Eine Bemerkung Rudolf Steiners aus dem Vortrag vom 26. August 1923, gehalten in Penmaenmawr, lautet: «Die Willensinitiative, die der Mensch in der Gegenwart so sehr braucht, die wird besonders kultiviert durch die Eurythmie als pädagogisch-didaktisches Mittel in der Schule. Aber man muß durchaus sich klar sein darüber, daß, wenn man einseitig bloß die Eurythmie in die Schule hineinstellen würde, sie nicht als Kunst würdigen würde, so würde man die Schule mißverstehen. Eurythmie gehört zunächst als Kunst in das Leben hinein wie die andern Künste.»
Steiners Forderung ist derzeit nicht erfüllt. Aktuell gibt es wenig Gelegenheit, Eurythmie öffentlich als Bühnenkunst zu erleben. Dabei wäre es dringend an der Zeit, diese Kunst neu zu würdigen. Eurythmie – wörtlich: guter Rhythmus – kultiviert und sozialisiert das menschliche Bewegen. Gegenwärtig scheint es sehr wichtig, wahrzunehmen, was uns Menschen vom Tier oder vom Automaten unterscheidet: Ich bin nicht identisch mit meinem Körper. Wie immer er aussehen mag, ich wohne darin mit meiner Seele. Sie ist es, die alles bewegt, was zu mir gehört. Die Kunst der Eurythmie vermittelt genau die Erfahrung dieser Tatsache. Das ist ihr Zauber: Mit Augen zu sehen und mit Händen zu greifen, dass und wie wir Körper haben und Leib sind. In unserem leiblichen Sein liegt nicht nur die körperliche Bewegung, sondern auch das, was wir Schicksal nennen. Die Lebenswege, die die Seele sucht, wählt, geht – oder eben auch nicht einschlägt. Das, was uns individuell bewegt, zu verstehen oder gar mit Bewusstsein zu erfüllen, ist ein Ideal, dem die Eurythmie die Hand reicht.
Gemeinsam entwickeln und gestalten
Der Ausdruck dieser leiblichen Autonomie und damit die Suche nach dem menschlichen Urbild anstatt nach einem äußerem Vorbild, darum geht es in der Eurythmie. Und das ist auch gut so! Wieviel Leid bei Kindern und Jugendlichen geht auf das Konto der materiell körperlichen Definition des Menschseins!
Nun wird also die schöne Initiative YEP wieder aufleben. Sonnhild Gädeke-Mothes und Aurel Mothes laden von September bis Weihnachten 2026 junge Leute aus der ganzen Welt ein, um gemeinsam eine eurythmische Performance zu erarbeiten. In dieser Einstiegsphase finden neben intensiven eurythmischen Proben und Körpertraining Kurse zu Anthroposophie, Psychologie, Philosophie und Waldorfpädagogik statt. Dafür werden Gastdozent:innen die beiden Initiator:innen unterstützen. Während dieser Phase wohnen die Teilnehmer:innen günstig in Kassel bei Familien, sie zahlen nichts für die Teilnahme am Projekt. An die Konzeptionsphase schließt sich dann von Januar bis April 2027 eine viermonatige Tournee an. Neben Aufführungen im deutschsprachigen Raum planen Gädeke-Mothes und Mothes auch Gastspiele in Südamerika und Asien. Wie die Projekte in der Vergangenheit zeigten, sorgte das begeisterte Publikum oft für spontane Erweiterungen des Tourneeprogramms. Es gehört zu den Merkmalen von YEP, kreativ und flexibel zu reagieren auf das, was das Leben bringt.
Das Besondere an dieser Initiative: Die Beteiligten entwickeln und gestalten alles gemeinsam. Dazu gehören Konzeption und Choreographie ebenso wie Beleuchtung und Organisation der Tournee. Das andere ist die konkrete Begegnung mit dem Publikum. Vor den jeweiligen Aufführungen an den verschiedenen Orten werden die YEP-Mitwirkenden Workshops zum Programm geben. Das bietet den Teilnehmenden zum einen die Chance, sich auch pädagogisch auszuprobieren. Zum anderen wünschen sich die Intitiator:innen von YEP, das Künstlerische nicht nur vorzustellen, sondern tatsächlich zu teilen. Ihrer Ansicht nach wird das individuelle Kommunikationsvermögen ein wichtiges Zukunftspotential sein – im Hinblick auf alles, was uns an gesellschaftlicher Veränderung durch technische Intelligenz erwartet. Wie der Mensch den Menschen überzeugt, ohne ihn zu überreden oder zu manipulieren, darauf verweisen zum Beispiel die sogenannten Stellungen. Das sind Anfangsübungen in der Eurythmie zu folgenden Sätzen: «Ich denke die Rede. Ich rede. Ich habe geredet. Ich suche meinen Ursprung im Geiste. Ich fühle mich in mir. Ich bin auf dem Wege zum Geiste, zu mir.» Gädeke-Mothes und Mothes wollen Eurythmie in zeitgemäßer Weise inszenieren, als sichtbare Sprache, sichtbaren Gesang des menschlichen Vermögens. Damit finden junge Menschen eine Gelegenheit, sich intensiv in Kontakt zu bringen mit dieser Kräftewelt und auf diese Weise vielleicht auch auf dem eigenen Lebensweg Entdeckungen zu machen. Die YEP-Kulturinitiative könnte zu einer Neubelebung eurythmischer Art werden.
Youth Eurythmics Projects YEP
1. September 2026 bis Ende April 2027, Kassel.
Start der Bewerbungsphase: November 2025.
Teilnehmen können Menschen zwischen 18 und 28 Jahren, auch Eurythmist:innen, die ihr Studium bereits absolviert haben, können in Form eines Bühnenjahres bei YEP mitwirken. Es stehen preiswerte Quartiere zum Wohnen zur Verfügung.
Info und Anmeldung: yep-performance.org
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