Ausgabe 12/23

Leichter denken und lernen

Thine Johanna Lauff
Dirk Häger

Bald ist es soweit: der Wechsel an die Waldorfschule im nächsten Sommer kündigt sich an. In der Schnupperstunde an der Schule möchte Max nicht mitmachen, er bleibt auf dem Schoss der Mutter sitzen, die ganze Zeit. Im anschließenden Gespräch berichtet die Mutter, Max sei schon immer etwas schüchtern gewesen. Nimmt er Kontakt auf, dann ist es immer sehr grob und die anderen Kinder sind davon erschrocken. Während des Gespräches soll Max ein Bild malen – die Motive Haus, Baum und Mensch. Max hat noch nie gerne gemalt. Und tatsächlich ist am Ende nur ein Strichmännchen und ein Leiterbaum zu sehen, beide irgendwo in der Luft, noch nicht auf dem Boden. Auch der Stiftgriff ist auffällig und Max zeichnet mit viel Druck. Später in der Schule wandelt sich sein schüchternes Verhalten in das Gegenteil. Er wird laut, obwohl er eigentlich über die Lautstärke in der Klasse klagt. Er wird zum Teil aggressiv, unruhig, hampelig, ein Klassenclown. Oder aber er sitzt unterm Tisch und versteckt sich vor den Anforderungen der Lehrerin. Es hat einen Grund, warum ein Kind nicht malen möchte, oder Mamas Schoß nicht verlassen möchte und das hat nichts mit Lust oder Willen zu tun.

Konzentration, psychische Stabilität, Sicherheit und Kraft im Leben, Denken, Fühlen und Wollen sowie feinmotorische Fähigkeiten sind Ergebnis eines mehrstufigen Entwicklungsprozesses. Für die Entwicklung der mittleren und oberen Sinne wie Sehen und Hören und die damit verbundene Möglichkeit, sich mit der äußeren Welt konzentriert lernend auseinanderzusetzen, ist die Entwicklung der unteren Sinne die Voraussetzung. Damit wir das Außen wahrnehmen können, müssen wir zuerst lernen, uns von innen wahrzunehmen. Dieser Prozess der Entwicklung der unteren Sinne, insbesondere Tastsinn, Gleichgewichtssinn und (Eigen-)Bewegungssinn, aber auch Lebenssinn beginnt bereits in der Schwangerschaft, wird durch die Geburt fortgeführt und insbesondere im ersten Lebensjahr weiterentwickelt bis mit dem Laufenlernen die wichtigsten Grundlagen gelegt sind.

Was hat dies alles mit Schule und Lernen zu tun? Wenn diese Basisfunktionen in den Bereichen Gleichgewicht, Muskeltonusregulation und Körpereingensinn nicht richtig ausgebildet worden sind, muss später immer das Großhirn mit seiner Kapazität diese Funktionsdefizite ausgleichen. Das Großhirn ist aber der Bereich unseres Gehirns, der für Aufmerksamkeitsfunktionen, Kreativität, Denken und Lernen zuständig ist. Je weniger die Basisfunktionen ausgebildet sind, umso weniger Kapazität hat das Großhirn frei, um sich zu fokussieren, zu denken und zu lernen. Beispielsweise ist das Kind damit beschäftigt, das bloße Geradesitzen auf dem Stuhl mit seinem Großhirn zu organisieren, wodurch es wenig Kapazität übrig hat, um der Lehrkraft zu folgen. Alle diese Kompensationsprozesse unzureichender Entwicklung der unteren Sinne (was auch als neuromotorische Unreife bezeichnet werden kann) sind meist von außen nicht zu erkennen. Was man aber sieht, ist die Unruhe des Kindes, es wechselt ständig die Position, läuft im Klassenzimmer herum oder erbringt nicht seinen Möglichkeiten entsprechende Lernerfolge oder es zeigt sich verhaltensauffällig mit Wut oder Aggressivität oder Flucht aus der Situation. Natürlich sind ebenfalls andere Ursachen denkbar, jedoch ist meist auch eine neuromotorische Unreife beteiligt.

Es gibt nun aus pädagogischer Perspektive eine Möglichkeit, das schulische (und auch das vorschulische) Bildungs- und Erziehungskonzept um eine körperliche Ebene zu erweitern und den Kindern im Schulalltag eine Möglichkeit der Nachreifung der körperlichen Basisfunktionen fürs Lernen zu bieten. Durch die Bewegungsübungen des Gruppenprogramms des Instituts für Neurophysiologische Psychologie (INPP) bekommen die Kinder die Chance, Lücken (die im Übrigen jeder Mensch mehr oder weniger hat, da es die eine perfekte Entwicklung nicht gibt) aus der Reifeentwicklung des ersten Lebensjahres nachzuholen und somit tiefgreifend und auch auf Dauer die neuromotorische Reife zu verbessern, die unteren Sinne zu stärken. An jedem Schultag werden zehn Minuten für die Übungen verwendet. Lehrer:innen, die bereits mit dem Programm arbeiten, berichten von folgenden Beobachtungen: Nach wenigen Wochen fallen die Kinder bei den Übungen nicht mehr um oder zappeln herum, um ihre Gleichgewichtsschwierigkeiten zu kompensieren. Sie fangen an, die Übungen einzufordern. Die Bewegungen werden präziser und koordinierter und es fällt nicht mehr schwer, sie langsam durchzuführen. Die Selbstständigkeit steigt. Es ist deutlich zu sehen, wie sich die Kinder im Gleichgewicht und der Körperwahrnehmung stabilisieren und sie in eine Art Mitte gelangen. Es gibt weniger Handgreiflichkeiten. Die zeitliche Spanne der Konzentration erweitert sich. Das Malen und Zeichnen wird präziser und detaillierter. Die Kinder stöhnen nicht mehr wegen ihrer Aufgaben, sondern kommen leicht ins Tun.

Zurück zu Max. Durch eine Ausrichtung der Schulen auf das Erkennen von Schwächen in den unteren Sinnen und die entsprechende Förderung im Gruppenprogramm steigt der wohlwollende Blick der Lehrer:innen auf sein Verhalten, er hat weniger Negativ-Erfahrungen und im Verlauf der Bewegungsübungen kommt er immer mehr bei sich selber an, sodass er sich freier und selbstbewusster am schulischen Lernen beteiligen kann.

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