Bücher schaffen Erfahrungsräume, in denen unterschiedliche Lebensweisen, Identitäten und Sichtweisen vorkommen sollten.
Auf den ersten Blick scheint das Buch Teckel Tom von Bette Westera ein ganz normales Bilderbuch zu sein. Das ist es auch – aber mit einem kleinen, unscheinbar daherkommenden Detail. Die Geschichte handelt von Dackel Tom, der von einer Familie adoptiert wird. Die Familie besteht aus Papa Pablo, Papa Paul und Tochter Sophie. Im Bilderbuch steht jedoch nicht die Familie im Mittelpunkt, sondern der Dackel. Der Hund erzählt aus seiner Sicht, wie die Adoption erfolgt. Nicht thematisiert wird die Zusammensetzung der Familie, die in diesem Fall nicht der traditionellen Vater-Mutter-Kind-Konstellation entspricht. Dass es in der Familie zwei Papas gibt, ist einfach «normal», ein Fakt der Geschichte.
Dieses Buch zeigt in unaufgeregter Weise ein Familienmodell, das zwar heutzutage in unserer Gesellschaft offiziell anerkannt ist, aber oft noch als anders und neuartig oder bestenfalls als besonders gilt. Um mehr Diversität in den Kanon der Waldorfkindergärten und Waldorfschulen zu etablieren, appellieren Dozent:innen der Alanus Hochschule in Mannheim dafür, diese Art von Bilderbüchern im Alltag beziehungsweise im Unterricht zu nutzen. Das ist ganz im Sinne einer modernen Erziehungskunst, die sich mit Begriffen wie «diversitätssensibel» und «rassismuskritisch» auseinandersetzt.
«Diversitätssensibel zu sein bedeutet, sich der Vielfalt von Menschen bewusst zu sein und ihr respektvoll zu begegnen», sagt Christiane Adam, Juniorprofessorin für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Waldorfpädagogik am Institut für Waldorfpädagogik, Inklusion und Interkulturalität in Mannheim. «Für die Schule bedeutet dies, Unterricht so zu gestalten, dass sich möglichst alle angesprochen und einbezogen fühlen und zugleich dazu eingeladen werden, eigene Vorurteile zu reflektieren.»
Der Begriff «rassismuskritisch» kann so erklärt werden: «Rassismuskritisch zu arbeiten, bedeutet, Rassismus als gesellschaftliches Macht- und Ungleichheitsverhältnis zu verstehen und kritisch zu analysieren. Dabei richtet sich der Fokus auf Strukturen wie zum Beispiel Institutionen, Gesetze, das Bildungssystem, auf gesellschaftliche Normen, die vorgeben, wer als ‹normal› gilt, auf Sprache und Bilder sowie auf eigene Denkweisen und Privilegien», erklärt Adam.
Literatur als Ermöglichungsdidaktik
«Waldorfpädagog:innen können Themen wie Gender, (Anti-)Diskriminierung, (Anti-)Rassismus, Adultismus, Familie oder Diversität in den Unterricht integrieren, indem sie Vielfalt und Mehrperspektivität auf unterschiedlichen Ebenen ermöglichen», sagt Adam. «Ich schlage vor, eine diversitätssensible und rassismuskritische Literaturdidaktik als Teil einer umfassenden ‹Ermöglichungsdidaktik› zu verstehen. Es geht nicht um moralisierende Belehrung, sondern um das Schaffen von Erfahrungsräumen, in denen unterschiedliche Lebensweisen, Identitäten und Sichtweisen vorkommen können. ‹Ermöglichungsdidaktik› verstehe ich als eine Didaktik, die Kindern und Jugendlichen ermöglicht, das zu werden, was sie sein wollen. Dazu müssen sie verschiedene Wege kennenlernen. Wir können in der Waldorfpädagogik Räume schaffen, in denen Fragen gestellt, Differenzen wahrgenommen und neue Sichtweisen erprobt werden können.»
Waldorfpädagog:innen können Literatur zu den oben genannten Themen zur Verfügung stellen. Entweder in einer Klassenbücherei oder durch Einbeziehung der Literatur in den Unterricht. In den ersten Schuljahren steht dabei nicht im Fokus, diese Themen zu analysieren, sondern vielmehr, den Literaturkanon an unsere Zeit anzupassen. «Literatur kann Kinder darin unterstützen, zu verstehen, dass es viele verschiedene Möglichkeiten gibt, ein Kind zu sein, und ebenso unterschiedliche Weisen, ein Mädchen oder ein Junge zu sein», sagt Adam. «Kinderliteratur eröffnet die Chance, Vielfalt von Anfang an als Normalität zu begreifen. Bücher wie Teckel Tom oder Julian ist eine Meerjungfrau – eine Geschichte über einen Jungen, der gerne Kleider trägt – können dazu beitragen, offene Welt- und Gesellschaftsbilder zu entwickeln.»
Auch Rudolf Steiner ist für die Berücksichtigung unterschiedlicher Perspektiven eingetreten, erklärt Adam: «In der Vortragszusammenstellung Der menschliche und der kosmische Gedanke formulierte Steiner die Idee, dass es im Denken und in der Weltanschauung nicht nur eine ‹einzig richtige Sicht› gebe, sondern eine Vielzahl jeweils einseitiger, aber legitimer Perspektiven – mögliche ‹Nuancen des Blickes auf die Welt›, die zusammengenommen ein vollständigeres Bild der Wirklichkeit ergeben. An diese Sichtweise können wir anknüpfen und mit Kindern von Anfang an Multiperspektivität entdecken.»
Bücher auf dem Prüfstand
Das Einbeziehen diversitätssensibler und rassismuskritischer Literatur sollte in allen Bereichen der Waldorfschule geschehen. Ein Projekt der Pädagogischen Forschungsstelle untersucht seit 2024 englische Publikationen im Hinblick auf Rassismus, Diskriminierung und Diversität.
«Die Analyse zeigt, dass viele Werke eurozentrische, rassistische und stereotype Inhalte reproduzieren, was die Macht von Sprache und Narrativen verdeutlicht», heißt es in der Projektbeschreibung. Es wird betont, wie wichtig eine diskriminierungs- und rassismuskritische Bildungsarbeit ist, um gesellschaftliche Normen zu hinterfragen und vielfältige Perspektiven in den Unterricht zu integrieren.
Seit letztem Jahr hat das Team Literatur-Empfehlungen für Englischlehrkräfte in der Waldorfschule veröffentlicht: forschung-waldorf.de/publikationen/lektueren-englisch-oberstufe. Auch die Publikationen der Pädagogischen Forschungsstelle für den Bereich Englisch wurden einer diskriminierungs- und rassismuskritischen sowie diversitätssensiblen Untersuchung unterzogen. Infolgedessen wurden Lektüren aussortiert und neue, passende Literatur veröffentlicht (siehe hierzu auch den Artikel «Englisch multiperspektivisch» in der Erziehungskunst März 2026).
Geschichten von autonomem weiblichem Leben
Die genannten Aspekte betreffen auch den Erzählteil im Waldorfunterricht. Adam nennt hier die Märchen als Beispiel. Märchen sind eine zentrale literarische Gattung und vermitteln Kindern grundlegendes Welt- und Deutungswissen. Sie haben auch weiterhin eine wichtige Bedeutung im Waldorfunterricht. Trotzdem könnte der Kanon erweitert werden. «Es sollten nicht nur Prinzessinnen vorkommen, die auf ihre Rettung durch einen Prinzen warten, sondern auch Mädchen und junge Frauen, die ihr Leben selbst gestalten und öffentlich wirksam werden», sagt Adam. «Mir ist es wichtig, Geschichten zu erzählen, die autonomes weibliches Leben als möglich und gelungen darstellen.»
Obwohl sich auch schon in der Vergangenheit Lehrkräfte diesen Themen gewidmet haben, fehlt es Pädagog:innen an ausreichend adäquaten Materialien, Herangehensweisen und Methoden, um ein diversitätssensibles und rassismuskritisches Bewusstsein in die Waldorfpädagogik hineinzubringen. Mit den Erneuerungen der Pädagogischen Forschungsstelle, dem Erforschen dieser Bereiche und der Integration in die Lehrkräfteausbildung sind erste Schritte in die richtige Richtung gemacht.
«Kinder sollten wahrnehmen, dass Pädagog:innen sich ernsthaft um Fairness und Gerechtigkeit bemühen – auf allen Ebenen der Schulkultur», sagt Adam. «Das betrifft den Umgang mit Kindern, Jugendlichen, Eltern und Kolleg:innen ebenso wie den Umgang mit Geschichten. Vielfalt sollte so weit wie möglich berücksichtigt werden.»
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