Das Buch ist dreiteilig angelegt. Im ersten Teil entfaltet Hübner eine phänomenologische Anthropologie des Denkens: Denken ist kein Rechenprozess, sondern ein Lebensvorgang. Die Verwechslung von Gehirntätigkeit mit Denken, wird dabei präzise herausgearbeitet. Von diesem Fundament aus wirft er im zweiten Teil den Blick auf die technischen Grundlagen großer Sprachmodelle: ChatGPT ist «erstarrte Vergangenheit». Das bedeutet, es handelt sich um statistisch komprimierte Sprachmuster ohne eine eigene Intentionalität, ohne Gegenwart und Leib. Im dritten Teil wendet er sich den Wirkungen digitaler Bildschirmwelten auf den Menschen zu: Spaltung der Sensomotorik, Verkümmerung des Gleichgewichts- und Bewegungssinns, Zerteilung der Aufmerksamkeit, der schleichende Verlust realer Menschenbegegnung.
Den Abschluss bildet eine geistesgeschichtliche Einbettung, in der er auch einen Blick auf orientierende Kräfte wirft. Auch wer diesen Horizont nicht teilt, findet in den vorangegangenen Teilen dennoch eine Fülle belastbarer Argumente. Da das Buch sich mit dem Thema auf einer höheren Warte beschäftigt, ist der Blick weniger auf einen konstruktiven Teil gerichtet, d.h. was konkret zu tun wäre, im Unterricht, im Elternhaus, im Schulalltag.
Für alle, die in einer digitalisierten Welt das Menschenbild der Waldorfpädagogik lebendig halten wollen, ist es eine unverzichtbare Lektüre: anspruchsvoll, mutig und zur rechten Zeit erschienen.
Edwin E. F. Hübner: Zwischen künstlicher Intelligenz und virtuellen Räumen. Wie retten wir das Menschsein? Verlag Freies Geistesleben, 2025, 525 Seiten, 32 Euro.
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