Ausgabe 07-08/26

Kindheit im Wandel

Christiane Adam
Fanny Stein

Bild: Auch Kinder im Grundschulalter können abstimmen.

«Partizipation unterstützt Kinder darin, selbstbewusste, verantwortungsvolle und demokratisch handelnde Persönlichkeiten zu werden.»

Kindheit steht heute im Spannungsfeld zwischen zwei unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Leitbildern: dem Leitbild der «guten Kindheit» und dem der «Bildungskindheit». In den letzten Jahrzehnten hat sich das gesellschaftliche Verständnis von Kindheit grundlegend gewandelt. Während früher häufig funktionale, moralische oder ökonomische Gesichtspunkte dominierten, ist das Konzept der «guten Kindheit» zentral geworden. Laut Tanja Betz, Professorin für Kindheitsforschung an der Universität Mainz, und weiteren Forschenden wird Kindheit von vielen Menschen als besonders schützenswerte Lebensphase idealisiert; sie soll glücklich, sicher, gesund und möglichst frei von Überforderung sein. Dieses Ideal ist moralisch stark aufgeladen und prägt Elternschaft, Pädagogik und öffentliche Debatten.

Parallel dazu hat sich die «Bildungskindheit» als zweite politisch und institutionell wirkmächtige Leitidee etabliert. Laut Betz und anderen Wissenschaftler:innen versteht dieses Leitbild Kinder primär als Subjekte eines kontinuierlichen Bildungsprozesses. Kinder werden sehr früh als «Bildungswesen» adressiert; Entwicklung soll möglichst früh beobachtet, dokumentiert, gefördert und optimiert werden – idealerweise lückenlos von der frühen Kindheit an.

Schutz und Optimierung zugleich
 

Zwischen beiden Leitbildern entsteht ein dauerhaftes Spannungsverhältnis: Kinder sollen unbeschwert spielen – und dieses Spiel soll zugleich kompetenzorientiert gerahmt sein. Sie sollen geschützt werden, aber zugleich möglichst früh leistungsfähig sein. Sie sollen individuell sein und gleichzeitig an normierte Bildungslogiken anschlussfähig bleiben.

Für Kinder kann daraus ein subtiler, aber wirksamer Druck entstehen. Eltern erleben einen Spagat zwischen Loslassen, Bewahren und Fördern. Pädagogische Institutionen stehen vor einem strukturellen Widerspruch: Kindzentrierung kollidiert mit Qualifikationsauftrag.

Für Waldorfschulen gehört das seit Jahrzehnten zum Kerngeschäft; hier liegen Erfahrung und Expertise. Als Schulen in freier Trägerschaft verfügen sie über andere Spielräume als öffentliche Schulen, die an staatliche Vorgaben, verordnete Abläufe und Übergänge, Standards und Leistungserhebungen gebunden sind.

An diesen Freiräumen sollten Waldorfschulen festhalten und sie gezielt nutzen. Indem sie lange auf Noten und Sitzenbleiben verzichten, eröffnen sie ihren Schüler:innen einen Raum, ein «Moratorium». In diesem kann sich beides entwickeln: eine «gute Kindheit» einerseits und Lernfreude sowie eine positive Bildungsorientierung andererseits.

Gerade die Zeit der Mittelstufe schafft Spielräume, um mit Schüler:innen einen erweiterten Leistungsbegriff zu erkunden: Leistung kann in Projekten und außerunterrichtlichen Aktivitäten stärker im Sinne von «Leistung für andere» verstanden werden – weniger als Wettbewerb und Konkurrenz.

Auch im Kontext der Ganztagsschule kann ein Mehr an Zeit förderlich sein. Waldorfschulen sollten hier dem allgegenwärtigen Leistungsdruck nicht nur durch Entschleunigung begegnen, sondern durch eine offensiv vertretene Neudefinition von Verantwortung und «Leistung für andere».

Demokratiepädagogik braucht echte Partizipation
 

Demokratiepädagogik beginnt damit, Kinder als aktiv Gestaltende ihrer eigenen Bildungsprozesse ernst zu nehmen. Befunde der Kindheitsforschung deuten darauf hin, dass Kinder im Schulalltag oft zu wenige Gelegenheiten erhalten, ihre Perspektiven einzubringen. Viele fühlen sich nicht ausreichend gehört, haben jedoch ein starkes Bedürfnis nach Mitbestimmung. Das erscheint paradox, denn partizipative Strukturen können Lernbereitschaft fördern und sich positiv auf das psychosoziale Wohlbefinden auswirken.

Erwachsene sollten Kinder deshalb aktiv in Entscheidungsprozesse einbeziehen und ihre Beiträge ernsthaft berücksichtigen. Bereits Emmi Pikler zeigte, dass selbst Säuglinge Partizipation erleben können, etwa beim Wickeln.

Ein Beispiel bietet die Freie Célestin-Freinet-Schule im sächsischen Moritzburg. Dort lernen Kinder der Klassen eins bis vier; jede Klasse wird von einer Lehrkraft und einer pädagogischen Fachkraft begleitet. Strukturelemente wie Klassenrat, Morgenkreis, Schüler:innenkonferenzen und Präsentationskreise schaffen Räume für demokratische Erfahrungen.

Über den Frontalunterricht hinaus wird in Werkstätten mit individuellen oder kollektiven Wochenplänen und Arbeitsmitteln zur Selbstkorrektur gearbeitet. Lehrkräfte beteiligen die Kinder aktiv, sodass diese ihren Lernweg mitgestalten können. Pädagogische Verantwortung wird dabei nicht abgegeben – vielmehr werden Kinder an der Gestaltung ihrer Bildungsprozesse beteiligt.

Partizipation unterstützt Kinder darin, selbstbewusste, verantwortungsvolle und demokratisch handelnde Persönlichkeiten zu werden – ein Motiv, das auch der Waldorfpädagogik zugrunde liegt. Waldorfschulen begeben sich ebenfalls auf den Weg, demokratische Strukturen zu etablieren. Rudolf Steiner betont, dass Kinder die Welt über praktische Tätigkeit begreifen; Lernen erfolgt demnach nicht primär durch abstrakte Wissensvermittlung, sondern durch unmittelbare Erfahrung – in sinnlicher Wahrnehmung, künstlerischem Gestalten oder handwerklichem Tun. Auch John Dewey (1859-1952), ein US-amerikanischer Philosoph und Pädagoge des 20. Jahrhunderts, versteht Demokratie weniger als institutionelle Ordnung, denn als soziale Lebensform, die in alltäglichen Praktiken realisiert sowie durch gemeinsames Handeln erfahren und erlernt wird.

Die Waldorfpädagogik verfolgt das Ziel, an den individuellen Interessen der Kinder anzuknüpfen. Um diesem Anspruch nicht nur theoretisch, sondern praktisch gerecht zu werden, braucht es altersgemäße Partizipationsmöglichkeiten: Formen, die es erlauben, Kindern zuzuhören und sie als Individuen mit eigenen Bedürfnissen, Wünschen und Erfahrungen ernst zu nehmen. 

Anmerkung: Eine Version dieses Textes mit sämtlichen Verweisen, Quellen- und Literaturangaben erhalten Sie gerne auf Anfrage bei der Redaktion. 

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