Klassenzimmer

Leben und Liebe. Eine Epoche zur Lebens- und Sexualerziehung.

Sven Saar

Für sozial wichtige und zugleich sehr persönliche Bereiche wie Liebe und Sexualität ist es von besoanderer Bedeutung, Beziehungen zu erforschen, Werkzeuge zum sorgsamen und verantwortungsvollen Umgang auf diesem Feld zu erhalten und zu lernen, den eigenen Instinkten und Intuitionen zu vertrauen.

Aus diesem Grund erwog ich 2005, für meinen zweiten Klassenzug eine Sexualkunde-Epoche zu entwerfen. Basis meines Entwurfs war der Hinweis Rudolf Steiners im ersten Lehrerkurs, die Sache »im Großen« zu betrachten und sich durch die Naturreiche sozusagen hinaufzutasten (Steiner 2020).[1]

Natürlich würde es mehr brauchen: Die Epoche musste zum richtigen Zeitpunkt stattfinden.

Sie sollte durchweg von einer ganzheitlichen Stimmung erfüllt sein, die Wissenschaft, Kunst und Ehrfurcht gleichermaßen berücksichtigt und gleichzeitig Gefühle des Staunens, der Schönheit und der Positivität ermöglicht. Sie musste zeitgemäß, respektvoll, furchtlos und körperpositiv sein: Kein Kind sollte sich – bei aller zu überwindenden Peinlichkeit – bloßgestellt oder traumatisiert fühlen. Außerdem war mir klar, dass die Lehrkraft gutes Fachwissen, lebendigen Humor, Aufgeschlossenheit und ein waches Gespür für die Fragen der Zeit benötigt.

Die Epoche sollte nicht die Verantwortung der Eltern übernehmen, ein ihren Vorstellungen entsprechendes erstes Aufklärungsgespräch zu führen. Sie musste auf dieses Gespräch folgen. Hinterher sollten sich die Schüler:innen auf neue Art befähigt fühlen, mit sich selbst und anderen in einen Austausch über sexuelle und romantische Fragen zu treten, ohne dabei übergriffig zu werden.

Nach meiner Erfahrung liegt der beste Zeitraum für die Epoche zwischen Dezember in der sechsten und Dezember in der siebten Klasse. Zu dieser Zeit findet in der Entwicklung eine Art Atempause statt: Man ist nicht mehr Kind, aber noch nicht so recht Teenager. Lehrkräfte müssen die Wachheit für romantische und sexuelle Themen wahrnehmen. Entscheidend für den richtigen Zeitraum ist, dass die Schüler:innen bereits Interesse zeigen, selber aber noch nicht sexuell aktiv sind.

Den Anfang im Klassenzimmer macht eine einfache Frage: Wie würdest du den Unterschied zwischen Mann und Frau in einem Diagramm darstellen? Darüber kommen wir gleich ins Gespräch: Gibt es hier eine eindeutige Linie? Wir werden noch auf Gender, biologisches Geschlecht und sexuelle Orientierung zu sprechen kommen; zu diesem frühen Zeitpunkt können wir aber schon programmatisch darauf hinweisen, dass die Grenzen nicht eindeutig verlaufen. Wir beginnen, das Feld des Männlichen und Weiblichen anhand der Pflanzenwelt zu erforschen: hier finden wir schon »Ovarien« und »Samenzellen« und die Schüler:innen dürfen gern verlegen kichern. Bald haben wir uns an das Vokabular gewöhnt: es sind ja nur Blumen! Im Zusammenhang mit der Bestäubung kommen wir in das Reich der Insekten, und können uns kurz mit der wunderbaren Metamorphose des Schmetterlings beschäftigen. Über die Lebens- und Fortpflanzungsrhythmen der Eintagsfliege und des Lachses arbeiten wir uns durch das Tierreich, bis wir bei Säugetieren und Menschen angekommen sind.

 

Fortpflanzungen

Eltern

Verhältnis

Pflanzen

Samen fallen nahe der Elternpflanze und / oder werden durch Wind, Wasser oder Tiere fortgetragen

Bleiben am Ort

keines

Insekten

Paarung von M und W, Eier werden geleget

Ziehen weiter oder sterben

keines

Fische und Amphibien

W legt Eier, M befruchtet sie

Ziehen weiter

keines

Vögel

Paarung von M und W, Nestbau

Bleiben und erziehen die Jungen bis zum Selbstflug, danach meist Trennung. Manche Eltern bleiben lebenslang verbunden

Die meisten Eltern entlassen die Jungen und beginnen eine neue Saison

Säugetiere

Paarung von M und W, Lebendgeburt

Jungtiere werden gesäugt und bis zur Geschlechtsreife erzogen. Dann entfernen sich die meisten Jungtiere, und ide Eltern bleiben. Kinder werden Teil der Familie

Lebenslange Beziehung möglich, aber meist nicht in der Kind-Eltern-Rolle

Menschen

Paarung von M und F

Kinder werden etwa ein Viertel ihres Lebens umsorgt und erzogen

Lebenslange bewusste Beziehung unvermeidbar: Niemand vergisst seine Eltern oder Kinder, wenn es ein Verhältnis gab.

Am Ende der ersten Woche angelangt darf es persönlich werden und die Schüler:innen bekommen die Aufgabe, für jedes Jahr ihres Lebens ein Ereignis aufzuschreiben. Zunächst geht das noch leicht, aber nach und nach verblassen die Erinnerungsbilder, und die Eltern müssen gefragt werden. Es folgen interessante Gespräche am abendlichen Tisch: Wie war das eigentlich, als ...

Mein Leben (bis jetzt): = My life (until now)

Als ich ... war
Mit ... Monaten
Am Tag nach meiner Geburt
An meinem Geburtstag
So haben sich meine Eltern kennengelernt:
... und wer bin ich?

Auch ungewöhnliche oder problematische Geburtskonstellationen können so besprochen werden: ist das Kind adoptiert, haben sich seine gleichgeschlechtlichen Eltern für eine alternative Form der Befruchtung entschieden, gab es eine nur kurze Freundschaft zwischen Vater und Mutter? Das Wort normal sollte in diesem Zusammenhang gar nicht fallen. Vorrangig ist, dem Kind das Gefühl zu vermitteln: Du wurdest gewollt und bist hier willkommen!

Zu Beginn der zweiten Woche behandeln wir das sich im Mutterleib entwickelnde Kind: durchaus wissenschaftlich fundiert, aber noch mit Betonung auf das Staunen über das Wunder menschlichen Lebens und menschlicher Individualität. Über die Beschreibung des biologischen Zeugungsvorgangs können wir auch Aufbau und Funktion der Geschlechtsorgane thematisieren und dabei nach Möglichkeit sachlich und nüchtern vorgehen. Die Klasse wird gefragt: »Könnt ihr einen Penis zeichnen?«, und das geht natürlich leicht. Die Aufgabe führt zu Heiterkeit und baut Hürden ab. Die nächste Frage kann konsternierend wirken: »Könnt ihr eine Vulva zeichnen?« Nach einer britischen Umfrage waren 2013 über die Hälfte der befragten Frauen nicht in der Lage, die einzelnen Bestandteile der Vulva, also ihrer eigenen äußeren Geschlechtsorgane zu benennen: Venushügel, innere und äußere Schamlippen, Scheidenvorhof und Klitoris (The Eve Appeal 2013). Das hat sicher auch kulturelle Gründe: Historisch mussten Mädchen und Frauen viel mehr als Jungen und Männer unter Schamgefühlen leiden, wenn es um ihre Geschlechtsorgane und deren Funktionen ging. Wir können viel zu einem positiven und unverkrampften Körperbild beitragen, wenn wir ruhig und sachlich alles benennen, was benannt werden soll.

Wichtig ist hier der generelle Hinweis, dass Lehrer:innen im Laufe der Epoche niemals auf die Körper ihrer Schüler:innen oder auf sich selber verweisen: Natürlich wissen wir alle, dass es uns angeht, also müssen wir niemanden bloßstellen. Unser Vertrauensverhältnis erlaubt es, uns auch still zu verstehen.

Das Thema der Menstruation muss mit allen Schüler:innen behandelt werden: die Jungen in der Klasse sollen ja die Mädchen und Frauen in ihrem Leben mit Achtung und Verständnis begleiten und brauchen dafür ein positives Bild der Vorgänge im weiblichen Körper. In Mitteleuropa werden menstruierende Frauen im Allgemeinen nicht mehr als unrein angesehen, es gibt aber noch Überreste der Ausgrenzung und Selbstverleugnung. Dagegen anzugehen, sollten moderne Pädagog:innen als ihre Aufgabe sehen, trägt es doch entscheidend zur Sozialisation, Qualifikation und Individuation der sich entwickelnden Menschen bei. Direkte und individuelle Fragen können Schülerinnen dann in einer gesonderten Stunde der Biologielehrerin oder Schulärztin stellen.

Bei den Jungen gestaltet sich die Sache mit der Offenheit etwas schwieriger, sind ihre Ausflüsse doch meistens mit Lustgefühlen verbunden. Wir bewegen uns also in einem emotionaleren, weniger objektiven und seelisch intimeren Bereich als bei der Menstruation. Das sollte uns nicht davon abhalten, Samenergüsse und die (männliche und weibliche) Masturbation generell als natürlich und gesund darzustellen. Es wird (noch) nicht nötig sein, auf diese Vorgänge detailliert einzugehen.

In der Mitte der zweiten Woche kommt ein wichtiges Werkzeug zum Zug: Der Fragekasten. Dafür erhalten alle Schüler:innen ein identisch aus- sehendes Blatt Papier, sie schreiben ihre Fragen auf und werfen sie in einen Kasten. Der Lehrer oder die Lehrerin anonymisiert die Fragen und präsentiert in den folgenden Tagen an passenden Stellen im Unterricht die Antworten.

Hier sind einige der Fragen aus der realen Praxis: Was heißt: Hure, Nutte, Fotze, Schlampe, Bitch? Was ist ein Kondom und wie benutzt man es? Wie oft pro Woche haben Erwachsene Sex? Ist es gesund, sich eine Gurke in die Vagina zu stecken? Wie geht Analsex? Was darf man alles mit ei-ner Nutte machen? Was heißt masturbieren? Warum ist Sperma weiß? Gibt es in Deutschland Vergewaltigungen? Kann ein Mann sich selber einen blasen? Können Menschen Sex mit Tieren haben? Ist es ungesund, wenn Spermien in den Mund kommen? Wie haben Schwule Sex? Was ist pädophil?

Nach und nach kommen alle Fragen zur Behandlung. Dabei gehen wir nicht gleich vor: Fragen wie »Warum ist Sperma weiß?« oder »Ist Sperma giftig?« können kurz und sachlich beantwortet werden. »Was darf man alles mit einer Nutte machen?« oder »Können Frauen gleichzeitig Sex mit sechs Männern haben?« offenbaren Einflüsse von Pornografie und sexistischem Denken, und müssen kontextualisiert werden: Wichtig ist hier nicht nur die Antwort, sondern vor allem das Gespräch.

Nach und nach arbeiten wir uns durch die Thematik, und mit jeder unverkrampften und respektvollen Antwort nimmt das gegenseitige Vertrauen zu. In den folgenden Tagen wird das Ge- fühl, das mit der Sexualität oft motivisch verbunden ist, thematisiert: die Liebe. Wir lernen und besprechen das Gedicht »The Clod & the Pebble« von William Blake (1757–1827).

Der Ton und der Kiesel

»Der Liebe Sinn steht nicht nach Selbstgenuss,
Noch sorgt sie sich ums eig’ne Sein;
Für den and’ren leidet sie Verdruss,
Erschafft einen Himmel aus Höllenpein!«
So sprach ein kleiner Klumpen Ton, Zertreten von den Rinderhufen.

Doch ein Kiesel, voller Hohn, Fing daneben an zu rufen:

»Der Liebe Sinn steht nur nach Selbstgenuss,

Den And’ren zu binden für alle Zeit;
Frohlockt sie ob des And’ren Verdruss,
Erschafft im Himmel ein Höllenleid!”

(Übersetzung: Sven Saar)

In der Arbeit an diesem Gedicht gehen wir der Frage nach, warum uns die Liebe sowohl glücklich als auch unglücklich machen kann. Wir zeichnen eine Mind Map mit Beispielen für Tonliebe (Elternliebe, Selbstaufopferung, Dankbarkeit) und Kieselliebe (Eifersucht, Besitzanspruch, Verlustangst). Jetzt haben wir eine nützliche Metapher, um menschli- ches Verhalten untersuchen zu können. Das geschieht in den darauffolgenden Tagen mit einer der schönsten mittelalterlichen Liebesgeschichten: Tristan und Isolde. In ihr haben wir es mit einer sehr deutlichen Polarität zu tun: Mann – Frau, Liebe – Pflicht, Besitzdenken – Selbstlosigkeit, Eifersucht – Heilwille. Anhand der Geschichte entdecken die Schüler:innen mit unserer Hilfe, dass das Leben immer vielfältig und kaum eine Situation moralisch eindeutig ist. Hier wäre ein guter – sicher nicht der einzige – Ansatzpunkt, über Genderidentität und sexuelle Orientierung zu sprechen. Die pädagogische Aufgabe besteht darin, Heranwachsende bei ihrer Suche nach Orientierung und Selbstfindung zu unterstützen. So öffnet der Unterricht Türen – ob sie hindurchgehen, muss ihnen überlassen bleiben. Im Jahr 2018 gab ich das folgende Aufsatzthema:

Vor zehn Tagen ist mir etwas Krasses passiert: Ich wachte auf und fand diese Karte auf meinem Nachttisch:

Herzlichen Glückwunsch!
Du wurdest für ein Tauschexperiment ausgewählt! Ab heute gehörst du für sieben Tage zum anderen Geschlecht.
Viel Spaß, und vergiss nicht, darüber zu berichten!

Ihr könnt euch vorstellen, wie geschockt ich war! Ich hob meine Bettdecke – und es war wahr!!! So ging das weiter: ...

Die Freiheit des Ozeans

Aus heutiger Sicht – und es sind nur vier Jahre vergangen – erscheint mir die Aufgabenstellung zu binär: Sie reduziert Realität und Phantasieanwendung auf nur eine Möglichkeit: vom Jungen zum Mädchen oder umgekehrt. So war jedenfalls meine Wahrnehmung zu der damaligen Zeit, inzwischen würde ich das anders greifen. Die Schüler:innen schrieben damals mit selten erlebter Arbeitsfreude und genossen die Vorstellung der Ergebnisse am kommenden Tag. Es gehört zum Phänomen der sich unglaublich schnell wandelnden und entwickelnden gesellschaftlichen Werte auf diesem Feld, dass wir uns der zeitlich begrenzten Wertigkeit unserer Bilder und Arbeitsaufgaben bewusst sein müssen. Das darf uns nicht lähmen, sondern erzieht uns zur Bescheidenheit: Schließlich geht es hier nicht um unsere Zukunft, sondern um die der Schüler:innen, die die Freiheit eines Ozeans erleben dürfen, während vergangene Generationen noch auf Flüssen zwischen engen Uferböschungen trieben. Auf dem Meer zu navigieren, bedarf anspuchsvollerer Instrumente, und sie zu liefern, sehe ich als Teil unserer Aufgabe als Lehrer:innen.

In gewisser Weise vorausschauend, sprechen wir abschließend über die Themen Respekt, Zustimmung, Missbrauch, Übergriffigkeit, Privatsphäre und Verhütung. Das setzt vor allem Impulse und übersteigt den Rahmen der Epoche. Wichtig ist, dass wir durch die intensive, vertrauensvolle und detaillierte Weise unseres Vorgehens eine Atmosphäre geschaffen haben, in der der Austausch über Liebe und Partnerschaft nun leichter wird. Wir haben Schwellen abgebaut und Werkzeuge geliefert.

Rückblickend auf die Epoche zeigen sich fast alle Schüler:innen erleichtert, dass es im nächsten Block wieder um Mathe geht – sie drücken aber auch klar aus, dass sie für die erhaltenen Impulse dankbar sind. Hoffentlich haben sie an Selbstvertrauen, Empathie und Sozialfähigkeit gewonnen und stehen nun ein wenig sichereram Steuer ihres Schiffes.

Literatur:

Gert J.J. Biesta: The Beautiful Risk of Education. Boulder 2014. | Rudolf Steiner: Seminar am 3.9.1919, zitiert aus Studienausgaben zum ersten Lehrerkurs, Dornach 2020, S. 597. | The Eve Appeal, 2013. Eine äußerst lohnenswerte Serie von kurzen Dokumentarfilmen, die auch für Schüler:innen der Mittelstufe gut geeignet sind (allerdings auf Englisch – vielleicht für den Fremdsprachenuntericht?): www.theguardian.com/lifeandstyle/series/vagina-dispatches

[1] Rudolf Steiner: Seminar am 3.9.1919, zitiert aus Studienausgaben zum ersten Lehrerkurs, Dornach 2020, S. 597.

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