Das Gelände der Freien Schule Hitzacker ist kaum wiederzuerkennen. Neu gepflanzte Bäume und Gehölze stehen in voller Sommerpracht auf dem Schulgrundstück. Ein neuer Teich hat ein Entenpaar angezogen. Durch geschwungene Flow-Forms schwappt ein Bachlauf und kühlt die Luft unter der neu entstandenen Pergolakonstruktion, die darauf wartet, ein Schattenplatz unter Rankpflanzen zu werden. Schüler:innen sehen fasziniert dem meditativen Wasserspiel zu.
Das sind nur einige der auf den ersten Blick sichtbaren Neuerungen. Mindestens ebenso wichtig sind die unter der Erde verborgenen Veränderungen: tief ausgehobene Gräben wurden mit organischen Materialien gefüllt, die einen Schwammeffekt in diesen Bereichen bewirken. Sie können bei Starkregen viel Wasser aufnehmen und speichern es für Dürreperioden. Außerdem wird Regenwasser von den Gebäuden weg in dafür angelegte Wasserwege geleitet, die einen Teich und mehrere große Zisternen speisen.
Klimadaten, Konzept und Umsetzung
Möglich wurde das dadurch, dass eine Kollegin auf ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) aufmerksam wurde. Zusammen mit Kolleg:innen, dem Vorstand unserer Schulgenossenschaft und einer Landschaftsplanungsfirma wurde im Sommer 2023 ein Konzept entwickelt und eingereicht. Die Bewilligung durch das Ministerium erfolgte im Dezember 2024. Grundlage für das Konzept waren Klimavorhersagen, wie sie zum Beispiel vom Deutschen Wetterdienst für die nächsten Jahre und Jahrzehnte vorliegen. Demnach liegt unser norddeutsches Städtchen am östlichen Rand eines sogenannten Klimahotspots. Es ist mit häufigerer und stärkerer Hitze, langen Dürreperioden und Starkregenereignissen zu rechnen. Auch schon in den vergangenen Jahren, insbesondere seit dem Sommer 2018, hat unsere Region bereits unter extrem trockenen Sommern und hohen Temperaturen gelitten, was auch zu Erosion auf dem Schulgrundstück geführt hat. Mit den nun umgesetzten Maßnahmen ist unsere Schule erheblich resilienter geworden. Die Schwammbeete haben eine gute Speicherkapazität für lange Phasen ohne Regen. Bäume, Büsche, Stauden und Rankpflanzen bringen zusätzlich zu dem Wasserlauf Abkühlung an heißen Sommertagen.
Wäre eine solche Förderung auch für andere Schulen möglich?
Momentan kann kein Geld für
Klimaanpassung beim Ministerium
beantragt werden. Es ist aber möglich, sich bei der Projektträgerin Zukunft-Umwelt-Gesellschaft (ZUG) registrieren zu lassen, um bei einer erneuten Öffnung des Förderfensters sofort informiert zu werden.
Handeln, hoffen, bilden
Für unsere Schule ist das Projekt Klimaanpassung Teil eines großen Ziels, das wir seit einigen Jahren, unterstützt von der Initiative ZukunftMachen des Bundes der Freien Waldorfschulen, verfolgen: eine regenerative Schule zu werden, ein Ort, an dem die Schulgemeinschaft die Natur nicht ausbeutet und Schaden in den ökologischen Kreisläufen anrichtet, sondern Artenvielfalt unterstützt und versucht, auf dem Schulgelände mehr Sauerstoff, Nahrungsmittel und Energie zu erzeugen als die Schulgemeinschaft verbraucht. Wir vermitteln unseren Schüler:innen, dass wir als Menschen unsere Mitnatur unterstützende, nicht zerstörende Wesen sein können.
Nachdem junge Menschen unter anderem bei Fridays for Future jahrelang aktiv für die Rettung unserer natürlichen Lebensgrundlagen eingetreten sind, hat sich ein Grundgefühl des Scheiterns und der Hilflosigkeit breitgemacht. War es zuvor für Jugendliche noch naheliegender, sich aktiv, mit dem Gefühl Teil einer Lösung zu sein, mit den Problemen auseinanderzusetzen, wirken nun Gefühle des Ausgeliefertseins und der Unausweichlichkeit auf die Seele ein. Angststörungen und Depressionen nehmen nicht von ungefähr drastisch zu. Laut der Jugendstudie 2026 brauchen 29 Prozent der jungen Menschen psychologische Unterstützung. Die meisten der an Schulen Arbeitenden nehmen diese Zunahme an psychischen Erkrankungen wahr.
Die Ursachen dafür sind vielfältig. Doch ein handlungsorientierter Ansatz kann immer hilfreich sein. Im Tun, wenn wir Bäume pflanzen, Blühstreifen anlegen und pflegen, Insektenhabitate und Vogelhäuser bauen, Müllvermeidung erlernen und vieles mehr, liegt Hoffnung und Therapie zugleich. Ein Menschenbild zu vermitteln, das unsere Gattung als Gewinn für die natürlichen Kreisläufe sieht, als dankbaren Teil eines großen Organismus, der unser Sein erst möglich macht – das ist eine Aufgabe, die in alle Fächer und Bereiche einer Schule hineinwirkt. Dabei zeigt es sich, wie schwierig es ist, ein solches Vorhaben in den Schulalltag zu integrieren. Nachhaltigkeit als Thema und Handlungsauftrag wird oft auf den Rahmen einer jährlichen Projektwoche beschränkt. Die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), ein Menschheitsprojekt, das von den Vereinten Nationen auch mit ganz konkreten Ideen für einzelne Unterrichtsfächer ins Leben gerufen wurde, ist in zahlreichen Ländern der Welt Vorsatz und Auftrag geworden. Sie vermittelt einen hoffnungsvollen Ansatz
in einem Strudel zerstörerischer
und zynischer Weltpolitik. Auf der
Seite waldorfschule-bne.de kann man entdecken, was an Waldorfschulen bundesweit bereits geplant und umgesetzt wurde, um die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Wenn die Kinder und Jugendlichen an unseren Schulen immer wieder sehen, welche Wirkung ihr naturunterstützendes Tun entfalten kann, verschwindet im besten Fall die Hilflosigkeit und sie können sich als aktiven Teil eines wunderbaren Organismus erleben.
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