aus Parallelwelten wie beispielsweise der Anastasiabewegung aufzunehmen, dann müssen sie auch funktionsfähige Konzepte haben und Fachleute in den Kollegien, die dies professionell greifen und begleiten können.
EK | Wie kann man Menschen mit extremistischer Haltung erkennen?
FS | Äußerlich ist das heute schwierig, es sei denn, dass Codes oder Erkennungszeichen sichtbar werden. Viel wichtiger ist es meines Erachtens, genau zuzuhören, was gesagt wird. Und wenn dann die Menschen und ihre Haltungen, ihre Orte, ihre Aussagen und ihre Quellen kritisch recherchiert werden, kommt oft Überraschendes zutage. Das kann ich beispielsweise für vermeintliche Statistiken unter anderem aus den TikTok-Reels rechter Blogger empfehlen, mit denen unsere Kinder vollgeschwallt werden: Das wäre eine gute Übung für eine familiäre Medienkompetenz im Sinne des kritischen Umgangs mit digitalen Überwältigungsstrategien der Neuen Rechten, diese Aspekte mal zu überprüfen. Das ist kein Verschwörungsmythos, das kann man direkt in den Beiträgen von Erik Ahrens, dem Social-Media-Verantwortlichen im letzten Europawahlkampf der AfD, oder Martin Sellner in den Social Media nachlesen, die stehen total zu ihrer Strategie und haben sie öffentlich gemacht.
EK | Um welche Menschen an Schulen geht es in der Regel?
FS | Inzwischen geht nicht nur um Neurechte oder völkische sowie im Reichsbürgermilieu angebundene Mitarbeitende der Schulen, häufiger geht es nunmehr um Eltern und inzwischen auch Schüler:innen aus diesen Denkrichtungen. Da gibt es zum Beispiel Fotos aus Chats, wo Schüler:innen mit dem Hitlergruß vor einem Hakenkreuz an der Tafel stehen. Es geht also auch um digitale Situationen, in denen Schüler:innen neurechte Propaganda verbreiten. Es tauchen Aufkleber oder Sprüche im Unterricht auf, die dann womöglich nicht bearbeitet werden können oder eben entsprechende Reels, Memes, die über Schüler:innen und Eltern Reichweite bekommen und in die Schulen wirken.
EK | Was gefällt Ihnen an Ihrer Aufgabe?
FS | Meine Arbeit in der Fachstelle ist unbequem und unkomfortabel, aber eine wichtige und damit gute Aufgabe. Es ist gut, dass wir wirksam sein können. Viele empfinden aktuell eine Ohnmacht gegenüber der gesellschaftlichen und politischen Situation. Und die macht vor den Waldorfschulen natürlich nicht halt. Unsere Aktivitäten zeigen den Menschen, ihr seid nicht allein und gemeinsam können wir etwas tun. Wir sind die Mehrheit, wir sind viele. Es macht mir auch viel Spaß, mit den Jugendlichen zu arbeiten und in einen pädagogischen Diskurs zu politischen Fragen wie auch Reizthemen zu gehen, vor allem dann, wenn es kontrovers wird.
EK | Was sind Herausforderungen, die Ihnen begegnen?
FS | (lacht) Alles! Nein, im Ernst: Ich wünsche mir sehr, dass das Bewusstsein der Waldorfschulen für eine freiheitliche Pädagogik mit einem kritischen Blick auf die Gesellschaft noch stärker wächst. An vielen Schulen ist das bereits zu finden, zum Glück. Aber: Gerade in der Selbstverwaltung muss das als Basis implementiert sein, denn eine wackelnde oder durch einzelne dominante Kolleg:innen gelenkte Selbstverwaltung ist immer auch eine Pforte für Menschen, die Gremien missbrauchen. Es ist wichtig, dass sich die Schulen klarmachen: Wofür stehen wir? Mit welchen Geisteshaltungen wollen wir definitiv nicht Schule machen? Es gibt für Lehrkräfte, auch solche, die nicht Sozialkunde unterrichten, ein gut lesbares und alltagstaugliches Buch, Politische Bildung in reaktionären Zeiten, das empfehle ich allen Kollegien als Einstieg für die Problemsensibilisierung und für erste Handlungsstrategien. Als PDF gibt es das kostenlos im Wochenschauverlag (siehe QR-Code). Wir haben 2023 alle unterschätzt, wie groß der Run auf die Fachstelle sein wird. Es ist gut und wichtig, dass das Vorstandsmitglied im BdFWS Hans Hutzel sich seit September auch diesem Thema intensiver widmen kann und tiefer in der Fachstelle einsteigt, denn wir brauchen Verstärkung.
EK | Rudolf Steiner ist 100 Jahre tot, er hat keine Deutungshoheit mehr und damit ist sein Werk offen für alle Lesarten, Interpretationen und Vereinnahmungen. Muss der BdFWS reagieren, wenn Neue Rechte Steiners Texte für ihre Ideologie deuten?
FS | Eher umdeuten oder aneignen. Es gibt ja bereits Aneignungsversuche von Neurechten und wir, die Fachstelle, der Verein Bildungseinrichtungen gegen Rechtsextremismus sowie eine Reihe weiterer Akteure aus der Waldorfbewegung haben immer wieder darauf hingewiesen. Aber: Der BdFWS hat seine Hausaufgaben an dieser Stelle gemacht. Während sich jeder Mensch, egal wo er ethisch, moralisch oder philosophisch steht, Anthroposoph nennen kann und jedweden Unsinn verbal, online oder publizistisch verbreiten kann, geht das in der Waldorfpädagogik nicht mehr. Durch den Eintrag der Markenrechte ist gesichert, dass der BdFWS gegenüber unstatthaften Aneignungsversuchen reagieren kann, auch juristisch. Wir machen auf problematische Haltungen und Strömungen aufmerksam, beraten oder publizieren, wie es im Extremfall bei Martin Barkhoff und Caroline Sommerfeld der Fall war, aber auch bei der Partei die Basis oder vermeintlichen populären Waldorf- oder Anthroposophieerklärer:innen, von denen es einige gibt. Eigentlich geht es nicht um eine «Deutungshoheit», sondern vielmehr darum, dass wir der neuen rechten Szene nicht zugestehen sollten, ihre Ideologie über die Waldorfpädagogik zu stülpen. Durch die geschärfte Aufmerksamkeit der Behörden werden Schulgründungen der neurechten Szene immer schwieriger und damit das Interesse an Freien Alternativschulen und den Waldorfschulen wieder größer – aber eben nicht aus einem pädagogischen Interesse. Und da wird die Aneignung wieder aktuell, gegen die wir als Schulgemeinschaften handeln müssen.
EK | Steiner hat seine letzten Lebensjahre in Deutschland und der Schweiz verbracht – beide Länder waren zu dieser Zeit Demokratien. Wie war Steiners Bezug zum politischen System «Demokratie»?
FS | Steiner stand für eine Art demokratisches Prinzip, in dem er einen freiheitlichen Gedanken sah, wenn er etwa sagte: «Die große Frage für die Zukunft wird sein: Wie werden wir uns zu benehmen haben gegenüber den Kindern, wenn wir sie so erziehen wollen, daß sie als Erwachsene in das Soziale, das Demokratische, in das Liberale im umfassenden Sinne hinein wachsen können? Und eine der allerwichtigsten der sozialen Fragen für die Zukunft, ja schon für die Gegenwart, ist einmal die Erziehungsfrage.» Hierzu gehört auch, dass er sich in seinen Schriften immer wieder für die Gleichberechtigung der Frau eingesetzt und betont hat, dass eine Gesellschaft, die die Hälfte ihrer Mitglieder, sprich alle Frauen, diskriminiert oder entrechtet, nicht wirklich frei sein kann. Insgesamt basiert Steiners politische Idee, die Dreigliederung, auf dem Ziel, die Freiheit des Menschen zu gewährleisten und nicht darauf, ein politisches System zu definieren. Aber: Mit den darin verwobenen Kerngedanken der Anthroposophie schließen sich identitäre und damit entindividualisierende Ideologien von alleine aus, da sie ja allein durch ihr ideologischen Grundkonsens einer als exklusiv definierten Gruppe einem Freien Geistesleben und einem ethischen Individualismus entgegenstehen.
Auf der einen Seite forderte Steiner einen kritischen Umgang mit seinen Positionen und dann wieder zeigt er eine rhetorisch-apodiktische Haltung. Oft legte er fest, was richtig und was falsch ist, und manchmal ohne Argument und mit dem Gefühl, dass seine Worte einen universalen Wahrheitsanspruch vermitteln sollen. Hier ist es unsere Aufgabe, Positionen zu beziehen und einen Umgang damit zu finden. Anthroposophie ist eine individuelle wie ethische Suchbewegung «zwischen Dogma und Methode», wie es Ulrich Kaiser 2014 in seinem Aufsatz Wann wird das symbolische Gewand fallen? formuliert hat. Dies könnte heute eine zeitgemäße Haltung sein, die auf Steiners Anregungen aufbaut.
EK | Vielen Dank!
Das Interview führte Angelika Lonnemann.
Kommentare
Vielen Dank für Deine so wichtige und wertvolle Arbeit!
Lasst uns gemeinsam dafür eintreten, dass unsere Schulen ein sicherer Ort bleiben für alle Menschen.
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