Sachbuch

Leben im ewigen Eis

Christian Boettger

Darüber hinaus war ihr Vater ein von mir geschätzter Kollege. Auch ihre drei Geschwister habe ich als Lehrer über viele Jahre betreut.  Der Kontakt zu Aurelias Familie ist nicht abgerissen und so wusste ich von ihrer Überwinterung und hatte auch in der Entstehungsphase des Buches lockeren Kontakt zu ihr.

Aurelia entfacht mit diesem Buch zunächst das Interesse für diesen oft vergessenen Kontinent und seine in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannte Bedeutung für die klimatischen Verhältnisse auf der ganzen Erde.  Neben allen weiteren Themen leuchtet immer wieder die nicht nachlassende Faszination für diese magische Welt aus Kälte, Sturm und Eis als eine der sogenannten Todeszonen (für Menschen) der Erde durch Daneben ist Ihre Art für Wissenschaft und Technik zu begeistern einfach herzerfrischend. Schier unbändige Kraft und Lebenslust strahlen von ihr und ihren Schilderungen aus.

Im Grunde geht es um eine sogenannte Überwinterung eines Teams aus neun ausgewählten Fachleuten, die unter den extremen Bedingungen des Kontinents acht Monate lang ohne irgendeine Chance auf Evakuierung auf der Neumayer-Station wichtige meteorologische und geowissenschaftliche Untersuchungsreihen fortsetzen müssen und dabei außerdem für die gesamte technische Funktionsfähigkeit der Station verantwortlich sind. In der Polarsommerzeit wächst das wissenschaftliche und technische Team dann auf bis zu 50 Personen an, die dann auch koordiniert und verpflegt werden müssen. Damit das Team auch wirklich autonom überlebensfähig ist, hatte Aurelia Hölzer als erfahrene Chirurgin nicht nur die gesamte medizinische Verantwortung für die Crew, für die ihr eine für nahezu alle Fälle bestens eingerichteten medizinische Station zur Verfügung stand, sondern auch die Verantwortung als Leitung der Neumayer-Station und der Überwinterung.  Sie hatte sich als Gefäßchirurgin in Zusatzausbildungen in Unfallchirurgie und auch in zahnmedizinischen Grundlagen qualifiziert, denn auch letzteres Gebiet musste auf der Station im Notfall versorgt sein. Es gelingt ihr dann auch eine solche Behandlung mit Unterstützung durch Backup-online Zahnärzte in Deutschland und auch wieder in einem Schnellkurs zur Assistenz ausgebildeten Teamkolleg:innen erfolgreich durchzuführen. Eine große Wertschätzung aller vielfältigen Fähigkeiten, der verschiedenen Teammitglieder (im technischen und wissenschaftlichen Bereich) und natürlich der Menschen selbst ist eine der Grundlagen der äußerst positiven Erfahrungen des Teams, die durch Aurelia Hölzer eindrücklich beschrieben werden. So wird auch auf die Bedeutung der schier unerschöpflichen Kreativität des Küchenmeisters intensiv eingegangen, dem es gelungen ist, alle Geschmäcker des anspruchsvollen Teams immer wieder zu treffen.

Eine solche Station verfügt über ein eigenes Blockheizkraftwerk für die Strom- und Wärmeversorgung, über eine Windkraftanlage, einen umfangreichen Fahrzeugpark mit Pisten Bullis und Skidoos, über eine eigene Abfallentsorgungsanlage usw. Alles muss trotz und gerade wegen der extremen Verhältnisse 100%ig funktionieren, immer wieder geprüft und manchmal auch repariert werden. Auch die Kommunikation und IT-Versorgung braucht eine Fachperson vor Ort, denn unter anderem hängt von dem Datentransfer der Messergebnisse die Wettervorhersage für die ganze Welt ab. Auch die gesamte Logistik eines solchen Forschungsunternehmens wird eindrücklich geschildert.

Wir sind durch den Fortschritt in den letzten 100 Jahren fast Lichtjahre entfernt von den wagemutigen ersten Erforschungsexpeditionen durch Amundson, Scott und auch Hillary und trotz aller Sicherheitssysteme die es heute gibt, wird deutlich wieviel Mut dennoch dazugehört solch eine Aufgabe für ein Jahr zu übernehmen.

Ein letzter Aspekt für diese Besprechung sei noch ergänzt: Wenn man heute die vielen Schwierigkeiten erlebt, die Menschen in der beruflichen und privaten Situation im Zusammenleben haben und hier neun Menschen, die sich zunächst überhaupt nicht kannten, mit einem täglich hohen individuellen Arbeitspensum in einer unwirtlichen Umgebung, auf sehr begrenztem Raum, unter hohen Sicherheitsanforderungen zusammengewürfelt sind, ist die Teamarbeit ein zentrales Thema. Wie schaffen es diese neun Menschen über 54 Wochen sich so zu arrangieren, dass sie bestmöglich, wertschätzend und partnerschaftlich miteinander umgehen? Aurelia Hölzer berichtet, wie kreativ, spielerisch und fantasievoll die Crew ihren Alltag, ihre Arbeit und Freizeit gestaltet. Die Wertschätzung untereinander und sicher auch viel Glück in der Zusammensetzung, sowie die hochgelobte Begleitung durch das Team des Alfred-Wegener-Instituts, das die gesamte Arbeit auf der Station verantwortet, haben sicher dazu beigetragen, aber auch das hohe Bewusstsein für die Herausforderung an jede einzelne Person. Man darf aus Teambildungsgründen nur einmal an einer Überwinterung teilnehmen, damit wird das Erfahrungsgefälle in der Gruppe minimiert.

Zum Abschluss dieses faszinierenden Buches soll nicht verschwiegen werden, dass die Begeisterung der Autorin und ihres Teams für die grandiose Eislandschaft, für die Kaiserpinguine, die Nordlichter und die über das Jahr hinweg unterschiedlichen Farbspiele des Sonnenlichts eine große Sehnsucht nach ähnlichen Erfahrungen beim Lesen entstehen lassen. Das sei als augenzwinkernde Warnung ausgesprochen. Keiner der Menschen, die so eine Erfahrung gemacht haben, wird danach so weiterarbeiten und leben wie vorher. Wäre es nicht gut unser Leben auf ähnliche Beine zu stellen wie die der Neumayer-Station III, die durch die Eisbewegungen im Untergrund ständig in Bewegung ist (150 m im Jahr).

Aurelia Hölzer: Polarschimmer. Eine Welt aus Eis und Licht - 54 Wochen in der Antarktis. 320 Seiten, Malik Verlag 2024, 22 Euro.

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