Klare Regeln – warmherzige Zuwendung

November 2018

Die Rudolf Steiner Schule in Berlin-Dahlem war eine der ersten Waldorfschulen, die im Schuljahr 2014/15 Flüchtlingsschüler aufgenommen und zum Schuljahr 2015/16 eine Willkommensklasse eröffnet hat. Wir fragten die Klassenlehrerin Conny Bergengrün und den Geschäftsführer Friedrich Ohlendorf nach ihren Erfahrungen.

Schülerinnen und Schüler der Willkommensklasse an der Rudolf Steiner Schule Berlin-Dahlem mit ihrer Lehrerin Conny Bergengrün während einer Klassenfahrt.

Erziehungskunst | Willkommensklassen sind eine bereits seit langem im Berliner Schulsystem existierende Komponente, um Schüler, die die deutsche Sprache nicht beherrschen, in das Schulleben zu integrieren. 2015/16 im Zuge der Flüchtlingswelle wurden erstmals auch die freien Schulträger angefragt, ob sie sich beteiligen wollen. Sie sagten zu. Was haben Sie anders gemacht als die anderen Berliner Schulen?

Conny Bergengrün | Wir versuchten, die Flüchtlinge möglichst ab sofort in die künstlerisch-handwerklichen Fächer der jeweiligen Jahrgangsstufen zu integrieren und dann sukzessive eine vollständige Integration in die einzelnen Klassen anzustreben.

EK | Sie haben aber auch Quereinsteiger aufgenommen?

Friedrich Ohlendorf | Ja, wir nahmen auch Flüchtlinge direkt in die Jahrgangsstufen auf. Diese Aufnahme setzte im Kindergarten und in den unteren Klassen noch keine Sprachkenntnisse voraus. In den oberen Klassen haben wir auch Flüchtlinge aufgenommen, die bereits an einer anderen Schule eine Willkommensklasse besucht haben.

EK | Wie hat die Schulgemeinschaft auf die Entscheidung reagiert, geflüchtete Jugendliche in diesen beiden Formen aufzunehmen?

FO | Die Reaktion der Schulgemeinschaft war insbesondere zu Beginn der Arbeit sehr positiv und euphorisch. Mit den zum Teil neuen Alltagsproblemen kehrte dann die Ernüchterung ein, zum Beispiel wenn es um den Umgang mit anderen Kulturen geht. Wir beobachten eine Scheu auf beiden Seiten, aufeinander zuzugehen. Doch insgesamt ist die Akzeptanz groß und trägt diese Arbeit. Die Flüchtlinge fühlen sich mehrheitlich an »ihrer« Schule zu Hause – was zum Beispiel dann sichtbar wird, wenn wir einen Schulwechsel, möglicherweise aus Platzgründen im entsprechenden Jahrgang, an eine andere Schule empfehlen müssen. Das fällt beiden Seiten oft schwer.

EK | Willkommensklassen zeichnen sich durch eine sehr große Vielfalt aus – Ethnien, Religion, vorherige Schulerfahrungen. Was gibt es zu beachten?

CB | Es war zu beobachten, dass innerhalb der Willkommensklasse keine Berührungsängste bestanden und ein offener Umgang herrschte. Die Willkommensklasse ist für die Altersgruppe von 13-18 Jahren, für die wir sie anbieten, ein wichtiger Ort der sozialen Integration: Es geht bei Weitem nicht nur um den Spracherwerb und das Aufholen in anderen schulischen Fächern, sondern um Fragen des gesellschaftlichen und kulturellen Lernens: Wie knüpft man Freundschaften? Wie verhält man sich bei Einladungen? Wie ist das Verhältnis von Mann und Frau? Was mache ich, wenn eine Klassenfahrt in den Ramadan fällt? Es finden viele und lange Gespräche über Religionen statt.

EK | Was ist aus Ihrer Sicht pädagogisch notwendig, um diese Schülergruppe angemessen zu fördern?

CB | Einer der wichtigsten Punkte sind feste Bezugspersonen. Das sind bei uns Paten in den Jahrgangsstufen sowie die Klassenbetreuerinnen, die seit diesem Jahr im Team mit Kellina Fischer zusammenarbeiten. Wir Klassenbetreuer sind zusammen mit 23 Unterrichtsstunden dort eingesetzt; es geht nicht nur um schulische Belange – auch viele Fragen aus dem privaten Lebensfeld der Schüler werden an uns herangetragen.

Klare und eindeutige Regeln, die auch die »geliebte Autorität« sichtbar machen, sind eine große Hilfe im täglichen Unterricht. Gute und leicht erkennbare Orientierung in Verbindung mit einer liebevollen und warmherzigen Zuwendung ist die Grundlage.

EK | Was ist aus Ihrer Sicht der größte Unterschied zwischen den »normalen« Waldorfschülern und den Flüchtlingen?

CB | Die Flüchtlinge unterscheiden sich von den anderen Schülern dadurch, dass bei ihnen schon einmal »die Welt zerbrochen ist«. Die Folgen sind Werteverlust, Vertrauensverlust, Trennung von Familien und Heimat – Unsicherheit und Orientierungslosigkeit beherrschen ihr Lebensgefühl.

Unsere Erfahrung der inzwischen dreijährigen Arbeit mit Flüchtlingen zeigt, dass die Fortbildungen bei den »Freunden der Erziehungskunst« zum Thema Notfallpädagogik sehr hilfreich sind, um mit der Traumatisierung von Kindern und Jugendlichen umgehen zu können. Es ist wichtig, die seelischen Vorgänge traumatisierter Menschen ansatzweise zu verstehen. Die betroffenen Schüler haben einen höheren Seelenpflegebedarf, dem man mit einerseits viel Zuwendung und andererseits auch mit den waldorftypischen Komponenten, wie einem ausführlichen rhythmischen Teil und den vielen künstlerischen Fächern, entgegenkommen kann.

EK | Die Schulabschlüsse stellen eine hohe Hürde für Flüchtlinge dar – wie war das bei Ihnen in Berlin?

FO | Die Schulabschlüsse – Berufsbildungsreife (BBR), mittlerer Schulabschluss (MSA) und auch das Abitur – stellen eine große Herausforderung dar, u.a. weil alle Prüfungen für deutsche Muttersprachler konzipiert sind. Eine syrische Willkommensschülerin hat nach einem Jahr Deutschlernen den mittleren Schulabschluss bestanden und stellt damit eine positive Ausnahme dar – meist dauert es deutlich länger. Ein afghanischer Schüler, der bereits eine sehr gute Englischausbildung mitbrachte, hat den MSA ebenfalls nach einem Jahr bestanden und zwei Jahre später mit einer sehr guten Note im Abitur unsere Schule verlassen. Doch sind das eher die Ausnahmen – die Bildungsunterschiede sind sehr groß, die Vorkenntnisse oft durch Krieg und anhaltende Konflikte lückenhaft oder kaum vorhanden. Dennoch versuchen wir, möglichst für alle einen Schulabschluss zu ermöglichen – BBR, MSA und im besten Fall das Abitur. Da der große Berufswunsch dieser Schüler oft eine Ausbildung ist, ist das heiß ersehnte Ziel für viele der MSA – und das ist wunderbar, denn bei den handwerklich-praktischen Fähigkeiten haben diese Schüler schon manch einen Werk- und Handarbeitslehrer, manchmal auch Kunstlehrer in Erstaunen versetzt!

EK | Wie sieht es mit der Finanzierung bei der Beschulung der Flüchtlinge aus?

FO | Die freien Schulen bekommen für eine Willkommensklasse nur 93 Prozent der vergleichbaren Personalkosten einer vollen Stelle, was der Systematik der Finanzierung der freien Schulen in Berlin entspricht. Das ist einerseits ungerecht, denn in den Willkommensklassen der freien Schulen wird genau die gleiche und engagierte Arbeit geleistet wie in den staatlichen Schulen. Der Berliner Senat verbietet uns, von den Eltern der Willkommensklassenschüler einen Elternbeitrag zu verlangen.

Die Flüchtlinge, die aus den Willkommensklassen oder direkt in die einzelnen Klassen aufgenommen werden, zählen im Zuschuss des Senats als normale Schülerinnen und Schüler und leisten damit den üblichen finanziellen Beitrag in der Bezuschussung. Mit den Eltern dieser Kinder werden Beitragsgespräche geführt und Elternbeiträge im Rahmen unserer einkommensabhängig gestaffelten Beitragsordnung vereinbart. Viele der geflüchteten Familien leben von Sozialhilfe oder ähnlichen Leistungen und zahlen deswegen nur einen sehr geringen Beitrag, der dem Beitrag von anderen Sozialhilfeempfängern entspricht. Die fehlenden Elternbeiträge werden von uns aus dem Schulhaushalt kompensiert, ohne dass wir dazu weitere Spenden oder Patenschaften einwerben. Insgesamt lässt sich jedoch sagen, dass die Finanzierung eine handhabbare Grundlage für unser Engagement ist – was uns unabhängig vom Geld eine gesellschaftlich wichtige Aufgabe ist.

Die Fragen stellte Cornelie Unger-Leistner.

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