Die Schüler:innen der Fachschule sitzen im Unterricht und lauschen der Lehrkraft: Kommunikation, das Vier-Ohren-Prinzip nach Schulz von Thun, ist Thema. Eine Studentin unterstützt den Fachunterricht. Sie hat Arbeitsblätter erstellt. Dabei nutzt sie Künstliche Intelligenz (KI), um den Inhalt des Arbeitsblatts in einfache Sprache zu übersetzen und ihn den Fachschüler:innen für die weitere Arbeit vorzulegen.
Einfache Sprache hat die Studentin bereits im Studium gelernt; sie kennt die Maßgaben und Regeln und weiß, worauf es ankommt. Sie lässt sich von Künstlicher Intelligenz bei der Übersetzung helfen, überprüft den Text anschließend und korrigiert ihn. Am Ende der Stunde melden fast alle Schüler:innen, dass sie das Thema auf diese Weise gut verstehen konnten. Einfache Sprache hilft allen in dieser diversen Klasse.
Hintergrund für die Arbeit der Studentin ist das Forschungsprojekt einer jungen Frau, die mit Trisomie 21 lebt. Die Fachschule, die sie besucht, ist auf dem Weg, sich inklusiv zu entwickeln. Studierende erstellen gemeinsam mit Lehrkräften Unterrichtsmaterialien, die das Lernen grundsätzlich erleichtern. Da diese Klasse sehr divers ist und im besten Sinne inklusiv, nutzt diese Unterrichtsentwicklung allen Fachschüler:innen.
Im Anschluss an die Unterrichtseinheit zu Kommunikation erstellt die Lehrkraft für den Test ebenfalls eine Version in einfacher Sprache und nutzt dafür KI. KI kann als Hilfe für inklusiven Unterricht eine wichtige Rolle spielen. In diesem Forschungsprojekt erproben wir deshalb gezielt den Einsatz Künstlicher Intelligenz zur Erstellung von Unterrichtsmaterialien.
Hintergrund
Die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz verändert gegenwärtig nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche: Bildung, Arbeit, Kommunikation, Partizipation und Inklusion. Der letzte Staatenbericht zur UN-Behindertenrechtskonvention im August 2023 hat Deutschland in der Entwicklung schulischer Konzepte für inklusive Bildung vehement kritisiert. In der Verschränkung inklusiver und digitaler Entwicklung eröffnet sich jedoch ein spannendes und spannungsreiches Feld: KI kann Inklusion fördern. Das Konzept der «Diklusion» denkt Digitalisierung und Inklusion zusammen.
Künstliche-Intelligenz-basierte Technologien versprechen zunächst eine erhebliche Erweiterung inklusiver Möglichkeiten. Adaptive Lernsysteme können Lerninhalte individuell anpassen, Spracherkennung und Sprachsynthese erleichtern Kommunikation, und visuelle oder auditive Assistenzsysteme unterstützen Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen. Für Lernende mit unterschiedlichen Voraussetzungen entstehen so neue Zugänge zu Wissen, die zuvor oft durch strukturelle Barrieren eingeschränkt waren. KI kann Texte vereinfachen, Inhalte übersetzen, visuell aufbereiten oder in verschiedene Modalitäten überführen – ein zentraler Schritt hin zu barrierearmen Bildungsangeboten.
Thomas Knaus nennt sieben Kriterien, die im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz zu bedenken sind: KI verändert unsere Welt und wirkt auf Arbeitswelt, Politik, Informationsrecherche, Wissensproduktion und Bildung. KI kommuniziert mit und beeinflusst Prozesse der Wissens- und Meinungsbildung. KI kann jedoch auch zum Bildungs- und Reflexionsgegenstand werden, da sie geduldiger «Lern-Buddy» sein kann oder kritischer «Sparringspartner» in der Begleitung von Lernprozessen oder der Unterstützung von Lehrenden. Als «Blackbox» fordert KI jedoch unsere subjektive Bildung heraus. Medienpädagogische Praxis kann und muss helfen, KI erfahrbar, greifbar, sichtbar und verstehbar zu machen.
Die Potenziale von Künstlicher Intelligenz sind nicht automatisch inklusiv. Systeme Künstlicher Intelligenz basieren auf Daten, und diese Daten sind niemals neutral. Sie spiegeln gesellschaftliche Machtverhältnisse, Vorannahmen und Ausschlüsse wider. Wenn Trainingsdaten bestimmte Gruppen unterrepräsentieren oder stereotypisieren, reproduzieren Systeme Künstlicher Intelligenz diese Verzerrungen. Inklusion wird dann nicht gestärkt, sondern unterlaufen. So kann etwa eine Spracherkennung, die nur auf «Standard»-Sprechweisen trainiert ist, Menschen mit Sprachbesonderheiten ausschließen. Oder ein algorithmisches Empfehlungssystem kann Lernende in bestimmte Bildungswege lenken und damit bestehende Ungleichheiten verstärken.
Hier wird deutlich: Inklusion im Kontext von Künstlicher Intelligenz ist nicht nur eine technische, sondern vor allem eine ethische, politische und pädagogische Aufgabe. Es geht darum, Systeme Künstlicher Intelligenz bewusst so zu gestalten, dass sie Vielfalt berücksichtigen, Transparenz ermöglichen und Partizipation fördern. Dies erfordert interdisziplinäre Zusammenarbeit sowie die aktive Einbeziehung der Perspektiven von Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Unterstützungsbedarfen. KI wirkt dann inklusionsfördernd, wenn sie didaktisch eingebettet, kritisch geprüft und gemeinsam mit den Lernenden genutzt wird.
Diklusion
Zunächst kommt das Konzept der «Diklusion» ins Spiel – eine Wortschöpfung, die Digitalisierung und Inklusion miteinander verbindet. Diklusion versteht Digitalisierung nicht als neutralen Fortschritt, sondern als gestaltbaren Prozess, der gezielt inklusiv ausgerichtet werden muss. Es geht darum, digitale Technologien von Anfang an so zu denken, dass sie Barrieren abbauen, statt neue zu schaffen. Dies umfasst technische Aspekte der Barrieresensibilität ebenso wie didaktische Konzepte, institutionelle Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Haltungen.
«Diklusion bedeutet die programmatische und systematische Verknüpfung digitaler Medien im Einsatz für die Umsetzung der Inklusion in der Schule. Die Verschränkung der beiden Themen ermöglicht Chancen der Teilhabe.»
Im Sinne der Diklusion bedeutet dies, KI nicht nur als Werkzeug zu begreifen, sondern als Teil eines umfassenden Bildungs- und Partizipationsprozesses. Lehrende werden zu Lernbegleiter:innen, die nicht nur Inhalte vermitteln, sondern auch kritische Medienkompetenz fördern. Lernende sollen nicht nur Konsument:innen von durch KI erzeugten Inhalten sein, sondern diese reflektieren, hinterfragen und mitgestalten können. Inklusion wird so zu einem dynamischen Prozess, der sich im Zusammenspiel von Technologie, Pädagogik und sozialer Praxis entfaltet.
Ein zentraler Aspekt ist dabei die Frage nach Macht und Kontrolle. Wer entscheidet, wie KI eingesetzt wird? Welche Interessen stehen dahinter? Große Technologieunternehmen spielen eine dominante Rolle in der Entwicklung entsprechender Systeme. Ihre wirtschaftlichen Interessen stehen nicht immer im Einklang mit inklusiven Zielen. Daher ist es wichtig, öffentliche, gemeinwohlorientierte Alternativen zu stärken – etwa durch offene Plattformen, transparente Algorithmen und partizipative Entwicklungsprozesse.
Studien zeigen, dass digitale Medien besonders für Schüler:innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf hilfreich sein können, da sie individuelles Lernen und den Erwerb von (Lebens-)Kompetenzen unterstützen. Lehrkräfte können dabei traditionelle und digitale Methoden kombinieren, um Lernumgebungen an unterschiedliche Bedürfnisse anzupassen und Motivation, Selbstständigkeit sowie Eigenverantwortung der Schüler:innen zu fördern.
Universelles Design
Eine wichtige Erkenntnis dabei ist, dass kein Lernmaterial und auch kein Lernzugang für alle Schüler:innen gleichermaßen geeignet ist. Das Center of Applied Special Technology (CAST) entwickelte das Rahmenkonzept des Universal Design for Learning, um sicherzustellen, dass Lernerfahrungen in Schule, Beruf und Alltag so gestaltet werden können, dass sie Stärken fördern und Barrieren abbauen. Jeder Mensch verdient die Chance, sich zu entwickeln und zu entfalten. KI kann dabei helfen, mehrere Zugänge zu Inhalt, Ausdruck und Beteiligung bereitzustellen.
Es geht darum, Schüler:innen verschiedene und flexible Optionen für ihr Lernen anzubieten, die ihren Bedürfnissen entsprechen. Sie sollen die Unterstützung in Anspruch nehmen können, die ihnen jeweils hilft. Das ist einerseits eine große Herausforderung, knüpft andererseits an grundlegende theoretische Überlegungen waldorfpädagogischen Lernens an – kombiniert mit dem weltweiten Wissen im Netz.
Open Educational Resources
Ein besonders relevanter Ansatzpunkt in diesem Zusammenhang sind Open Educational Resources. Open Educational Resources sind frei zugängliche, offen lizenzierte Bildungsressourcen, die genutzt, verändert und weiterverbreitet werden können. Sie verkörpern einen demokratischen Bildungsanspruch: Wissen soll nicht exklusiv sein, sondern allen zur Verfügung stehen. In Verbindung mit Künstlicher Intelligenz eröffnen sich neue Möglichkeiten, denn KI kann helfen, Open Educational Resources automatisch zu übersetzen, zu strukturieren oder in verschiedene Schwierigkeitsgrade zu transformieren. So könnten Lernmaterialien flexibel an unterschiedliche Bedürfnisse angepasst werden – ein zentraler Baustein inklusiver Bildung.
Gleichzeitig stellen sich auch hier Fragen: Wer produziert Open Educational Resources? Wessen Wissen wird sichtbar, wessen bleibt unsichtbar? Werden marginalisierte Perspektiven ausreichend berücksichtigt? Und wer hat überhaupt Zugang zu den digitalen Infrastrukturen, die für die Nutzung notwendig sind? Ohne kritische Reflexion besteht die Gefahr, dass auch offene Bildungsressourcen bestehende Ungleichheiten reproduzieren.
Wir haben den Auftrag, die Chancen kollaborativer Entwicklung zu erkunden und zu nutzen. Das entspricht einer Kultur des Teilens und kann insbesondere beim Aufbau neuer Plattformen helfen. Wichtig dabei sind Rückmeldungen und die sorgfältige Überarbeitung des Materials.
Auch die Qualifizierung von Fachkräften ist entscheidend. Pädagog:innen benötigen nicht nur technisches Wissen, sondern auch die Fähigkeit, KI kritisch einzuordnen und inklusiv zu nutzen. Das betrifft sowohl die Ausbildung als auch die kontinuierliche Weiterbildung. Wahrnehmungsfähigkeit, Reflexionskompetenz und eine wertschätzende Haltung gegenüber Vielfalt bleiben zentrale Grundlagen pädagogischen Handelns – auch und insbesondere im digitalen Zeitalter.
Darüber hinaus muss Inklusion immer auch strukturell gedacht werden. Digitale Technologien können individuelle Unterstützung bieten, doch sie ersetzen nicht die Notwendigkeit, gesellschaftliche Barrieren abzubauen und Wege der Partizipation zu beschreiten. Zugang zu Geräten, Internet und digitaler Bildung ist ungleich verteilt. Ohne entsprechende Infrastruktur und politische Maßnahmen bleibt das Versprechen digitaler Inklusion unvollständig.
KI birgt enormes Potenzial für inklusive Bildung und gesellschaftliche Partizipation. In Verbindung mit Open Educational Resources und im Rahmen einer diklusiven Perspektive können neue Lernräume entstehen, die Vielfalt anerkennen und individuelle Wege ermöglichen. Gleichzeitig erfordert dies eine bewusste, kritische und verantwortungsvolle Gestaltung. Inklusion ist kein automatisches Ergebnis technologischen Fortschritts, sondern ein normativer Anspruch, der aktiv verfolgt werden muss.
Es gibt viel zu bedenken, wenn wir mit Künstlicher Intelligenz umgehen. Sie zu ignorieren wäre nicht der richtige Weg, weil sie Chancen bietet. Wir müssen uns also damit beschäftigen und lernen, mit ihr umzugehen.
Die Herausforderung besteht darin, KI nicht nur effizient, sondern gerecht zu gestalten. Das bedeutet, Vielfalt als Ausgangspunkt zu nehmen, Partizipation zu ermöglichen und Machtstrukturen zu reflektieren. Nur so kann KI zu einem Instrument werden, das nicht trennt, sondern verbindet – und das dazu beiträgt, eine Gesellschaft zu gestalten, in der alle Menschen ihren Platz finden und ihre Potenziale entfalten können. Ein wichtiger Punkt ist dabei, dass Individuen die Voreinstellungen Künstlicher Intelligenz verändern oder das «Lernen» entsprechender Systeme steuern könnten.
Das kann und will vielleicht nicht jede:r. Dennoch liegt es in unserer Verantwortung, uns damit zu beschäftigen – auch im Sinne der Jugendlichen an unseren Schulen. Die Entwicklung ist so rasant, dass wir sie nicht ignorieren können und dürfen. Es kann hilfreich sein, KI neugierig, offen und spielerisch als etwas Neues zu betrachten.
Wenn wir das bedenken, macht es auch Spaß, zu probieren und zu entdecken, was möglich ist, um als Pädagog:in den Alltag zu erleichtern und vielleicht mehr Zeit für das Wesentliche zu gewinnen – von Big Data zu Deep Data of Humanity.
Mir geht es im Kontext von Inklusion und Partizipation darum, Unterrichtsmaterialien für Schüler:innen zu adaptieren. Dazu nutze ich unter anderem Materialien, die ich als Open Educational Resources finde, passe sie gegebenenfalls mit Hilfe Künstlicher Intelligenz an, bevor ich sie nutze. Ich lasse mir helfen; den letzten Schliff gebe ich selbst. Ich lese viel und höre Menschen zu, die schon lange über diese Themen nachdenken. Für mich ist es wichtig, mir ein eigenes Bild zu machen, um dann einen Weg des Umgangs zu finden – für mich und die jungen Menschen, die ich unterrichte.
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