Bockemühl gelingt es im Band 18 über Arp in seinen einleitenden Fragestellungen, das akademische Wissen beiseitezuschieben, zugunsten des «Wirklichkeitsgehaltes» des einzelnen Werkes, seiner Wirkung im Moment des Betrachtens. Bockemühl lässt miterleben, wie im Nachklang des Anschauungsvorganges ein Wachwerden für die eigenen schöpferischen Kräfte im Betrachtenden geschieht. Dies bewirkt Hans Arp durch seinen Umgang mit dem Material, dem Stoff, dem er das «Ding an der Schwelle» abringt, Wachstumsfigurationen an der Grenze vom Sichtbaren zum Unsichtbaren. Das muss man gelesen haben!
Band 20 über Henry Moore ist durch zahlreiche Bildseiten, die ein unmittelbares Anschauen beim Lesen unterstützen, umfangreicher, aber ebenso brillant. Auch diejenigen, die sich bereits mit Moores Ansatz, Weg und seinen Arbeiten befasst haben, erfahren umfassend Neues. Den Einstieg bilden wiederum Fragestellungen, diesmal zu Leib- und Raumeserfahrung. Wer sich auf diese Fragen einlässt, kann in diesen Momenten klüger als man selbst werden, weil wir ein geführtes Gedankenschweifen erleben.
Was hier abstrakt klingt, gerät zu einem höchst intensiven Seherfahrungs-Parcours, gesteigert durch das Umrunden der einzelnen Skulpturen. Dies wird dem Lesenden ermöglicht durch wunderbare Fotos und eine präzise Versprachlichung der jeweiligen und höchst überraschend verschiedenen Ansichten, deren Einheit sich erst aus der Tätigkeit des aktiven Betrachters ergibt. So müssen Kunstbücher sein! Ich wünsche der Reihe eine weitreiche Leserschaft, die diese Art des Sehens weiter pflegt.
Michael Bockemühl: Kunst sehen. Hans Arp (Band 18) und Henry Moore (Band 20). 88 bzw. 112 Seiten, info3 Verlag, Stuttgart 2024, 16,80 Euro.
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