«Das Buch richtet sich in erster Linie an Waldorflehrkräfte, gleichzeitig aber auch an ein größeres Publikum wie Eltern oder andere an der Waldorfpädagogik Interessierte», erklärt Hassenstein. Deshalb erscheint der horizontale Lehrplan – der Überblick über das gesamte Fächerspektrum eines Schuljahres – weiterhin gedruckt. Die vertikalen Lehrpläne hingegen, die fachspezifisch die Inhalte eines Fachs über alle Jahrgänge hinweg behandeln, gibt es nur noch digital. Das macht das Buch schlanker und flexibler zugleich: «In den konkreten vertikalen Bereichen verändert sich schneller etwas, und das können wir jetzt in kürzeren Abständen online aktualisieren.» Einzelne Fächer lassen sich unabhängig voneinander überarbeiten, ohne dass gleich alle Kapitel neu geschrieben werden müssen. Das Versionsdatum wird sichtbar ausgewiesen. Dass die Buchausgaben nur etwa alle zehn Jahre erscheinen, findet Hassenstein angemessen. Änderungen zwischen den Ausgaben werden als Ergänzungen auf der Homepage veröffentlicht. Das Buch mit dem horizontalen Lehrplan beinhaltet einführende Kapitel in Waldorfpädagogik und Lehrplan sowie neuerdings auch ein Kapitel zu Synergieeffekten: jahrgangsübergreifender und fächerübergreifender Unterricht. «Das sind Aspekte, die sich im Vertikalen nicht gut abbilden lassen», erklärt Hassenstein – denn die vertikalen Lehrpläne leben von der Spezialisierung auf das einzelne Fach.
Hundert Lehrkräfte, ein Initiativkreis
An der aktuellen Überarbeitung waren rund 100 Lehrkräfte beteiligt – 20 mehr als bei der vorigen Ausgabe. «Die Fachlehrpläne sollen nicht am Schreibtisch entstehen, sondern aus der Praxis kommen und da sind Perspektiven von vielen Menschen wichtig.» Die Autor:innen stehen vornehmlich im aktiven Unterricht – in der Schule oder in der Lehrkräftebildung. «Es soll gewährleistet werden, dass der Lehrplan sich in der Praxis entwickelt, im Austausch mit den Schüler:innen», so Hassenstein. Eine Ausnahme gibt es aktuell beim Fach Geschichte: Die Erkenntnisse insbesondere in der Urgeschichte und die gesellschaftliche Geschichtsrezeption haben sich so stark verändert, dass nicht auf langjährig Erprobtem aufgebaut werden konnte. «Aber die an der Lehrplanformulierung beteiligten Lehrkräfte haben Erfahrung im Unterrichten und in der Waldorfpädagogik. Sie trafen neue Formulierungen in intensiver Auseinandersetzung mit den Anliegen Steiners für den Geschichtsunterricht.» Koordiniert wird die Arbeit vom Initiativkreis, den Hassenstein vor zwölf Jahren gemeinsam mit Christian Boettger und Tobias Richter ins Leben gerufen hatte – es war eines seiner ersten Projekte an der Forschungsstelle. In der aktuellen Ausgabe bestand das Gremium aus sechs Mitgliedern. In ruhigen Phasen trifft man sich einmal jährlich, in Überarbeitungsphasen gibt es auch mal mehrere mehrtägige Klausuren pro Jahr. Für die Zukunft ist der Kreis neu zusammengestellt: Rita Schumacher, Petra Hamprecht-Krause und Vanessa Pohl sorgen für Kontinuität, Ingo Christians, Jessica Krause, Jaromir Palmetshofer und Leonard Weiß kommen neu dazu.
«Das war schon etwas sehr Besonderes»
Wenn Hassenstein über seine Arbeit spricht, schwingt viel Begeisterung mit. «Das ist eine intensive Arbeit, wo man sich auch persönlich gut kennenlernt», sagt er über die Klausurtreffen des Initiativkreises. «Das war schon etwas sehr Besonderes.»
Was ihn darüber hinaus trägt, ist der Kontakt zu den vielen beteiligten Lehrkräften: «Zu den meisten hatte ich mindestens einmal Kontakt.» Zumindest per E-Mail, oft auch in Rückfragen, stand er mit allen 100 in Verbindung. «Und das finde ich schon auch eine sehr schöne Sache an dieser Aufgabe, das Ganze zu koordinieren. Diese Vernetzung, die dabei passiert, und der Kontakt zu den Menschen.» Es sind genau diese Begegnungen, die für ihn den Unterschied machen zwischen einer rein administrativen Koordinationsaufgabe und einer Arbeit, die man wirklich gerne macht.
Kein Vorschriftenwerk, sondern eine Einladung
Den Lehrplan versteht Hassenstein, der die Forschungsstelle Ende Juli verlassen hat, nicht als Regelwerk, sondern als Angebot zur Orientierung: Er ist als Beispiel gedacht, nicht als Vorschriftenwerk. Die Inhalte müssten im Dialog mit den Schüler:innen ausgewählt werden. Gerade junge Lehrkräfte könnten davon profitieren, aber auch Erfahrene fänden immer wieder neue Impulse. Dieses Selbstverständnis prägt auch die Haltung des Initiativkreises. «Wir empfinden uns eher als dienend denn als herrschend», betont Hassenstein. «Wir wollen der Waldorfwelt nicht verordnen, was da geschieht. Sondern wir möchten etwas bereitstellen, das ermöglicht.»
Zukünftig soll das auch über die geplante Mediathek geschehen – eine Plattform, die aktuelle Unterrichtsinhalte bereitstellt und etwa auch die Weitergabe von veralteten Epochenheften, was leider teilweise immer noch Usus ist, ablöst. Bisher wurden oft jahrzehntealte Unterrichtsvorbereitungen von Kollegin zu Kollege weitergereicht – eine liebgewonnene, aber nicht immer zeitgemäße Praxis. Der Lehrplan soll dort direkt integriert sein, als Werkzeug, das «einerseits konkret ist und auf der anderen Seite die grundlegenden Gedanken dazu jederzeit wahrnehmbar macht.» ‹›
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